Tierpark Göppingen OB hat Verständnis für Beschwerden

Von  

Der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till kann nicht leugnen, dass er ein gewisses Verständnis für die Beschwerden hat. Von einem Auswärtigen, der nicht in Göppingen, sondern im Rheinland aufgewachsen ist und der auch keine kleinen Kinder hat, kann man wohl nichts anderes erwarten. Vor allem aber hat er kurz nach seiner Wahl vor sieben Jahren selbst eine Zeit lang in der Nachbarschaft gewohnt. "Wenn man heimkam, konnte man nicht sicher sein, ob nicht plötzlich ein Lama im Garten steht", sagt Till. Wobei der OB dabei wohl ein wenig übertreibt: Lamas seien noch nie ausgebüxt, sagt Heiko Eger. Der einzige Ausreißer in jüngerer Zeit sei ein neu zugezogener und noch fremdelnder Nasenbär gewesen. Er habe das Tierchen kurze Zeit später vom Baum auf einer nahen Streuobstwiese pflücken können.

Das sei der kleine Adrenalinschub, den er ab und zu brauche, räumt Eger ein. Der 45-Jährige mit den großen kräftigen Händen ist der Vorsitzende des gemeinnützigen Tierparkvereins, und zudem Zoodirektor und Cheftierpfleger in einem. Mit dem Tierpark sei er verheiratet, sagen viele, die ihn kennen. Dass Eger vor drei Jahren seine langjährige Lebensgefährtin ehelichte, widerlege die Behauptung keineswegs. Die Hochzeit fand übrigens im Tierpark statt, und natürlich trug Eger bis zwei Minuten vor Beginn der Zeremonie seinen grünen Arbeitsoverall. Am wohlsten fühlt er sich eben inmitten seiner "Viechla". Seine Frau akzeptiere dies alles nicht nur mit Liebe und Humor, behauptet Eger, sie steuere sogar den größten Teil des Familieneinkommens bei-und führe den Hund Gassi, der daheim auf Eger wartet.

Tatsächlich, das ist wohl die Wahrheit, hat die Liebe zum Tierpark die älteren Rechte. Schon im Grundschulalter besaß Eger 50 Wellensittiche, Kanarienvögel und Wachteln und hielt sich Dutzende von Fischen in drei große Aquarien-auch damals übrigens unter stillschweigender Duldung der Stadt Göppingen. Die Eltern hätten so viele Tiere niemals in der Wohnung haben wollen, doch glücklicher Weise gab es im selben Haus zwei Räume der Stadtgärtnerei, die nicht mehr genutzt wurden. Hier verbrachte Eger seine Nachmittage.

Der Zoodirektor hat Modellschreiner gelernt

Die schicksalhafte Begegnung in seinem Leben darf dann durchaus als göttliche Weichenstellung verstanden werden. Im Alter von 13 Jahren schwänzte Eger nämlich den Sonntagsgottesdienst und ging stattdessen in den Tierpark, wo ihn eine ältere Frau, die einen Stall ausmistete, sogleich aufforderte, sich nützlich zu machen.

Seither kommt Eger regelmäßig und seit vielen Jahren täglich in den kleinen Zoo. Morgens kehrt er die kaffeebohnengroßen Köttel der Kamele auf, mittags bringt er den Affen ihr Obst, das er zuvor als Verfallsware bei zwei Discountern abholt, abends verteilt er Fleisch an die Raubtiere: sieben Tage die Woche bei nur einem freien Nachmittag. Der Verein bezahlt ihn für 100 Arbeitsstunden im Monat, der Rest ist Ehrenamt. Mehr ist nicht drin bei 25.000 Besuchern und einem Jahresetat von 70.000 Euro. Unterstützt wird Eger von Vereinsmitgliedern, die vor allem am Wochenende aushelfen, von Praktikanten und einer 400-Euro-Kraft Stefanie Ertl. "Eigentlich habe ich Friseurin gelernt", sagt sie. "Aber Tiere sind mein Hobby."

Bei Eger ist es nicht anders. Der Zoodirektor hat Modellschreiner gelernt. Das hilft bei den praktischen Fragen des Gehegebaus, ansonsten aber ist er Autodidakt, der zwar etliche zoologische Fachliteratur gelesen und Praktika absolviert hat, aber niemals eine offizielle Tierpflegerausbildung in Angriff nahm.

Sonderthemen