Tiere in Feld und Weinberg Der Turmfalke thront auch in freier Luft

Von Michael Eick 

Rüttelflug als Markenzeichen: Der Vogel ist in Fellbach überall zu Hause, obwohl er selbst gar keine Nester baut und fast nur von einer Beute lebt. So gibt es im Leben der Turmfalken (Falco tinnunculus) gute und schlechte Zeiten.

Nur sehr selten schafft es ein Turmfalke, kleinere Vögel zu fangen. Foto: Michael Eick
Nur sehr selten schafft es ein Turmfalke, kleinere Vögel zu fangen. Foto: Michael Eick

Fellbach - Diesen Anblick kann man oft über dem Schmidener Feld oder über den Rebzeilen am Fellbacher Kappelberg sehen: Ein relativ kleiner, schlanker Greifvogel, der eifrig mit den Flügeln schlägt und sich doch kaum von der Stelle bewegt.

Ein Tier ist für den Turmfalken ganz entscheidend für den Bruterfolg: die Feldmaus

Diesen charakteristischen Rüttelflug sieht man fast ausschließlich beim Turmfalken. Auch der Mäusebussard rüttelt hin und wieder, ist aber deutlich größer und wirkt viel schwerfälliger. Die schlanken Turmfalken sind im Flug an ihren langen zugespitzten Flügeln und dem relativ langen Schwanz meist leicht zu identifizieren.

Ein Tier ist für den Turmfalken ganz entscheidend für den Bruterfolg: die Feldmaus. Sie steht auf der Beuteliste ganz oben. Turmfalken können auch Eidechsen und größere Insekten – bevorzugt Heuschrecken und Käfer – erbeuten. Wenn es hart auf hart kommt, schnappen sie sich auch mal einen Regenwurm. Nur sehr selten schafft es ein Turmfalke, kleinere Vögel zu fangen – ganz im Gegensatz zu seinem größeren Verwandten, dem Wanderfalken, der fast ausschließlich fliegende Beute im Visier hat und sich normalerweise für nichts interessiert, was auf dem Boden herum kreucht. Ganz anders der Turmfalke: Von erhöhter Sitzwarte aus – oder eben aus dem Rüttelflug, wenn es nichts zum Draufsitzen gibt – „scannt“ er förmlich den Boden unter sich. Sobald der Falke jedoch eine verräterische Bewegung erkennt, ist seine Aufmerksamkeit extrem fokussiert. Manchmal stößt er direkt neben einer Straße im Grünstreifen nach einer Maus, völlig ohne den Autoverkehr zu beachten. Meistens gehen die Manöver gut.

Die Beute wird übrigens gezielt mit einem Genickbiss in die „ewigen Jagdgründe“ befördert – relativ kurz und schmerzlos

Doch manchmal wird einem Falken sein „Tunnelblick“ zum Verhängnis, und er wird von einem vorbeifahrenden Fahrzeug erfasst. Meistens passiert das in dem Moment, in dem er mit oder ohne Beute nach erfolgten Sturzflug wieder abdrehen und durchstarten will. Deshalb findet man Turmfalken relativ häufig als Straßenverkehrsopfer am Straßenrand liegen. Als Beutegreifer ist man eben auch nicht unverwundbar.

Die Beute wird übrigens gezielt mit einem Genickbiss in die „ewigen Jagdgründe“ befördert – relativ kurz und schmerzlos. Dazu haben Falken einen sogenannten Falkenzahn, eine zweite Spitze nach der eigentlichen Hakenspitze am Schnabel. Dieser Falkenzahn passt in eine Aussparung am Unterschnabel und ist eine Angepasstheit an die spezielle Tötungsmethode der Falken. Im Vergleich dazu erledigen die eigentlichen Greifvögel als sogenannte „Grifftöter“ diesen finalen Schritt mit ihren kräftigen Krallen, die sich an den Greiffüßen befinden.

Die Spezialisierung auf eine Beutesorte bringt für den Turmfalken eine gewisse Abhängigkeit mit sich. Denn die Feldmaus-Populationen sind beträchtlichen Schwankungen unterworfen. Experten sprechen von sogenannten Gradationen. Zusätzlich scheinen die Feldmausbestände gebietsweise aufgrund intensiver landwirtschaftlicher Bewirtschaftungsmethoden zurückzugehen. Es gibt Jahre, in denen sie extrem häufig sind – 2020 scheint so ein starkes Feldmausjahr zu sein – und Jahre, in denen sie sehr rar sind. Dementsprechend schwankt auch der Bruterfolg des Turmfalken. In starken Feldmausjahren können die Mäusejäger zwei- oder sogar dreimal Brüten. Pro Brut können da schon mal bis zu fünf oder sechs Falkenküken im Nest sitzen.

Nach dem Ausfliegen kommt für die Jungfalken übrigens eine gefahrvolle und aufregende Zeit

Apropos Nester! Neben dem Schnabel haben die Falken eine weitere Besonderheit: Kein Falke baut ein eigenes Nest. Dazu nutzen sie Felsnischen und andere geeignete Hohlräume, und das besonders gerne in hohen Gebäuden oder eben Türmen – daher kommt auch der Name. Die enge Verbindung zum Menschen gibt es bestimmt schon seit Anbeginn der Bautätigkeit der Menschheit. Turmfalken beziehen in der freien Landschaft sonst auch gerne Nester von anderen Vogelarten, gewissermaßen als Nachmieter. Meist sind das dann ausgediente Krähen- oder Elsternnester. Diese Nester sind groß und stabil genug sind, um eine ganze Falkenbrut zu tragen. Denn wenn in einer solchen Falkenbrut sechs junge Falken zusammenhocken, kann es im Nest plötzlich schnell eng werden.

Nach dem Ausfliegen kommt für die Jungfalken übrigens eine gefahrvolle und aufregende Zeit. Die kleinen Tiere müssen nicht nur lernen, sicher zu fliegen, sondern vor allem auch selbstständig erfolgreich Beute zu machen. Leider überlebt nur ein kleiner Teil der jungen Falken diese Phase. Wäre es anders, bräuchte man viel mehr Türme und Hochhäuser, in denen all die Turmfalken nisten können und das hätte dann wieder Auswirkungen auf das Stadtbild.

Steckbrief

Turmfalken werden etwa 35 Zentimeter groß und haben eine Spannweite von bis zu 75 Zentimetern. Damit gehören sie bei uns zu den kleinsten Greifvögeln und Falken. Im Flug erkennt man sie an ihren falkentypisch langen und spitzen Flügeln. Die Geschlechter kann man äußerlich gut unterscheiden. Der Kopf und Schwanz der Männchen sind hell blaugrau, der Rücken rotbraun mit dunklen Sprenkeln, am Schwanz trägt er eine schwarze Endbinde. Die Weibchen sind an Kopf, Rücken und Schwanz rostbraun. Die Bauchseite ist beige bis gelblich mit Längsstricheln und dezenten tropfenartigen Flecken.

Speiseplan Turmfalken ernähren sich überwiegend von Mäusen, besonders von Feld- und anderen Wühlmäusen. Außerdem erbeuten sie Eidechsen und Insekten, seltener Regenwürmer. Die Nahrung kann man anhand von sogenannten Gewöllen analysieren, die Turmfalken ausspeien.




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