Tierplage in Baggerseen Große Schäden durch invasive Arten

Der aus Nordamerika stammende Ochsenfrosch frisst Fische, andere Amphibien und sogar Vogelküken. Foto: Robin Loznak/ZUMA Press Wire/dpa

Eingeschleppte Tierarten können die heimische Fauna gefährden und hohe wirtschaftliche Kosten verursachen. Gegen den gefräßigen Ochsenfrosch haben Experten noch nicht aufgegeben.

Es sieht schon gespenstisch aus, wenn in der Dunkelheit Lichtstrahlen unter Wasser herumgeistern. So geschehen dieser Tage im Linkenheimer Baggersee Streitköpfle nördlich von Karlsruhe. Dort waren rund 20 Schnorchelnde und Sporttauchende ehrenamtlich mit Keschern bewaffnet auf Jagd gegangen – und zwar nicht auf Fische, sondern auf Ochsenfrösche und deren Kaulquappen. Seit rund 30 Jahren werden diese aus Nordamerika stammenden Frösche am nördlichen Oberrhein beobachtet. Die bis zu 20 Zentimeter langen und bis zu 1,4 Kilogramm schweren Riesenfrösche sind in Europa als sogenannte invasive Tierart gelistet – und das zu recht: „Die fressen so ziemlich alles, was im Gewässer leben kann – auch Wasservogelküken, Fische und andere Amphibien. Allein durch dieses Fraßverhalten sind sie eine große Gefahr für die biologische Vielfalt“, berichtet Andre Baumann.

 

Der Staatsekretär im Umweltministerium des Landes ist höchstselbst in den Taucheranzug gestiegen, um in der Dämmerung Ochsenfrosch-Kaulquappen zu fangen. Seit einigen Jahren versuchen die zuständigen Behörden zusammen mit Freiwilligen, die Ochsenfroschplage mit verschiedenen Methoden zumindest nicht ausufern zu lassen. Vor allem werden Laich, Kaulquappen und erwachsene Tiere unter Wasser abgesammelt. Ein mühsames Unterfangen, oder wie es Baumann formuliert: „Das ist nicht vergnügungssteuerpflichtig.“ Immerhin kommen an diesem Abend auf diese Weise rund 300 bis zu sechs Zentimeter große Kaulquappen und zwei fertig entwickelte Jungfrösche zusammen, die anschließend nach Größe und Entwicklungsstadium vermessen werden.

Ein Weibchen kann bis zu 25 000 Eier im Wasser verteilen

Weil die großen Frösche und ihre Kaulquappen nicht nur heimische Arten jagen und ihnen die Nahrung wegfressen, sondern sich auch noch massenhaft vermehren – ein Weibchen kann bis zu 25 000 Eier im Wasser verteilen – sind sie zu einem ernsthaften Problem in all denjenigen Gewässern geworden, in denen sie sich angesiedelt haben. Besonders betroffen ist dabei das Gebiet westlich von Linkenheim-Hochstetten, das an das dortige Natura-2000-Naturschutzgebiet angrenzt.

Gemäß der europäischen Vorgaben muss das Land bei einer als invasiv ausgewiesenen Art wie dem Ochsenfrosch aktiv werden, um die Biodiversität zu erhalten. Das Problem ist, dass hierzulande zumindest bisher keine natürlichen Feinde bekannt sind: Taucher berichten, dass Hechte die Frösche und ihre Kaulquappen wieder ausspucken, weil sie offenbar schlecht schmecken.

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Neuesten Untersuchungen zufolge gibt es in Deutschland knapp 2000 gebietsfremde Arten. Dabei gilt die sogenannte Zehner-Regel: „Von 1000 eingeführten oder eingeschleppten Arten kommen 100 Arten unbeständig in der Natur vor, zehn Arten etablieren sich dauerhaft und eine Art tritt invasiv auf. Damit eine Art als invasiv eingestuft wird, muss es schon ordentlich krachen“, berichtet Benjamin Waldmann. Er ist am baden-württembergischen Umweltministerium unter anderem Experte für neu eingewanderte Arten.

Gefahr für heimische Arten

Solche invasiven Arten sind dann nicht nur Konkurrenten um Lebensräume und Nahrung, sondern sie bedrohen heimische Arten auch direkt, weil sie sie fressen. Darüber hinaus verändern sie die Lebensräume und vor allem können sie Krankheiten übertragen. Für die heimischen Krebse etwa ist die Krebspest tödlich, die beispielsweise vom zugewanderten Signalkrebs übertragen wird. Auch der Ochsenfrosch kann einen für die heimischen Amphibien sehr gefährlichen Pilz übertragen.

Hinzu kommen die wirtschaftlichen Schäden, die manche Arten anrichten. So kommen Forschende bei einer im Mai im Fachjournal „Nature Ecology & Evolution“ veröffentlichten Studie zu dem Ergebnis, dass die weltweiten Kosten in den vergangenen 60 Jahren bei geschätzten 35 Milliarden US-Dollar pro Jahr liegen. Die höchsten Kosten entfielen in dieser Zeit dabei auf Europa mit schätzungsweise 1584 Milliarden Dollar. Hierzulande verursacht die in den Bodensee eingewanderte Quaggamuschel beachtliche wirtschaftliche Kosten bei der Aufbereitung des Trinkwassers. Auch die Große Drüsenameise, die sich in jüngster Zeit in einigen Teilen des Landes eingenistet hat, „kostet richtig viel Geld“, so Waldmann.

Frösche werden mit Artenschutzhunden aufgespürt

Zwar bremst das Absammeln der Ochsenfrösche im Wasser offensichtlich die weitere Verbreitung der Tiere, aber es ist sehr mühsam. Daher sucht man nun nach anderen Wegen, der Plage Herr zu werden. Hierzu wird von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg ein Projekt gefördert, mit dem effektive Strategien zur Bekämpfung dieser invasiven Art erarbeitet werden sollen. Projektleiter Ralph Schill, Zoologe an der Universität Stuttgart, erklärt das Ziel so: „Wir wollen das Wander-, Bewegungs- und Überwinterungsverhalten der erwachsenen Ochsenfrösche näher kennen lernen.“ Denn bevor man sich Gedanken über eine richtig effektive Bekämpfung machen könne, müsse man wissen, wie der Ochsenfrosch hier bei uns lebt. Aber die Forschenden haben noch einen weiteren, ziemlich innovativen Ansatz: „Wir versuchen, im Winter die erwachsenen Frösche mit Artenschutzhunden aufzuspüren“, berichtet Schill.

Dazu wurden im vergangenen Herbst drei Hunde trainiert, die vom Gewässer wegführende Spur der Frösche aufzunehmen und sie bis zum Überwinterungsquartier im Gebüsch oder im Wald zu verfolgen. „Wenn wir auf diese Weise ein Weibchen finden, haben wir viele, viele Jungfrösche im nächsten Jahr verhindert.“ Solche Forschungsarbeiten und grundlegende Untersuchungen sind dringend erforderlich, um den unerwünschten Zuwanderern Paroli bieten zu können. Denn Benjamin Waldmann macht unmissverständlich deutlich: „Bisher gibt es keine Möglichkeiten, weit verbreitete und etablierte invasive Arten großflächig und dauerhaft zu beseitigen.“ Man habe „noch nicht die passenden Schraubenzieher im Werkzeugkoffer“.

Gezielte Tötung von invasiven Tieren

Aufbauend auf den durch die Forschung gewonnenen Erkenntnissen können dann neue Bekämpfungsmethoden entwickelt werden. Dabei weist Waldmann auch auf ein anderes drängendes Problem hin: Die erforderliche Tötung von invasiven Tieren. Bei den Ochsenfröschen erfolge diese „tierschutzgerecht“, wie die Projektbeteiligten versichern.

Dabei liefert die Natur das Vorbild: Wie im Winter werden die Frösche und Kaulquappen tiefen Temperaturen ausgesetzt, wobei sie die sehr kalte und lange Zeit in der Tiefkühltruhe allerdings nicht überleben.

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