Tierschützer in Stuttgart-Süd Nächtliche Mahnwache vor dem Schlachthof

Von Tilman Baur 

Aktion im Alten Feuerwehrhaus Heslach: Beim 2. Stuttgarter Tierrechtstag haben Aktivisten Einblick in ihr Denken und Handeln gegeben.

Achim Stammberger (Animal Rights Watch) beim Vortrag Foto: Tilman Baur
Achim Stammberger (Animal Rights Watch) beim Vortrag Foto: Tilman Baur

S-Süd - Veganer Lebensstil und der Einsatz für Tierrechte sind zwei Seiten derselben Medaille. Es scheint also nur folgerichtig, dass die Organisatoren des Vegan Street Day im vergangenen Jahr den Stuttgarter Tierrechtstag ins Leben gerufen haben. Im Alten Feuerwehrhaus in Heslach trafen sich im Rahmen des Tierrechtstags auch in diesem Jahr rund 100 Aktivisten und interessierte Besucher.

Im Mittelpunkt des Tages standen Vorträge. So berichtete Philipp Schwarz vom Schweizer Kollektiv Aktivismus für Tierrechte von der nächtlichen Mahnwache, die er mit rund 30 anderen Aktivisten vor Kurzem vor einem Zürcher Schlachthof abgehalten hat.

Gefühle von Schock und Schmerz

Warum nachts? „Die Laster fahren die Tiere im Schatten der Nacht zum Schlachthof, sie kommen zwischen 1.30 Uhr und 2.30 Uhr an“, sagte Schwarz. Zweck der Nachtwache sei es gewesen, die Tiere zu entanonymisieren und auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. Als es dann tatsächlich zur Aktion kam, überwältigten Gefühle von Schock und Schmerz die Teilnehmer, Schwarz inbegriffen. „Ich bin jemand, der gern redet und diskutiert. Aber in dem Moment, als die Tiertransporte ankamen, konnte ich erstmal fünf Minuten gar nichts sagen.“

Die theoretische Erkenntnis, was dort passiert, hatte er zwar schon vorher. Nun aber machte sie sich körperlich und psychisch bemerkbar. „Dort zu stehen und zu hören, wie Tiere um ihr Leben schreien, das ist mir durch Mark und Bein gefahren.“

Dabei betonte Schwarz, dass es ihm wichtig sei, das System anzugreifen, nicht aber einzelne Personen. Schon gar nicht die Arbeiter in den Fleischfabriken. Die nämlich gehörten wie die Tiere zu den Ausgebeuteten des Systems, arbeiteten oft für Hungerlöhne. Den Kampf für Tierrechte bettete er in einen größeren Kontext ein.

„Wir sehen uns als Teil einer breiten Ermächtigungs- und Befreiungsbewegung“, so Philipp Schwarz. Dabei hat er alle Ismen im Visier, darunter Sexismus, Rassismus, Ageismus (Altersdiskriminierung) und als Tierrechtler vor allem den Speziezismus, also die Überzeugung, eine Art sei einer anderen überlegen und könne sie aufgrund dieser Überlegenheit ausbeuten.

Kein Nischenthema

Die Entwicklung der veganen Bewegung bewertet Achim Stammberger von Animal Rights Watch seit dem ersten Vegan Street Day vor acht Jahren überaus positiv. „Die Gesellschaft hat heute ein ganz anderes Bild von Veganern. Von 2011 bis 2014 gab es ja einen regelrechten Hype um das Thema“, so Stammberger. Vor allem akzeptierten viele Menschen mittlerweile, dass Fleischkonsum kein Nischenthema ist, sondern eines, das die ganze Gesellschaft betrifft.

Trotzdem: Von einem Massenphänomen kann man nicht sprechen. Ob es mal eins wird? Da legt sich Stammberger nicht fest. „Die Entwicklung ist langsam, Fleischkonsum ist biografisch sehr stark verwurzelt.“ Hoffnung mache ihm die jüngere Generation. Deren Essverhalten verändere sich rapide, und zwar weg vom Fleisch.

„Der typische Veganer ist zwischen 20 und 30, weiblich und lebt in der Stadt“, so Stammberger. Ein Blick in die Stuhlreihen der gut gefüllten Alten Feuerwache bestätigt seine Aussage: mindestens zwei Drittel der Gäste sind junge Frauen.

Stammberger selbst widmete sich in seinem Vortrag dem geistigen Meinungskampf der veganen Bewegung und den Widerständen, auf die sie trifft. So hatte Animal Rights Watch vor einigen Jahren in der Fußgängerzone der nordrhein-westfälischen Stadt Siegen Videos und Fotos aus Mastbetrieben, Schlachthäusern und Pelztierfarmen gezeigt.

Der Polizei war das nicht geheuer. Sie ordnete an, Sichtschutzwände aufzustellen, beschlagnahmte und zensierte Fotos. Doch die Aktivisten behielten recht: Ein Gericht urteilte, die Aktion der Polizei beschneide das Recht auf freie Meinungsäußerung der Tierrechtler. Seither dürfen sie die Bilder wieder zeigen – auch wenn manch einer sie lieber nicht sehen würde.

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