Corona-Lockdown im Esslinger Tierpark Nymphaea Tierisch schlechte Zeiten

Graupapageien und Kakadus haben in der großen Voliere eine neue Heimat gefunden, auch zur Freude von Tierpfleger Friedemann Reisch. Foto: Roberto Bulgrin

Der Corona-Lockdown trifft auch den Tierpark Nymphaea in Esslingen. Mindestens bis Ende November bleiben die Türen geschlossen. Wie kommen die Verantwortlichen mit der erneuten Schließung zurecht? Mit „tierischem“ Optimismus und zuversichtlichen Plänen für die Zukunft.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Esslingen - Ein Laubhaufen mitten auf dem Gehweg. Geht gar nicht. Normalerweise. Doch in diesen Tagen ist das kein Problem. Nymphaea muss Corona-bedingt geschlossen bleiben, Besucher dürfen zumindest bis Ende November nicht in den Tierpark auf der Neckarinsel in Esslingen. Nach dem bereits schon einmal von Mitte März bis Mitte Mai verhängten Lockdown keine einfache Situation für den ehrenamtlich geführten Trägerverein: Einnahmen durch Eintrittsgelder brechen weg, das Vereinsleben ruht, eine längerfristige Planung ist nicht möglich, Organisatorisches stößt an seine Grenzen, Bauvorhaben müssen neu überdacht werden. Doch Christoph Kässer, bei Nymphaea für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, sieht das Positive: Nun, in den Wintermonaten, ist eine Schließung nicht so schlimm, denn in der dunkleren Jahreszeit kommt nur ein Viertel der Besucherzahlen der Sommermonate zusammen. Darum sind dieCorona-Einschränkungen in dieser umsatzschwächeren Jahreszeit leichter zu verkraften. Und dennoch: „Je länger es dauert, desto größer sind die Einnahmenausfälle. Wir schauen, dass wir diese schwierigen Zeiten so gut wie möglich überstehen.“

 

Gewöhnung an fehlende Besucher

Die sonst so neugierigen Ziegen kommen nicht an den Zaun gerannt, um die Gäste zu begrüßen. Der stramme Hirsch und sein weiblicher Harem bleiben auf Distanz. Und auch die Papageien lassen sich in ihrer Voliere nicht einmal durch Leckereien anlocken. Im Frühjahr, erzählt Christoph Kässer, waren die Tiere durcheinander, verwirrt und sichtlich gelangweilt, weil keine Besucher im Tierpark unterwegs waren. Doch jetzt in den Wintermonaten ist das kein Problem für sie: „Das ist ein Lern- und Gewöhnungseffekt. Sie haben sich seit vielen Jahren darauf eingestellt, dass zum Jahresende wetter- und witterungsbedingt wenige Gäste den Weg hierher finden.“

Freier Eintritt zu Weihnachten

Dennoch konnte sich der Tierpark in den letzten Jahren nicht über mangelnden Zuspruch beklagen: 2018 wurden 196 000 Gäste gezählt, im Vorjahr waren es immerhin 193 000 Besucher gewesen. In diesem Jahr sind die Zahlen wegen Corona eingebrochen. Ab Mitte Mai durfte der Tierpark zwar seine Pforten wieder öffnen, doch die anfängliche Maskenpflicht habe viele Menschen von einem Besuch abgehalten, so Christoph Kässer. Wie es im Dezember weitergeht, weiß noch niemand. Aber der Pressemann ist überzeugt davon, dass trotz aller Einschränkungen und trotz aller Einbußen ein guter, alter Brauch zum Jahresende beibehalten wird: In der Weihnachtswoche, der Woche rund um den 24. Dezember, haben alle Gäste freien Eintritt inNymphaea. In den Vorjahren hatte der Tierpark an Heilig Abend und an Silvester geöffnet, nur am Ersten und Zweiten Weihnachtsfeiertag, 25. und 26. Dezember, blieb er geschlossen. Es müsse noch beraten werden, wie diese Regelung 2020 gehandhabt wird, so Christoph Kässer – immer vorausgesetzt, der Lockdown für Tierparks wird aufgehoben.

Schwieriges Vereinsleben

Doch wie es weitergeht, darüber müssen die Verantwortlichen im ehrenamtlichen Betreiberverein, dem 1905 gegründeten Aquarien- und Terrarienverein Nymphaea Esslingen, erst einmal miteinander beraten. Keine einfache Sache, denn das Vereinsleben liegt dank Corona auf Eis. Die Jahreshauptversammlung, laut Statuten eigentlich für das erste Quartal eines Jahres geplant, musste Ende März abgesagt werden. Größere Versammlungen waren ja auch verboten. Nach einer Lockerung der Anti-Virus-Regeln trafen sich die Mitglieder Ende September in der Osterfeldhalle in Esslingen-Berkheim zur Versammlung – mit Masken, Abstand und besonderen Vorschriften. Zumindest konnten so alle zur Wahl Stehenden in ihren Ämtern bestätigt und der Vorstand entlastet werden, wie es das Vereinsrecht vorschreibt.

Keine Messeteilnahme

Aber andere Veranstaltungen und Events zur Stärkung der Vereinsstruktur wurden nun ersatzlos gestrichen. Christoph Kässer verweist besonders auf die Heimtiermesse „Animal“, die sonst Ende November in der Messe Stuttgart über die Bühne geht. Bei dieser Ausstellung, so schwelgt er in Erinnerungen, hatte Nymphaea immer einen großen Auftritt. Mit einem Kaninchenkäfig und einem Stand. Gut sei, dass die Ausgaben dafür nun wegfallen. Schlecht sei, dass das Ereignis, auf das sich viele der ehrenamtlich Mitarbeitenden freuen würden, nun nicht stattfindet. Und auch der Werbeeffekt wird ausbleiben. Besucher der Messe konnten immer wieder für einen Besuch vonNymphaea gewonnen werden. Zum Glück habe der Verein in der Vergangenheit solide gewirtschaftet, sodass er trotz Corona eine Zukunft hat.

Baumängel an Voliere

Denn die Fixkosten bleiben. Die vier hauptamtlichen Mitarbeiter sind weiterhin an Bord. Die Tiere müssen auch in Corona-Zeiten gepflegt, versorgt, gefüttert und gehegt werden. Und die Bauvorhaben im Tierpark sollen nicht ruhen. Die große Volierenanlage für Graupapageien, Nymphensittiche, Amazonen und Kakadus ist zwar fertig gestellt – doch das größte Gehege ist bislang noch leer. Hier sollten eigentlich die farbenprächtigen Aras eine weitläufige Anlage bekommen. Doch Christoph Kässer spricht von eklatanten Baumängeln und Nachlässigkeiten bei der Errichtung des Geheges, die in einen langwierigen Streit mit der ausführenden Firma gemündet seien: „Die Verantwortlichen dort zeigen sich absolut uneinsichtig.“ Allein an dem Gitter des Käfigs, so führt er verärgert aus, könnten Spitzen und Unebenheiten im Material zu einer hohen Verletzungsgefahr bei Besuchern und Tieren führen. Und auch das Andreas-Kreuz, angeblich aus statischen Gründen nötig zur Stabilisierung des Geheges, könnte für kleine Hände schmerzhaft sein. Deswegen sind die Aras vorübergehend in einer der fünf Volieren auf der anderen Seite der Anlage untergebracht. Schade, meint Christoph Kässer. Denn er und seine Mitstreiter wollten den Besuchern eine zusätzliche Besichtigungsplattform bieten und den Vögeln eine großzügig gestaltete neue Heimat präsentieren.

Ein Millionenprojekt

Den Spaß am Bauen möchten sich die Verantwortlichen im Tierpark aber durch diese negativen Erfahrungen nicht nehmen lassen. Ein Lieblingsprojekt ist der Neubau des „Aufzuchthauses“. Es hatte in seiner langen Geschichte vielen Zwecken gedient, Reptilien und Amphibien, aber auch Pflanzen waren hier schon untergebracht. Nun soll es abgerissen und neu gebaut werden, so Christoph Kässer. Ein Millionenprojekt, das der Verein aus Rücklagen und einem erhofften Zuschuss der Margarete-Müller-Bull-Stiftung finanzieren möchte. Ein Mammutprojekt. Es sei laut Christoph Kässer sogar nötig, dann eine Zufahrtsstraße für die Baustellenfahrzeuge quer durch das Hischgehege zu bauen. Wo die Tiere dann hinkommen, ist noch nicht geklärt. Denn Corona hat auch hier die gesamte Planung durcheinander gewirbelt. Wann es losgeht, ist noch nicht klar. Zunächst einmal geht es darum, die nächsten Monate möglichst unbeschadet zu überstehen. Die europäischen Sumpfschildkröten haben dafür eine recht clevere Taktik entwickelt. Sie haben sich für ihren Winterschlaf tief im Schlamm ihres Geheges eingegraben und sich so unsichtbar gemacht. Und wenn sie im Frühjahr wieder aufwachen, so hoffen viele, dass dann der Corona-Spuk vielleicht wirklich vorbei ist. Nymphaea jedenfalls wäre „tierisch“ froh darüber.

Der Tierparkt Nymphaea

Der Tierpark Nymphaea im Nymphaeaweg 12 in Zell ist derzeit Corona-bedingt zumindest im November geschlossen. Auf seiner Website und über Facebook werden die Verantwortlichen darüber informieren, ob und wann die Türen wieder geöffnet werden können. Auch die Gaststätte ist Corona-bedingt geschlossen. Für die Übergangszeit wurde aber ein Lieferservice nach Vorbestellung eingerichtet. Mehr dazu steht unter https://www.tierpark-nymphaea.de/.

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