Sechzig Minuten. Mehr Zeit konnten die ukrainischen Soldaten den Tierrettern von Animal Rescue Charkiw nicht geben. Früh am Morgen, so wussten die ukrainischen Kräfte, würde nicht geschossen werden. Eine Stunde lang sahen sie sich in der Lage, den Freiwilligen Schutz zuzusichern. Eine Stunde, in der die Helfer 700 Meter durch einen unwegsamen Wald zurücklegen mussten, weil die russischen Soldaten den direkten Weg vermint hatten. Eine Stunde, in der es ihnen gelingen musste, 16 nicht wirklich gut sozialisierte und durch den ständigen Beschuss traumatisierte Hunde, sieben Ziegen und einen Wolf aus einem Areal am Rande der ehemals 1,5-Millionen-Einwohnerstadt Charkiw zu retten.
Die Mission war alles andere als ungefährlich. Olena Donets, 41, und Yaryna Vintoniuk, 28, gehören zu dem etwa 20-köpfigen Team der Tierretter aus Charkiw. Für fünf Tage sind sie Ende Juni auf Stippvisite bei der Tierschutzorganisation Peta in Stuttgart. Die Verbindung von Peta in die Ukraine begann, als 2012 für die Fußball-Europameisterschaft die Straßenhunde in der Ukraine getötet werden sollten. Seit Beginn des Krieges unterstützt Peta die Arbeit von Animal Rescue Charkiw intensiv. Bisher gingen 800 Tonnen eigens dafür produziertes Tierfutter in die Ukraine. Peta unterstützt an der Grenze zu Ungarn und in Ungarn Tierheime, wo gerettete Tiere umgeladen, medizinisch versorgt werden oder die notwendige Quarantänezeit verbringen. Beim Besuch in Stuttgart geht es unter anderem darum, wie sich eine medizinische Ambulanz im Kriegsgebiet aufbauen lässt – und wie man ein Tierheim wiederaufbaut. „After the victory“, wie sie sagen. Nach dem Sieg.
„Es ist besser etwas zu tun, als Angst zu haben“
Das Tierheim in Charkiw wurde gleich zu Beginn des Krieges zerstört. Etwa 400 Hunde und 80 Katzen lebten dort. Sieben Hunde starben. Durch soziale Medien verbreitete sich im Februar die Nachricht über den Tod einer jungen ukrainischen Freiwilligen. Sie starb, als sie in der Stadt Butscha versuchte, Tiere in einem Tierheim mit Futter und Wasser zu versorgen, die drei Tage von jeglicher Versorgung abgeschnitten waren. In Charkiw war die Situation ähnlich. Nur starb dort niemand. „Es gibt keine wirklich sicheren Plätze in der Ukraine“, sagt Olena Donets. Aber sicher soll es für die Tiere in der Zukunft wieder werden. Deshalb wollen die beiden Frauen auch nach Ludwigsburg in das dortige Tierheim. Sie stellen Fragen wie diese: Was geschieht mit aggressiven Hunden? Sie fragen nach der Finanzierung und erfahren, dass auch das Tierheim in Ludwigsburg ohne Ehrenamtliche und Spenden nicht funktionieren würde.
Olena Donets und Yaryna Vintoniuk haben sich dagegen entschieden, ihre Heimat wegen des Krieges zu verlassen. Der Zusammenhalt im Land und auch der im Team gebe ihnen Kraft und Energie, sagen sie, und auch die Solidarität der Tierschützer im Ausland. „Es ist besser, etwas zu tun, als Angst zu haben.“ Ihre Motivation: „Soldaten können kämpfen. Wir tun, was wir können.“ Soll heißen: Und wir helfen Tieren. Vielleicht in dem Wissen, dass, wer Tieren hilft, nicht nur hilflosen Wesen hilft, sondern auch den Menschen Gutes tut, die sie zurücklassen müssen, sie verloren haben und nach ihnen suchen. Olena und Yaryna sind Psychologinnen. Bis zum russischen Angriff arbeiteten sie in Beratungsstellen an der Universität. Tierschutz war ein Ehrenamt. Inzwischen ist es ein Fulltime-Job geworden.
Doch zuvor haben beide gleich zu Beginn des Krieges ihre Kinder und Mütter in Polen in Sicherheit gebracht: Olena Donets ihre zehnjährige Tochter und den achtjährigen Sohn, Yaryna Vintoniuk ihre siebenjährige Tochter. Als sie an den Checkpoints vorbeifuhren, berichtete Yarynas Tochter den Soldaten voller Stolz: „Ich bin aus der Ukraine. Das ist meine Mutter. Sie rettet Tiere.“
300 Tiere retten sie jeden Monat
Ihre eigenen Tiere haben die beiden Frauen bei Freunden in vermeintlich sicheren Landesteilen untergebracht – und sind selbst wieder zurückgekehrt nach Charkiw, die Stadt, in der sie einander vor mehr als zehn Jahren kennengelernt haben. Wenn sie mit ihrer Tochter telefoniere, sagt Yaryna, dann habe sie Sehnsucht nach den Tieren. Das Leben ist belastend für alle in der Familie. Immer wieder kontrollieren die beiden ihre Telefone auf Nachrichten aus der Ukraine. Gerade sind Helfer von Animal Rescue Charkiw im stark umkämpften Donbass unterwegs, um Tiere zu evakuieren. Am Abend werden sie auf Facebook vermelden, dass die Aktion erfolgreich war.
Etwas mehr als 300 Tiere retten sie jeden Monat in enger Zusammenarbeit mit dem beim ukrainischen Innenministerium angesiedelten Dienst für Notfallsituationen, dem Katastrophenschutz des Landes. Mit Helm und in Schutzweste erkunden sie zerbombte Häuserruinen, verlassene Wohnhäuser und entlegene Gegenden. Fast 2000 Hunde, Katzen, Wildvögel, Ziegen, Hühner, Pferde und auch Schweine haben sie bisher gerettet, neulich fanden sie zwei Schildkröten im Lehrerzimmer einer zerstörten Schule.
Treue über den Tod hinaus
Sie bergen Katzen aus zerstören Hochhäusern und finden Hunde, die neben ihren getöteten Besitzern ausharren. Treue über den Tod hinaus. Täglich kommen neue Notfälle dazu. Immer wieder bringen Soldaten Hunde und Katzen, die sich ihnen auf der Suche nach Menschen anschließen. Denn, wenn die Menschen sich bei einem Raketenangriff in Sicherheit bringen, gelingt es ihnen nicht immer, ihre Haustiere zu retten. Die laufen dann verstört durch die Straßen und suchen die menschliche Nähe, die sie verloren haben, bei den Soldaten. Der Krieg ist nicht nur für die Menschen eine große körperliche und psychische Herausforderung. Auch die Tiere leiden. Sie werden verschüttet, haben Verbrennungen, Brüche, abgequetschte Gliedmaßen, sind von Bombensplittern verletzt, haben Infektionen und verstehen die Welt nicht mehr.
Yaryna Vintoniuk nimmt ihr Smartphone zur Hand. Auf Facebook und Instagram dokumentieren die Retter ihre Einsätze. Jeder Tag beginnt mit dem Post: „Guten Morgen aus der Ukraine.“ Dann folgt, der wievielte Tag des Kriegs ist. Das ist auch ein Zeichen, dass sie noch am Leben sind.
Katze Hope wird gerettet
Auf einen Hinweis aufmerksamer Nachbarn konnte Animal Rescue aus einem Spalt zwischen zwei Häusern eine Katze retten. Auf ihrem Halsband stand ihr Name: Hope – Hoffnung. Die Hoffnung der Retter: Vielleicht sieht ihr Besitzer die Bilder auf Facebook und meldet sich. Denn das sind die schönen Geschichten inmitten so viel Leids. Die mit einem Happy End. So wie die vom schwarzen Schäferhund Wolf, der in Panik wegen einer Bombenexplosion weggelaufen war und nun wieder bei seinem Besitzer ist, weil der ihm seine Telefonnummer ins Halsband geschrieben hat. Oder die der blonden Mischlingshündin Chara, die ihre ursprünglichen Besitzer in Lwiw auf Facebook entdeckten. Im Zuge eines Tiertransportes fanden Familie und Hündin wieder zusammen. Tierschutz braucht manchmal einen langen Atem – und Unterstützung von außen.
Die 16 Hunde und der Wolf aus dem Tierpark wurden sediert. Anders waren die menschenscheuen Tiere in dem verlassenen Ort nicht zu bändigen. Immer mal wieder muss wie bei all diesen Begegnungen im Tierheim und bei Peta, wenn die englischen Worte fehlen, der Google Translator helfen. Aber für das, was Olena nun erzählt, braucht es keine Übersetzungshilfe. Sie berichtet, wie die Ziegen immer wieder wegliefen und von Rettung wenig hielten. Wie aber bringt man ein Grüppchen undisziplinierter Geißen in Sicherheit, wenn die Zeit drängt?
Jeder Tag muss improvisiert werden
Olena Donets hält sich die Hand vor den Mund, um zu verbergen, dass es um ihre Fassung jetzt gleich geschehen sein wird. Sie bringt die Worte kaum noch raus und muss jetzt laut prustend lachen. Die Tierretter mussten improvisieren. So wie sie seit Kriegsbeginn jeden Tag ihr Leben irgendwie meistern und erfinderisch sein müssen. „Oft fahren die Mitarbeiter ins Ungewisse und wissen nicht, was sie dort erwartet“, sagt sie.
Was also tun? Der Kollege Wolodya von Animal Rescue Charkiw hat sich den Chef der Herde einfach über die Schulter gelegt. Alle anderen Tieren sind dem Mann mit dem Ziegenbock dann wie die Kinder dem Rattenfänger von Hameln gefolgt. Das Lachen von Olena und Yaryna hat etwas Befreiendes. Es nimmt für einen Moment die Spannung aus dem Leben der beiden Freundinnen. Seit nunmehr fast fünf Monaten sind sie Teil einer großen Bewegung in der Ukraine, die ein Ziel eint, das ihnen Kraft gibt: der Sieg über den russischen Aggressor. Dieser Wille, das eigene Leben nicht aufgeben zu wollen, scheint Unvorstellbares möglich zu machen. „Wir sind keine Heldinnen. Aber das Leben jedes Einzelnen steht nun über allem. Deshalb können wir kämpfen. Und deshalb können wir retten.“
Der Morgen nach einer Bombennacht
Fünf Tage waren die beiden Frauen in Sicherheit in Stuttgart. Nicht im Visier der Raketen, in Gedanken aber immer in der Ukraine. Keine Sekunde haben sie gezögert – und sind zurückgekehrt in den Krieg. Sie sind in Stuttgart wieder ins Flugzeug gestiegen, um mit zwei Zwischenlandungen in Polen in einen Zug zu steigen und dann auf dem Landweg nach Charkiw zu fahren.
Auf die Frage am Morgen nach einer Bombennacht, wie es ihr gehe, antwortet Yaryna Vintoniuk: „I’m okay.“ Auf Instagram und Facebook sieht man, dass die Tierrettung weitergeht. Trotz Todesangst und Luftalarm. Als sie am Dienstag das Auto mit Tieren für die Fahrt an die ungarische Grenze beladen, schlägt in der Nebenstraße eine Rakete ein. „Wir dachten, wir sterben jetzt alle“, schreibt Olena danach an Peta.