Tierschutz in Schlachthöfen Tierärzte stehen unter großem Druck

Die Tierärzte, die in den Schlachthöfen tätig sind, stehen in der Kritik – aber sie drehen den Spieß jetzt um. Foto: dpa/Jan Woitas

Irritierend an den jüngsten Schlachthof-Skandalen im Südwesten ist, dass teils Amtstierärzte vor Ort waren und nicht eingeschritten sind. Was läuft schief in den Schlachthöfen?

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Die Tierärzte, die in den Schlachthöfen die Einhaltung des Tierschutzes kontrollieren sollen, sind in ein schlechtes Licht geraten. Auf den heimlich gemachten Videoaufnahmen der Soko Tierschutz war der Veterinär in einem Fall gar nicht anwesend, in einem anderen schritt er offenbar nicht ein. Zuletzt hat Agrarminister Peter Hauk (CDU) – gar mit Rückendeckung des Ministerpräsidenten – Kritik geäußert: Es gebe in den Schlachthöfen eine 100-Prozent-Kontrolle, und er könne nicht nachvollziehen, weshalb es trotzdem zu Tierleid komme. Darin schwingt der Vorwurf mit: Machen die Tierärzte ihre Arbeit nicht?

 

Holger Vogel, der Präsident des Bundesverbandes der verbeamteten Tierärzte, dreht den Spieß um. Die Veterinäre in den Schlachthöfen fühlten sich allein gelassen, sagt er. Der Zeitdruck sei so hoch, dass der Veterinär kaum alle Aufgaben erledigen könne – er soll die ankommenden Tiere begutachten, bei Betäubung und Schlachtung dabei sein und die Fleischbeschau machen. Bezahlen müsse der Schlachthof nur letzteres: „Die Beaufsichtigung des Tierschutzes erfolgt deshalb oft nebenher.“

Lesen Sie hier: Kommentar – warum die Tierärzte Rückendeckung verdienen

Manchmal werden Veterinäre auch direkt angegangen

Daneben bestehe ein hoher Druck von Seiten des Schlachthofs. Als Tierarzt müsse man sich häufig rechtfertigen, wenn man wegen eines Tierschutzverstoßes eingreife und dadurch den Ablauf störe oder gar den Betrieb unterbreche. Und die Politik wolle sich gar nicht ernsthaft um die Probleme kümmern und gebe den Veterinären keinen Schutz, sondern habe nur „ein Ohr für die Wirtschaft“.

Er fordert deshalb, dass mehr Veterinäre eingestellt werden. Notwendig sei, dass die Schlachthöfe einen Tierschutzbeauftragten einstellten. Und es müssten Fachstaatsanwaltschaften für Tierschutz gegründet werden, damit Verstöße tatsächlich verfolgt würden. „Es ist doch eine Katastrophe, dass wir auf Organisationen wie die Soko Tierschutz angewiesen sind, um Missstände aufzudecken“, so Vogel.

Friedrich Mülln von Soko Tierschutz stößt ins gleiche Horn. Es sei öfter vorgekommen, dass Veterinäre bedroht oder angegriffen worden seien. Gerade Veterinärinnen, von denen es heute sehr viele gebe, fühlten sich manchmal verunsichert unter den „oft groben Charakteren“. Die Arbeit in einem Schlachthof müsse man mental schlicht auch aushalten können.

Für viele Tierärzte ist der Job nicht mehr attraktiv

Eine Rolle in dem komplexen Sachverhalt spielt auch, dass nicht nur Tierärzte, die beim Landratsamt fest angestellt sind, die Kontrollen erledigen; teils sind es niedergelassene Tierärzte. Mülln sieht bei ihnen eine wirtschaftliche Abhängigkeit. Mit jeder Maßnahme verärgerten sie den Auftraggeber, der sie bezahlt. Und sie bekämen Streit mit Bauern, die mit ihren Nutztieren Kunden in der Praxis sind.

Eine niedergelassene Veterinärin, die anonym bleiben will, betont daneben die Schwierigkeit des fehlenden Nachwuchses. Die Aufgabe im Schlachthof sei nicht attraktiv, denn man benötige eine Zusatzausbildung, werde schlecht bezahlt, müsse sehr früh aufstehen und müsse vor allem den Tieren beim Sterben zusehen – dafür habe aber niemand diesen Beruf gewählt. Bei Schlachtungen etwa von Metzgereien sei der Tierarzt sowieso beim Töten der Tiere meist gar nicht dabei; er komme erst später zur Fleischbeschau.

Kritik gibt es auch an den Veterinärämtern

Eine neue Dissertation der Juristin Annabelle Thilo zu diesem Thema gelangt zu dem Schluss, dass auch die Veterinärämter ihren Anteil am Problem haben. Dies bestätigt Friedrich Mülln. Die meisten Ämter hätten Hemmungen, einen Betrieb zu sanktionieren. Oft wehrten sich die Schlachthöfe – im Fall Gärtringen schaltete der Betreiber sogar erfolgreich den Minister ein. Mülln: „Wenn die Veterinäre eingreifen, bedeutet das in der Regel Ärger für sie. Viele halten sich also vornehm zurück.“ Er fordert ein „LKA für Tiere“, bei dem unabhängige Tierärzte ohne Vorankündigung Kontrollen vornehmen.

Minister Peter Hauk hat Maßnahmenpaket angekündigt

Auch die Landestierärztekammer deutet an, wie zahnlos das Veterinäramt oft sei. In einem Positionspapier, das im September entstand, steht ganz oben auf der Forderungsliste: Festgestellte Mängel müssten durch eine „durchsetzungsfähige Verwaltung“ zeitnah abgestellt werden. Minister Hauk hat jetzt zugesagt, mehr Stellen zu bewilligen, auf freiwilliger Basis Videokameras einzuführen und ein rotierendes System der Ärzte einzuführen.

Weitere Themen