Tierheim Stuttgart Immer mehr Exoten kommen ins Tierheim

Von Petra Mostbacher-Dix 

In der Einrichtung ist das ganze Jahr über Saison, auch zu Weihnachten. Da gibt es gute und schlechte Geschichten. Eine gute: die Vermittlungsquote ist hoch.

Lennox wartet an der Furtwänglerstraße, bis es ins neue Zuhause geht. Foto: Petra Mostbacher-Dix
Lennox wartet an der Furtwänglerstraße, bis es ins neue Zuhause geht. Foto: Petra Mostbacher-Dix

Stuttgart-Botnang - Lennox ist ein Listenhund. Als amerikanischer Staffordshire-Mix trägt er Teile einer Rasse in sich, die potenziell als gefährlich gelten. Indes kommt es stets auf die Haltung an. Lennox kam ins Tierheim, weil sein Besitzer ihn nicht halten durfte. Der Malteser Merlin wiederum kam nach dem Tod seines Herrchens. Beide Hunde könnten wunderbare Begleiter sein – bei erfahrenen Haltern. Verantwortungsvolle Menschen, die wissen, was es bedeutet, mit einem lebendigen, eigenständigen Wesen zusammenzuleben: Das wird im Tierheim gesucht. Dass Tiere bei der ersten Herausforderung bei ihnen landen, kennen die Pflegerinnen an der Furtwänglerstraße. Wie etwa eigenwillige Katzen oder welche, die spezielle Bedarfe haben. Samtpfotenkenner suchen etwa Straßenkind Violetta, Einzelgängerin Murka oder Blondi, der Wohnungshaltung nicht gut tat.

Wurden früher zur Urlaubs- oder Weihnachtszeit viele Tiere gebracht, kommen sie heute das ganze Jahr über. Zwischen 500 und 800 finden im Stuttgarter Tierheim ein temporäres Zuhause – fast alle Arten, sagt Pressereferentin Petra Veiel. „Manchmal 1000, bei Fällen von Animal Hoarding“, also dem krankhaften Sammeln von Tieren. Kaum eine Woche, in der nicht die Polizei in Botnang Katzen, Hunde, Hasen und andere Kleintiere abgibt, wegen schwieriger Haltung oder anderem. „Zunehmend auch Exoten, etwa griechische Landschildkröten, Agamen oder Kornnattern, die sind im Trend.“ Beschäftigten sich früher manche hobbymäßig mit diesen Spezies, merkten andere heute erst später, wie kompliziert und teuer Haltung sein kann – Stichwort: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Futter oder Ärzte. Im besten Fall landeten dann die Tiere, oft falsch ernährt, im Heim, im schlechtesten werden sie ausgesetzt. Leider könne man vieles im Internet kaufen, bedauert Veiel, auch giftige Tiere. „Die dürfen wir nicht aufnehmen, in München gibt es eine Reptilienauffangstation.“

Die Vermittlungsquote liegt bei mehr als 80 Prozent

Gründe für Neuzugänge sei neben Haltungsproblemen oder dem Tod der Besitzer auch, weil letztere ins Heim müssten oder zuhause nicht mehr mobil seien. „Da fließen viele Tränen!“ Damit Senioren ihre tierischen Mitbewohner behalten können, hat das Tierheim das ausgezeichnete Projekt „Silberpfoten“ ins Leben gerufen: Rund 1500 Ehrenamtliche gehen für Senioren Gassi oder zum Tierarzt.

Andere Geschichten sind kaum zu ertragen. Etwa jene des vier Wochen alten Kittens, das vor dem Robert-Bosch-Krankenhaus stark misshandelt gefunden wurde – ein Ohr musste amputiert werden. Oder von dem Kater, der vor dem Tierheim abgesetzt wurde im Umzugskarton, auf dem „Kinderscheiß“ und „Darf kaputt gehen“ stand: Seine Hoden waren extrem abgebunden. „Ein grausamer, verbotener Kastrationsversuch“, so Veiel. „Der Kater musste zwei Mal notoperiert werden, Hoden und Penis wurden amputiert.“

Tobi hat nun ein liebevolles Zuhause gefunden – und auch die Kleine ist auf dem Weg der Besserung. „Eine tapsige Jungkatze! Wie sie das Erlebte innerlich verkraftet, weiß man nicht.“ Die Vermittlungsquote des Tierheims ist hoch. „Über 80 Prozent“, so Veiel. Wichtig sei Offenheit – und den richtigen Deckel für das Töpfchen zu finden. Manche Hunde passten nicht zu Familien mit Kindern, andere dafür umso mehr. „Beide müssen sich kennenlernen. Unsere Hunde sind etwa 14 Tage auf Probe, dann folgt eine Nachkontrolle.“ Sie hofft, dass die Leute keine Tiere mehr über Kleinanzeigen oder dubiose Kofferraumkäufe erwerben – das seien oft Qualzüchtungen. „Das verursacht großes Tierleid. Die Kleinen sind oft krank, werden gespritzt, um fit zu wirken. Die allermeisten landen bei uns.“

Freilich rät sie, keine Lebewesen als Weihnachts- oder Geburtstagsüberraschung zu verschenken. „Gemeinsam bei uns schauen, was passen könnte.“




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