Tiere in Feld und Weinberg Ohne Maus ist auf dem Speiseplan nix los

Von Michael Eick 

Die Feldmaus (Microtus arvalis) ist wie Brot und Butter für viele Beutegreifer. Kein anderer Säuger vermehrt sich so extrem wie der kleine Nager. Das Jahr 2020 scheint ein starkes Feldmausjahr zu werden – was nicht alle freut.

Mit ihrem Appetit auf Feldfrüchte richtet die Feldmaus Schäden in der Landwirtschaft an. Foto: Michael Eick
Mit ihrem Appetit auf Feldfrüchte richtet die Feldmaus Schäden in der Landwirtschaft an. Foto: Michael Eick

Fellbach - Auf landwirtschaftlichen Flächen dominiert ein kleines Tierchen, das zahlenmäßig alle anderen Säuger abhängt – die Feldmaus. Da diese Wühlmaus in ihren unterirdischen Gängen nur selten nach oben kommt, ist sie kaum einmal über der Erde zu sehen. Das Tunnelsystem der winzigen Nager liegt etwa einen halben Meter unter der Erde. Ein solcher Bau hat gleich mehrere Ein- und Ausgänge, Fluchtröhren sowie größere Kammern für das Nest und für Futtervorräte.

Alle zwei bis drei Jahre kommt es zu regelrechten Massenvermehrungen

Die Baue werden auf Feldern, aber auch kurzrasigen Wiesen und Brachflächen, bevorzugt in trockenen Böden mit niedriger Vegetation angelegt. Manchmal bilden sich dabei richtige Kolonien, wenn weibliche Familienverbände, die sich normalerweise nach drei Wochen auflösen, bestehen bleiben. Die Männchen leben durchgehend einzelgängerisch und verpaaren sich nur kurz mit den Weibchen. Alle zwei bis drei Jahre kommt es zu regelrechten Massenvermehrungen, sogenannten Gradationen. Dann etablieren sich Nestgemeinschaften, und die Feldmäuse können dank einer hohen innerartlichen Stresstoleranz Dichten von bis zu zwei Dutzend Tieren auf 100 Quadratmetern erreichen. Normalerweise leben auf einer solchen Fläche lediglich drei bis fünf Mäuse.

In solchen Feldmausjahren ist der Tisch für Beutegreifer reich gedeckt. Viele Mäusefänger leben von ihnen: angefangen bei Vögeln wie Mäusebussard und Turmfalke über andere Greifvögel wie Korn- und Wiesenweihe, nicht zu vergessen der Graureiher oder die Vertreter der „Nachtschicht“ wie Schleiereule, Waldohreule und Steinkauz, bis zuletzt die Raubsäuger wie Rotfuchs, Steinmarder, Hermelin und Mauswiesel. Oft ist die Fortpflanzung der Beutegreifer eng an die Bestände der Feldmaus gekoppelt. Viele Mäuse bedeutet viele Greife und Eulen mit gutem Bruterfolg, ohne Maus ist jedoch nix los. Die Feldmaus ist damit ein entscheidender Baustein an der Basis der Nahrungspyramide in offenen Landschaften.

Auf den Feldern rings um Fellbach sieht man derzeit viele Feldmausgänge

Allerdings richtet sie in solchen Gradationsjahren auch mit ihrem Appetit auf Feldfrüchte Schäden in der Landwirtschaft an. Pro Tag verzehrt eine Feldmaus etwa zehn Prozent ihres Körpergewichts. Feldmäuse ernähren sich von dem, was rund um ihren Bau wächst, hauptsächlich von Gräsern und krautigen Pflanzen. Besonders Blätter, Blüten und Stängel von Klee und Luzerne, aber auch Raps stehen hoch im Kurs. Sie gehen aber auch an Getreideähren. Einiges lagern sie unterirdisch als Vorrat ein. Denn eine Feldmaus kann wegen ihres hohen Energieverbrauchs nur rund vier Stunden ohne Futter aushalten, dann braucht sie wieder etwas zum Knabbern. So lebt sie in einem zweistündigen Rhythmus aus Bewegungs- und Ruhezeiten. Im Winter lebt die Maus von Sämereien und liegengebliebenen Getreide- und Maiskörnern, aber auch von Wurzeln oder Rinde.

Auf den Feldern rings um Fellbach sieht man derzeit viele Feldmausgänge. Das Jahr 2020 scheint ein starkes Feldmausjahr zu werden. Die Ursachen und die Zusammenhänge für diese periodischen Schwankungen der Feldmausbestände sind noch nicht ganz bekannt. Die Vermehrungsrate scheint allerdings von verschiedenen sich teilweise gegenseitig beeinflussenden Faktoren abzuhängen: Wetterverhältnisse zur jeweiligen Jahreszeit, dem Lebensraum und der Nahrungsverfügbarkeit.

Nur rund vier Stunden ohne Futter hält es die Feldmaus aus, dann braucht sie etwas zum Knabbern

Auch die Art und Weise der landwirtschaftlichen Nutzung scheint eine Rolle zu spielen. Man weiß, dass in Bereichen mit großflächigen Monokulturen die Massenvermehrungen stärker ausgeprägt sind und die Schäden für die Landwirtschaft heftiger ausfallen. Oft wird dann mit Gift gearbeitet, um den kleinen Nagern den Garaus zu machen. Die Giftköder werden jedoch auch von anderen Tieren angenommen – zum Beispiel vom Feldhamster. Dies zumindest in Gegenden, wo es diese seltenen Säuger überhaupt noch gibt. Aber auch Greifvögel und Eulen sind dadurch bedroht, denn sie vergiften sich indirekt über die vielen Mäuse, die sie zu sich nehmen.

Noch schlimmer ist der Einsatz von nicht selektivem Gift, das flächig ausgestreut wird, für das allerdings eine Sondergenehmigung notwendig ist. Statt des Einsatzes von Nagergiften kann aber auch präventiv gearbeitet werden, zum Beispiel durch tieferes Pflügen oder natürlich, indem Beutegreifer wie Eulen und Greifvögel gefördert werden. Normalerweise brechen dann die übergroß gewordenen Bestände in kurzer Zeit großräumig ganz von alleine zusammen. Diese normalen Schwankungen der Feldmauspopulation müssen in der Landwirtschaft immer miteinkalkuliert werden. Denn sie gehören zum Lebensraum Feld dazu wie Sonne und Regen. Davon gibt es auch mal zu wenig oder zu viel.

Steckbrief

Die Feldmaus hat einen länglichen Körper mit schmalem Kopf, kurzen Beinchen und relativ kurzem Schwänzchen. Auch die Ohren sind verhältnismäßig klein, zudem hat das Tier schwarze Knopfaugen. Die Oberseite der Feldmaus ist hell bräunlich, die Unterseite ist noch etwas heller. Die Feldmaus wird bis 16 Zentimeter groß und wiegt zwischen 15 und 50 Gramm.

Die kleinen Tiere ernähren sich von Feldfrüchten, Kräutern und Gräsern. Auch Sämereien und Kerne sowie Insekten stehen auf dem Speiseplan.

Zu den Feinden der Feldmaus zählen Rotfuchs, Mauswiesel und Hermelin, Greifvögel (Mäusebussard, Rotmilan, Turmfalke) sowie Eulen (Schleiereule, Waldohreule, Steinkauz).

Feldmäuse benutzen oberirdisch immer dieselben Pfade, die ein verzweigtes Wegenetz bilden. Auf diesen platt getretenen Wegstrecken, die auch unter Schnee verlaufen, können sich die kleinen Tiere schnell bewegen. Man könnte also auch von einer Mäuse-Autobahn sprechen. Mit mehreren Eingängen zum unterirdischen Bau sind diese Wege miteinander verbunden.




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