Seit die sieben Eier gelegt sind, verlässt die Schwänin Gretel das Nest nicht mehr. Ende Mai sollen die Küken schlüpfen. Foto: Stefanie Schlecht
Das Schwanenpaar im See von Burg Kalteneck erwartet erneut Nachwuchs – doch mit dem Frieden ist es nun vorbei. Denn die werdenden Eltern dulden keine Gesellschaft mehr. Auch nicht von ihrem eigenen Sprössling. Der musste umgesiedelt werden.
Liebevoll kümmerten sich die Schwan-Eltern im vergangenen Jahr um ihr Junges. Stolz schwamm die Familie im Burggraben um die Burg Kalteneck in Holzgerlingen umher und ließ sich von Spaziergängern und Besuchern bestaunen. Doch mit dem Familienfrieden ist es nun vorbei. Da die Schwänin erneut brütet, duldet das Paar keine Gesellschaft – auch nicht vom eigenen Nachwuchs.
Der Erstgeborene wohnt jetzt in Tübingen
Der Schwanenvater Hänsel junior verteidigte sein Revier ziemlich aggressiv gegenüber dem Jungtier. „Er ließ ihn nicht mehr fressen und jagte ihn quer über den ganzen See“, beschreibt Arthur Braun, der Hausmeister der Burg Kalteneck und Pfleger der Schwäne, die Situation. „Sobald die Schwänin das letzte Ei gelegt hatte und nicht mehr vom Nest runter ging, hat der Schwanenvater den Jungschwan nicht mehr geduldet.“ Bis zu diesem Tag jedoch sei alles gut gewesen, und die drei hätten sich gut verstanden, so Braun. Da die Attacken nicht aufhörten und immer heftiger wurden, musste schließlich schnell gehandelt werden: Der einjährige Schwan wurde kurzerhand umgesiedelt.
Foto: Schlecht
„Wir haben uns das Szenarion ein paar Tage lang angesehen“, erzählt Braun. Dann schritten er und der Hauptamtsleiter Jan Stäbler ein. Gleich der erste Einfangversuch des jungen Schwans frühmorgens sei geglückt, sagt Stäbler. Mit einem Socken über dem Kopf zur Beruhigung ging es dann in der Transportbox an den Neckar in die Nähe von Tübingen. „Dort gibt es eine Kolonie von Jungschwänen“, weiß der Hauptamtsleiter. Der Jungschwan sei von der Box direkt zum Wasser gelaufen und davon geschwommen. „Nach zwei Minuten haben wir ihn nicht mehr gesehen.“, erzählt Stäbler. Der junge Schwan hätte die letzten Tage schließlich auch ein ziemlich trostloses Dasein am Ufer des Burgsees gefristet. Da habe er seine Freiheit jetzt sehr genossen, so Stäbler.
Während der Brutzeit sollte man Schwänen nicht zu nahe kommen
Es ist der Lauf der Natur, dass die Jungschwäne nach einiger Zeit von den Eltern vertrieben werden. Die Jungen müssen sich dann woanders ein eigenes Plätzchen suchen. Und im besten Fall findet der Jungschwan – ob es ein Männlein oder Weiblein ist, lässt sich in diesem Alter noch nicht erkennen, – dann auch gleich einen Partner oder eine Partnerin.
Während der Jungschwan in Holzgerlingen von Braun noch täglich zugefüttert wurde, muss er sich nun selbst um sein Mahl kümmern. Doch das dürfte kein Problem sein. „Schwäne ernähren sich hauptsächlich von Wasserpflanzen, die sie vom Gewässergrund holen, oder von Pflanzen im Uferbereich. Doch auch Wasserinsekten, Schnecken und andere kleine Weichtiere stehen auf ihrem Speiseplan“, weiß Stäbler.
Schwan findet per Annonce seine Gretel
Der Schwan Hänsel junior ist in der Gegend kein Unbekannter. Einst wohnte er gemeinsam mit seinen Eltern und einem Bruder im Burgsee, der jedoch als Jungtier beim Gründeln ertrank. Kurze Zeit später starb die Mutter. Als Hänsel junior dann nur noch mit Papa Hänsel im Burgsee lebte und ins paarungsreife Alter kam, gingen die Revierkämpfe los, sodass Vater Schwan über die Tierrettung in ein anderes Gebiet vermittelt wurde.
Weil Hänsel junior vor zwei Jahren ganz allein seine Bahnen durch den See der Burg Kalteneck zog, in der Hoffnung seine Herzensdame zu finden, und bereits ungeduldig wurde, da weit und breit kein weiblicher Schwan in Sicht war, suchte die Stadt per Annonce kurzerhand eine Lebensgefährtin für Hänsel. Der einsame Schwan versuchte nämlich zunehmend selbstständig zu neuen Ufern aufzubrechen – mit mäßigem Erfolg: Einmal musste die Feuerwehr den verirrten Schwan wieder einsammeln. Ein anderes Mal büxte Hänsel aus und flog gegen einen Laternenmast in der Innenstadt.
Ende Mai könnten die Küken schlüpfen
Doch mit Gretel scheint er nun die Partnerin fürs Leben gefunden zu haben. Im vergangenen Jahr wurde das Schwanenpaar zum ersten Mal Eltern. Von den ursprünglich fünf Eiern hat es damals nur ein Küken geschafft. Drei Eier waren unbefruchtet, ein geschlüpftes Küken hat nur einige Tage überlebt. Wie sich herausstellte, war es von der Mutter beim Verlassen des Nestes wohl versehentlich erdrückt worden.
Mit dem Wegzug ihres Erstgeborenen, kann sich das Schwanenpaar nun wieder ganz auf die Brut konzentrieren. Sieben Eier liegen derzeit im Nest. Vermutlich Ende Mai werden die ersten Küken schlüpfen – und Hänsel junior und Gretel werden erneut Eltern. „Wir warten schon gespannt, wann es soweit ist“, sagt Stäbler. Schön wäre es, wenn es dieses Jahr mehrere Küken gäbe. Dann könne man sie später als Jungschwäne gemeinsam an einem noch unberührten Gewässer aussetzen, fantasiert der Hauptamtsleiter, der längst zum Schwan-Experten geworden ist.