Tiere in Stuttgart Wo sind all die Vögel hin?

Der Abwärtstrend beim Grünfink ist besorgniserregend. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Die Menschen haben während Corona ihre Liebe zur Natur und Vogelwelt entdeckt: Bei der „Stunde der Wintervögel“, einer Vogelzählung des NABU, wurden alle Mitmachrekorde gebrochen. Allerdings ist die Zahl der Vögel deutlich runtergegangen.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Stuttgart - Im Coronajahr haben viele Menschen ihre Begeisterung für die Natur und die Vogelwelt entdeckt. Bei der Stunde der Wintervögel, einer Vogelzählung des Naturschutzbundes (Nabu), wurden so alle Mitmachrekorde gebrochen: Mehr als 236 000 Menschen nahmen bundesweit vom 8. bis 10. Januar an der 11. „Stunde der Wintervögel“ teil – ein sattes Plus von 65 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch in Baden-Württemberg waren mehr als 23 000 Menschen eine Stunde lang mit Fernglas, Handy und Stift dabei (plus 45 Prozent), um über eine Million Vögel aus über 16 000 Gärten zu melden.

 

Die Zahl der dabei gezählten Vögel selbst ist indes nicht gestiegen, sondern sogar zurückgegangen. „Es sind deutlich weniger beobachtet worden“, sagt Ulrich Tammler, Ornithologe beim Nabu Stuttgart. Auch die Futterhäuschen seien wenig frequentiert worden. Bundesweit wurden nur durchschnittlich 32 statt 36 Vögel – wie noch im Januar 2020 – pro Garten gesichtet. „Das sieht bei uns ganz ähnlich aus, auch wenn es durchaus Verschiebungen zwischen Nordosten und Südwesten gibt, was die einzelnen Arten angeht“, sagt Tammler. So wurden bundesweit etwa positive Rekordwerte bei den Rotkehlchen erreicht, in Stuttgart beziehungsweise im Südwesten waren „Rotkehlchen so selten wie nie“.

Meisen zeigen ein komplexes Zugverhalten

Warum generell weniger Vögel angetroffen wurden, darauf gebe es keine einfache Antwort, so Tammler. Vermutet werde aber ein schwacher Einflug der Wintergäste aus dem Norden. Denn je milder der Winter, desto weniger zieht es die Vögel in wärmere Regionen im Süden und Westen. Es sei aber schwer, die Herkunft der Vögel im Winter zu beurteilen, etwa die der Kohlmeisen, von denen sich nur noch drei statt fünf blicken ließen. Auch andere Meisenarten fehlten, teils halbierten sich die Sichtungen sogar.

Der Grund für die schwierige Herkunftsbestimmung ist, dass Meisen ein komplexes Zugverhalten zeigen: Sie sind Teilzieher. Sie zeigen zum Teil Zugverhalten, aber zahlreiche Individuen träten als sogenannte Standvögel auf. In unseren Breiten ist davon auszugehen, dass die Meise als solcher auftritt. Im Norden des Verbreitungsgebietes lebende Vögel ziehen witterungsabhängig zum Teil weg.

Tammlers Vermutung ist, dass aber in diesem Jahr „bei uns ein großer Teil weggezogen ist – und nichts oder nur wenig aus dem Norden nachgekommen ist, weil es dort zu warm geblieben ist“. Denn obwohl es im Januar auch im Norden noch erheblich kalt wurde, hätten sich Meisen, Buchfinken und Rotkehlchen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr auf den Weg gen wärmere Gefilde gemacht: „Diese Vögel sind Kurzstreckenflieger“, sagt Tammler. „Wenn der Winter mild ist, warten die erst mal ab. Wenn es schrittweise kälter wird, rücken sie nach und nach ab. Wenn es aber schlagartig sehr kalt wird und die Hagebutten und Co. an den Bäumen und Sträuchern gefrieren, bleiben die meisten Vögel dennoch, denn der Energieaufwand für den Zug gen Süden wäre zu groß.“ Vor allem die Kleinen müssten sich sehr genau überlegen, ob sie ein paar kalte Tage aushalten und darauf hoffen, dass es bald wieder wärmer wird, oder ob sie wegziehen – ohne zu wissen, ob sie 5000, 10 000 oder 15 000 Kilometer zurücklegen müssen, um wieder Futter zu finden. „Und 15 000 Kilometer, das schaffen sie meist nicht“, sagt Tammler. Also bleiben die meisten kleineren Vogelarten da: „Je größer der Vogel, desto eher nimmt er das Risiko auf sich.“

„Es ist nicht so, dass immer nur das Klima der Auslöser ist“

So weit, so gut. Bleibt die Frage, warum die Meisen und Co. bei uns weggezogen sein sollen – schließlich war es ja auch hier warm. „Es ist nicht so, dass immer nur das Klima der Auslöser ist. Ein Vogel erfriert bei Kälte nicht – aber er kann verhungern“, sagt Tammler. Es könne also sein – genau sagen könne man dies aber nicht mit Gewissheit –, dass sich hier etwas am Nahrungsangebot verändert hat, etwa könne ein Rückgang an Insekten, die hier überwintern, daran schuld sein. „Wenn die nicht da sind und zudem die Körner, auf die Meisen sich umstellen können, rar sind, dann ziehen auch sie weg.“ Da könnten auch Futterhäuschen nur bedingt helfen. Zumal dies nur dann angenommen würden, wenn sie Ende Oktober/Anfang November aufgestellt und bestückt würden: „Die Vögel schauen sich zu Beginn des Winters um, wo es gute Futterstellen gibt.“

Es wird nicht still im Frühjahr

Besorgniserregend sei der Abwärtstrend beim Grünfinken, der sich unverändert fortsetze. Diesmal wurden nur noch 0,9 Grünfinken pro Garten gemeldet (minus 24 Prozent). Damit gibt es heute nur noch ein Viertel der Grünlinge, die 2011 noch die Gärten bevölkerten. Als Ursachen kommen eine Infektion und Nahrungsmangel in der Feldflur infrage. Leichte Erholung verzeichnete dagegen die Amsel, nach der schweren Usutu-Epidemie des Sommers 2018 (plus 5 Prozent zu 2020). Oft werde er gefragt, ob wir einen stillen Frühling zu erwarten hätten. „Die Befürchtung muss man nicht haben“, so Tammler. Um die Waldvögel müsse man sich keine Gedanken machen – einzig die Entwicklung rund um das Thema Trockenheit müsse man im Auge behalten. Um die Stadtvögel müsse man sich lediglich „kümmern“. Um die Vögel in der Feldflur müsse man sich aber wirklich Sorgen machen, so Tammler.

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