Tiere in Coronazeiten Hunderetter stoßen an ihre Grenzen

Da in Corona-Zeiten die Nachfrage nach Hunden groß ist, werden von zwielichtigen Händlern offenbar auch ehemalige Straßenhunde aus Osteuropa  verkauft, die   bereits als Welpen gelernt haben, sich vor Menschen in Acht zu nehmen. Foto: dpa/Sergei Supinsky
Da in Corona-Zeiten die Nachfrage nach Hunden groß ist, werden von zwielichtigen Händlern offenbar auch ehemalige Straßenhunde aus Osteuropa verkauft, die bereits als Welpen gelernt haben, sich vor Menschen in Acht zu nehmen. Foto: dpa/Sergei Supinsky

Nadja Pawert aus Waldenbuch betreibt die Seite „Hund entlaufen Baden-Württemberg“. Noch nie mussten sie und ihre Kollegen so viele Tiere sichern. Was hat Corona damit zu tun?

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Waldenbuch - Wanja war die Erste. 2013 lief der Schäferhund-Mix am Katzenbacher Hof in Stuttgart-Vaihingen davon, irgendwo in den Wald. Nadja Pawert war der Hündin zuvor noch nie begegnet, aber sie wollte helfen. „Ich habe gedacht, ich gehe sowieso immer raus, dann kann ich mich ja einbringen.“ Die Hundefreundin schloss sich einem Trupp an, verteilte Flyer, stellte Lebendfallen auf, schaffte Wildkameras an. Ein Jahr lang wurde intensiv nach Wanja gefahndet. Nichts. Der Hund blieb verschollen. „Das hat dazu geführt, dass wir irgendwann die ganzen Sachen hatten und das Know-how. Dann sagten wir uns: Wenn wir schon nicht Wanja sichern, dann wenigstens andere Hunde.“

Heute betreibt Nadja Pawert die Homepage „Hund entlaufen Baden-Württemberg“. Die gleichnamige Facebook-Seite haben mehr als 27 000 Menschen abonniert. Die 46-Jährige aus Waldenbuch veröffentlicht dort Suchmeldungen, außerdem berät sie die verzweifelten Frauchen und Herrchen. Wie und wo stellt man Fallen auf, wer muss benachrichtigt werden, wenn ein Hund weg ist, wie sieht ein aussagekräftiges Suchplakat aus? Und: Sie und zehn weitere Freiwillige, verteilt übers ganze Bundesland, rücken aus, um die Halter aktiv zu unterstützen. Alles rein ehrenamtlich. Nadja Pawert arbeitet als Lehrerin. Ihre Freizeit opfere sie für die Hunde. „Wir sind fast täglich irgendwo im Einsatz“, sagt sie. „Leider, weil es heftig geworden ist“, schiebt sie nach.

Mitunter müsse ein Freiwilliger mehrere Suchen parallel betreuen

So viele Hunde wie derzeit musste das Team noch nie sichern. Nadja Pawert erklärt: Insgesamt 52 entlaufene Tiere konnten sie und ihre Mitstreiter im Jahr 2020 einfangen – nach tage- oder gar wochenlangen Suchen, denn „die wenigsten gehen straight in die Falle“. Oftmals schlage man sich die Nächte um die Ohren. Zum Vergleich: Zwischen 2014 und 2020 seien ähnlich viele Hunde gesichert worden. Allerdings insgesamt. „Wir waren schon 2020 am Limit, dann haben wir aber gesehen, dass 2021 keinen Deut besser ist“, sagt sie. Mitunter müsse ein Freiwilliger mehrere Suchen parallel betreuen. „Das ist nicht möglich. Wir haben alle Berufe.“ Nadja Pawert spricht von einem Limit, das erreicht sei.

In Nadja Pawerts Augen hat das alles indirekt mit Corona zu tun. Tatsächlich gibt es seit dem Ausbruch der Pandemie einen Hundeboom. Viele, viele Menschen haben sich in den vergangenen Monaten einen neuen tierischen Mitbewohner zugelegt. Züchtern und Vermittlern werden Hunde fast schon aus den Händen gerissen. Und da liegt für Nadja Pawert eine Wurzel allen Übels, denn oftmals landen ehemalige Straßenhunde aus Rumänien, Bulgarien oder Ungarn in Deutschland, also schreckhafte Tiere, die bereits als Welpen gelernt haben, sich vor Menschen in Acht zu nehmen. Nadja Pawert weiß von „krassen Angsthunden, die werden dann aus dem Rudel herausgerissen und auf irgendein deutsches Sofa gesetzt“. Resultat: Gerade bei unerfahrenen Haltern seien diese Tiere bei der ersten Gelegenheit auf und davon, etwa, indem sie aus dem Halsband schlüpften oder Leinen durchbissen. „Es sind fast alles keine Hunde, die schon lang in der Familie leben“, sagt sie über die jüngsten Rettungseinsätze. „Die Hundeschwemme ist für uns total problematisch.“

Vereine schauen, ob Mensch und Tier zusammenpassen

Nadja Pawert betont: Viele Vereine und Organisationen gehen verantwortungsvoll mit dem Thema um. Sie berieten die Interessenten intensiv, schauten, ob Tier und Menschen zusammenpassten. Aber die hohe Nachfrage rufe auch schwarze Schafe auf den Plan. „Es gibt viele Geschäfte. Es gibt richtig viel Tierschmutz in der Richtung.“ Sie würde sich zwei Dinge wünschen. Zum einen, dass die Tierschutzvereine in puncto Angsthunde noch besser aufklären, auch in puncto Doppelsicherung, also Gassi gehen mit zwei Leinen an Geschirr plus Halsband. Gleichwohl müssten Halter besser auf- und ihr Verhalten anpassen. „Das ist eine Wahnsinnsverantwortung.“

An diesem Abend wird Nadja Pawert wieder ausrücken. Es geht nach Renningen, einen Fangzwinger kontrollieren. Die Vorbereitungen laufen. Die Waldenbucherin hat bereits Reis gekocht. Später kommt ihre Spezialmischung dazu: Hähnchen mit Speck angebraten, dazu Leber- und Blutwurst. In der Hoffnung, dass der vermisste Hund sich davon endlich anlocken lässt.




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