Nach 32 Jahren geht Tierheimleiter Horst Theilinger (links) in den Ruhestand. Auch David Koch, der Vorsitzende des Tierschutzvereins Esslingen und Umgebung mit Hündin Tina auf dem Arm, gibt sein Amt in wenigen Monaten ab. Foto: Roberto Bulgrin
Er hat die Ruhe weg. Esslingens Tierheimleiter Horst Theilinger bringt so leicht nichts aus der Fassung. Nun geht „Mister Cool“ in Rente. Viele Erinnerungen nimmt er mit.
Simone Weiß
10.07.2025 - 08:00 Uhr
Tina hat es richtig gut. Denn die kleine Hündin hat ihr Herrchen nun bald in Vollzeit ganz für sich. Bisher musste sie ihn mit dem Tierheim Esslingen teilen. Doch nun schließt Horst Theilinger die Tür zu der Einrichtung auf der Neckarinsel hinter sich zu: Nach 32 Jahren geht der Leiter in den Ruhestand. Am heutigen Donnerstag, 10. Juli, ist sein letzter Arbeitstag.
Den Artikel in der Eßlinger Zeitung zu seinem Dienstantritt hat er aufbewahrt. Das Foto zeigt ihn in der Ausgabe vom 1. Juli 1993 noch mit ungezähmter blonder Lockenmähne: „Die Haarpracht war echt und alles Natur.“ In der Überschrift des Berichts wird er mit dem Satz zitiert: „Diese Arbeit hat Sinn.“ Eine Aussage, die der 1965 in Mettingen Geborene sofort wieder unterstreichen würde. Hätte er nochmals die Wahl, er würde sich wieder so entscheiden.
Das Esslinger Tierheim hat sich Anfang Juli 2024 ein neues Maskottchen angeschafft. Plüschhund Fibs kommt bei den Besuchern gut an – sogar besser als sein Vorgänger Fetz. Sehr zur Freude von Manuela Eberspächer vom Tierheim-Team und Leiter Horst Theilinger. Foto: Roberto Bulgrin
Eine Lehre bei der Post hatte er nach dem Hauptschulabschluss mit mäßiger Begeisterung zu Ende gebracht. Die Eltern wollten, dass der Junge etwas Solides macht. Solide vielleicht. Doch es füllte den Tierfreund nicht aus. Die zweite Ausbildung zum Industriekaufmann hat er auch abgeschlossen und danach bei einem großen Autohersteller in der Region gearbeitet.
Der Esslinger Tierheim-Job war für Theilinger der Sechser im Lotto
Für viele ein Sechser im Lotto. Doch Horst Theilinger suchte nach einem anderen Hauptgewinn. Schon immer, sagt er, habe er Tiere gehabt und über sie Kontakt zu dem damaligen Vorsitzenden des Esslinger Tierschutzvereins, dem Tierarzt Siegfried Walter, bekommen. Der Veterinär erzählte ihm, dass in absehbarer Zeit die Leiterstelle im Tierheim frei werden würde. Hätte Horst Theilinger nicht Interesse daran? Er hatte: „Mit Tieren zu arbeiten, das war mein absoluter Traum.“
Doch nicht immer waren die Arbeitsbedingungen nur traumhaft. Die Verwaltungsaufgaben, sagt Horst Theilinger, wurden mit der Zeit immer mehr. Ebenso die Personalverantwortung. Angefangen hat er in einem sehr kleinen Team, aktuell sind im Tierheim Esslingen 21 Mitarbeitende beschäftigt. Die Geschäftsstelle in der Grabbrunnenstraße kam dazu. Akten kann man weglegen. Computer herunterfahren. Schreibtischschubladen schließen. Doch Tiere sind ein Fulltime-Job. Anfangs wohnte Horst Theilinger in der Dienstwohnung im Tierheim. Keine Fahrtzeiten zur Arbeit und die extreme Nähe zur Wohnung waren die Vorteile. Aber es gab auch eine 24-Stunden-Verfügbarkeit und die schwierige Abgrenzung zum Privatleben: „Wenn die Leute abends vorbeikamen und noch Licht sahen, dann haben sie geklingelt.“
Etwa 160 Tiere kann das Tierheim aufnehmen. Vor allem der Katzenbereich, sagt Horst Theilinger als scheidender Leiter, sei manchmal sehr voll. Foto: Roberto Bulgrin
Die Arbeit im Tierheim Esslingen kann einen vereinnahmen
Vor einigen Jahren wurde es dann eng im Tierheim, die Räumlichkeiten wurden gebraucht, und die Dienstwohnung musste aus Platzgründen aufgegeben werden. Horst Theilinger zog in sein bisheriges Ferienhäuschen auf den Fildern. Für das und seine Hobbys Schwimmen und Sport hat er nun mehr Zeit. Tiere hat er auch zu Hause – seine ständige Begleiterin Hündin Tina, Schildkröten, Katzen. Das Tierheim gibt er auf. „Die Jungen an die Macht“, witzelt Horst Theilinger. Ernster fügt er hinzu, dass er jetzt einfach mehr Freizeit und Zeit für sich haben wolle. Die ersten drei Monate im Ruhestand, scherzt er dann weiter, werde er wohl nur schlafen.
Schaufensterpuppe sorgt für Schockmoment im Tierheim Esslingen
Viele Erinnerungen lässt er zurück. Amüsante, schwere und belastende Erlebnisse. Glimpflich ging einer dieser Fälle aus. Eine ehrenamtliche Gassi-Geherin hatte in der Nähe des Tierheims einen vermeintlich menschlichen Arm entdeckt, der aus einem Holzstapel herausragte. Horst Theilinger und David Koch, der Vorsitzende des Tierschutzvereins Esslingen und Umgebung, eilten hinzu und wollten sich die Lage vor Ort anschauen, bevor sie die Polizei verständigten. Kein Mord. Eine Schaufensterpuppe war auf der Neckarinsel abgelegt worden.
Bernhardiner Bruno blieb Dauergast im Tierheim Esslingen
Neben vielen anderen Tierheim-Episoden spuckt Bruno noch immer im Gedächtnis von Horst Theilinger herum. In früheren Zeiten, sagt er, habe es im Tierheim einen Bernhardiner dieses Namens gegeben. Bei ihm und allen, die er kannte, war der Hund lammfromm. Doch wenn Besucher kamen, die ihn vielleicht mitgenommen hätten, wurde er aggressiv. So blieb Bruno Dauergast im Tierheim. Horst Theilinger tat er leid: „Ich hätte ihn gerne in ein nettes Zuhause vermittelt.“ Doch nicht jedes Zuhause ist nett. Vor vielen Jahren wurden die Tierschützer in eine Wohnung in Hochdorf gerufen, in der etwa 120 Kleintiere, vor allem Kaninchen und Meerschweinchen, in unbeschreiblichen Zuständen hausen mussten. Viele der Tiere hatten Bisswunden, andere lagen tot auf dem Fußboden, manche waren gar skelettiert.
Solche Härtefälle erfordern gute Nerven. Horst Theilinger sei immer die Ruhe in Person gewesen, charakterisiert Manuela Eberspächer vom Tierheim-Team den scheidenden Leiter. Von seinen Kollegen ist „Mister Cool“ während der letzten Jahreshauptversammlung des Tierschutzvereins bereits verabschiedet worden. Einen Gutschein für eine Therme in Bayern gab es als Geschenk. Genau das Richtige für den Schwimmfan. Dann wird Hündin Tina ihr Herrchen noch einmal entbehren müssen – in den Schwimmbereich darf sie nicht mit. Doch sonst hat sie in nun in Vollzeit für sich.
Das Tierheim und seine Leiter
Tierheim Ende 1962 war das Tierheim auf der Neckarinsel eingeweiht worden, das anfangs nur Hunde und Katzen aufnahm. In die Dienstzeit von Horst Theilinger fiel der Neubau. 2019 wurde mit Hilfe der Margarete-Müller-Bull-Stiftung, Zuschüssen von Stadt und Land sowie vielen Spendern ein zweigeschossiges Gebäude am bisherigen Standort errichtet. Bis zu 160 Tiere können aufgenommen werden. Für den laufenden Betrieb werden laut David Koch vom Tierschutzverein pro Jahr etwa 1,2 Millionen Euro im Jahr benötigt.
Nachfolger Der Nachfolger von Horst Theilinger steht bereits fest. Christian Steimer hat seine Ausbildung zum Tierpfleger vor Ort gemacht und sich zusammen mit einem weiteren Kandidaten um die Stelle beworben. Er übernimmt nun die Tierheimleitung.