Tiere „Schlangen wollen sich Bisse ersparen“

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Der Ophidiologe Sebastian Lotzkat erforscht seit 15 Jahren Schlangen in freier Wildbahn. Nun hat er eine „Liebeserklärung an das unpopuläre Tier“ geschrieben. Im Gespräch plädiert er für ein Umdenken gegenüber Reptilien.

Bitte recht freundlich: Diese 2002 in Thailand entdeckte Schlangenart hört auf den Namen Gumbrechts Grüne Grubenotter  (trimeresurus gumprechti). Foto: WWF
Bitte recht freundlich: Diese 2002 in Thailand entdeckte Schlangenart hört auf den Namen Gumbrechts Grüne Grubenotter (trimeresurus gumprechti). Foto: WWF

Schlangen haben vor Menschen oft mehr Angst als umgekehrt, sagt der Biologie und Buchautor Sebastian Lotzkat. Wer etwa im Urlaub einer unbekannten Schlangenart begegnet, sollte vor allem cool bleiben, rät der Experte.

Herr Lotzkat, Sie stellen in Ihrem Buch eine interessante Statistik auf: Sie sind 616 Schlangen begegnet, davon waren 85 giftig. 540 Schlangen sind Sie nahe gekommen, 339 davon haben Sie gefangen. Nur 41 haben versucht, Sie zu beißen. Man könnte meinen, Schlangen wollten gar nicht beißen.
Der Biss ist aus Schlangensicht eine Ultima Ratio. Eine Schlange hat kein Interesse daran, uns nahe zu kommen. Wenn sie sich den Biss sparen kann, entspricht das wesentlich mehr ihrem Schlangenwesen. Ich bin in der Tat mehrfach giftigen Schlangen viel zu nahe gekommen, und ich hatte dabei großes Glück, dass nichts passiert ist. Mit anderen Worten: Ich habe davon profitiert, dass mein Gegenüber nicht garstig war.
Sie sagen, dass eine Schlange selbst dann, wenn sie auf einen zukriecht, in den meisten Fällen nicht angreift, sondern flüchtet – sofern man ruhig stehen bleibt.
In aller Regel wird eine normal gepolte Schlange nicht auch noch einen Weg zurücklegen, um zu dem letzten ­Mittel der Verteidigung zu greifen, das sie hat. Meist ist das Schlimmste, was einem passieren kann, der Angstschiss – allerdings auch nur, wenn man die  Schlange fängt. Der stinkt dann aber wirklich fürchterlich.
In meiner Vorstellung sind Schlangen vor ­allem schnell und unberechenbar . . .
Was die Schnelligkeit betrifft: Das ist Bullshit. Es existieren überraschend wenige verlässliche Messungen. Am besten dokumentiert sind die Gleitflüge der Schmuckbaumnattern. Die schaffen es auf fast 40 Stundenkilometer. Aber auf ebenem Boden ist meines Wissens nichts gemessen worden, was über 13 Stundenkilometer hinausgeht. Auch wenn im Internet immer wieder die Rede davon ist, dass eine schwarze Mamba auf eine Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern kommt: Das ist meines Erachtens nicht belastbar.
Sie beschreiben Schlangen als sehr sympathisch. Waren Sie schon immer so begeistert von diesen Tieren?
Als kleiner Junge hatte ich ein recht breites Portfolio von Lieblingstieren. Tatsächlich hat mein Vater mir immer Geschichten erzählt, wie er Schlangen fing und in einer Schuhschachtel unter dem Bett hielt. Das war natürlich eine gute Voraussetzung, dass keine Ängste entstanden sind. Bis ich dann die erste Schlange selber mit der Hand gefangen habe, musste ich allerdings Biologie studieren. Ich fand es immer unglaublich spannend, wie man sich so geschmeidig und so mühelos bewegen kann.
Folgen wir also Ihrem Rat und versetzen uns in eine Schlange hinein, die plötzlich einen Menschen vor sich hat . . .
Aus Sicht der Schlange sind wir groß, laut und alles andere als feinfühlig – eine ­bedrohliche Erscheinung, die instinktiv betrachtet nichts Gutes bedeuten kann.
Das liest sich in Ihrem Buch geradezu rührend: „Während Sie angesichts der immensen Gefahr vorübergehend in eine Art Schreckstarre verfallen und darauf hoffen, dass sich das Problem bitte schön jetzt gleich irgendwie von selbst erledigen möge, ziehen schon mal ausgewählte Szenen Ihres Lebens vor Ihrem inneren Auge vorbei.“
Ich stelle mir jedenfalls vor, dass die Schlange das so sieht. Und es macht evolutionsbedingt auch Sinn, dass sie Angst vor uns hat. Wir könnten ja beispielsweise ein Storch sein, der die Schlange auf dem Speiseplan hat. Es ist eine im Tierreich auch sonst sehr verbreitete Strategie, dass man größeren ­Wesen gegenüber größtmögliche Vorsicht walten lässt.
Nehmen wir mal an, diese Begegnung findet hier bei uns in Deutschland statt – dann gibt es nur sechs Schlangenarten, die infrage kommen. Und nur zwei davon sind giftig. Aber was mache ich, wenn ich das Pech habe, einer der beiden zu begegnen?
Ich würde da nicht von Pech sprechen, sondern mich an dem Tier freuen, so gut es geht. Von Angriffslust kann weder bei der Kreuzotter noch bei der Aspisviper die Rede sein. Letzterer werden Sie nur in einem sehr eingeschränkten Stück Südschwarzwald begegnen. Hochschwarzwald und Schwäbische Alb sind dagegen tatsächlich Kreuzotternland. Die Kreuzotter ist also ein wenig einfacher zu finden. Es ist eine kleine Schlange, gut getarnt und ziemlich scheu. Sie bleibt aber auch manchmal bis zum letzten Moment liegen.
Was die anderen deutschen Schlangen betrifft, schreiben Sie, Ringelnattern seien früher mal so etwas wie Haustiere gewesen. Wie muss ich mir das vorstellen?
Die Ringelnattern haben sich früher sicher nicht ständig im Inneren des Hauses aufgehalten. Aber es ist eine Tatsache, dass sie lernen können, ihre Scheu vor Störfaktoren zu überwinden, wenn diese regelmäßig wiederkehren. Die Schlange wurde damals respektiert, und das haben die Tiere sicher spitzbekommen. Sie haben nicht die Nähe des Menschen, sondern eher die menschliche Infrastruktur gesucht, also beispielsweise die Komposthaufen. Die dienen ihnen als Ei-Ablageplatz. Ringelnattern fressen zwar am liebsten Amphibien, aber aus Zürich gibt es Berichte, dass sie als Hausschlangen auch Nager vertilgt haben.
Und wie verhalte ich mich im Urlaub, wenn ich einer unbekannten Schlange begegne? Gibt es eine Regel für alle?
Generell wäre ich immer vorsichtig bei Schlangen, die viele kleine Schüppchen auf dem Kopf haben statt großer Schilde oder die geschlitzte Pupillen haben. Es gibt aber auch ungiftige Schlangen, die diese Merkmale haben, und sehr giftige mit großen Kopfschuppen und runden Pupillen. Eine Gruppe giftiger Schlangen, die man immer gut erkennt, das sind die Grubenottern, eine Unterfamilie der Vipern. Die sind gut an ihrem Grubenorgan zwischen Nase und Auge zu erkennen. Global würde ich immer auf diese Regeln setzen: cool bleiben, stehen bleiben und überlegen, wie könnte das hier weitergehen und was kann ich dafür tun, dass es für alle glimpflich verläuft.
Das mit dem Coolbleiben sagt sich so einfach, wenn man vor einer Schlange steht und Angst hat.
Das ist immer eine heikle Sache, wenn ich einem gefährlichen Tier gegenüber stehe. Dann ist die Frage: Lässt mein Instinkt mich dumm handeln, oder lasse ich, auch wenn ich schwitzige Hände bekomme, noch etwas Vernunft walten.
Wie kann ich mir diese Angstreaktion ­abtrainieren?
Ich bin ein großer Fan von Konfrontationstherapie. Ich habe das selber mit Spinnen ausprobiert. Es gab da ein prägendes Erlebnis als Kind. Von dieser Angst bin ich erst so richtig losgekommen, als ich auf einem Beobachtungsturm in Südamerika erneut mit Spinnen konfrontiert wurde. Ich musste durch mehrere Spinnennetze hindurchklettern, um durch eine Luke auf eine Plattform zu gelangen. Die Freunde, die vorausgeklettert waren, hatten das Netz zwar entfernt, aber ich musste trotzdem an den großen Spinnen vorbei, von denen da mindestens ein Dutzend hing. Weil ich mich in diesem Moment 28 Meter hoch über dem Boden befand, musste ich mir klarmachen, dass die Höhe auf einer so wackeligen Konstruktion ein viel größeres Problem ist, als es die Spinnen sind. Und danach war es dann auch gegessen.
Sie halten die Angst vor solchen Tieren – ob nun Spinne oder Schlange – nicht für eine angeborene Reaktion?
Ich bin überzeugt, dass es keine spezifische kindliche Furcht vor Schlangen, Schaben oder Mäusen gibt, sondern nur eine angeborene Skepsis gegenüber allem, was fremd ist. Ich glaube, dass man solche Ängste vor allem am Beispiel anderer Menschen lernt. Also beispielsweise, wenn Erwachsene die Kinder unbedacht damit infizieren.
Angenommen, ich möchte meinen Kindern heimische Schlangen so zeigen, wie man es mit anderen Tieren tut – wo finde ich sie?
Je reicher strukturiert ein Gebiet ist, desto schlangiger ist es. Es muss also viele Verstecke haben, Totholz, Gebüsch und so weiter – aber natürlich auch Sonnenplätze.
Wie wäre es mit einer Streuobstwiese?
Ja – am besten geht man dann am Rand entlang. Diese Gebüsche würde ich vorsichtig umrunden, und dort würde ich nach sich sonnenden Schlangen suchen. Oder denken Sie an die Weinberge im Neckartal, dort hat man bei den ersten Sonnenstrahlen sicher gute Chancen, Schlingnattern zu sehen.