Tierschutz Umzingelt von Flachdächern

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Die Stadt lehnt den nächsten Vorschlag für einen Taubenschlag ab. Die Begründung missfällt im Bezirksbeirat. Der fordert einen Standort am Rathaus.

Die Taubenschläge in der Leonhardskirche werden problemlos betrieben. Im Rathaus verhindert dagegen die Furcht vorm Federvieh weitere Standorte. Foto: red
Die Taubenschläge in der Leonhardskirche werden problemlos betrieben. Im Rathaus verhindert dagegen die Furcht vorm Federvieh weitere Standorte. Foto: red

S-Mitte - Heinz Rittberger war gekommen, um für seine Herzensangelegenheit zu werben, einmal mehr: für die Taube. Rund 400 der Vögel füttert der 77 Jahre alte Herr täglich in zwei Schlägen unter dem Dach der Leonhardskirche, auf dass sie nicht in den Auslagen von Lebensmittelgeschäften oder auf den Tischen von Imbissen räubern. Eben erst haben Helfer der Caritas die Schläge wieder ausgemistet. Mehr als 300 Kilo Vogelkot haben sie dabei entsorgt, sagte Rittberger, „die landen nicht irgendwo auf Dächern oder Plätzen, sondern die sind eingesammelt“.

Diejenigen, die ihn hörten, muss er längst nicht mehr überzeugen. Rittberger sprach vor dem Bezirksbeirat Mitte. Aktuell ist die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle bemüht, nahe der Kirche einen Lagerplatz für das Futter zu finden, das die Vögel in der Kirche aufpicken. Schon vor Jahren haben die Lokalpolitiker gefordert, dass in ihrem Stadtbezirk mindestens zehn Taubenschläge installiert werden sollen – bisher allerdings vergeblich.

Im Rathaus verhallen die Reden ungehört

Denn an höherer Stelle im Rathaus verhallen Rittbergers Reden ungehört. Just in jener Sitzung verlas Kienzle einen Brief, mit dem der Erste Bürgermeister Michael Föll höchstselbst den jüngsten Vorschlag der Bezirksbeiräte für einen neuen Taubenschlag ablehnte, auf dem Dach des städtischen Hauses an der Eichstraße 9. Der Schlag soll den seitherigen auf der Rathausgarage ersetzen, die abgerissen wird.

Gegen den Vorschlag hatte aber sogar der städtische Personalrat protestiert. Mit der bürgermeisterlichen Unterschrift ist die Ablehnung endgültig. Wenn auch mit interessanter Begründung: Ein Schlag auf jenem Haus „ist nicht möglich“, beschied Föll, allein schon, weil es sich bei dessen Dach nicht um ein Flach-, sondern um ein Mansardendach handele. Überdies lägen die Ziegel auf Gebälk, das nicht tragfähig genug für die zusätzliche Last sei. Und schließlich sei „ein Taubenschlag neben einer Kindertagesstätte aus gesundheitlichen Gründen nicht zu verantworten“, schrieb der Bürgermeister. Der Kindergarten gehört zu den Plänen für den Neubau auf dem seitherigen Garagengelände.

Die Taubenschläge sind schlichte Holzquader

Allerdings hatte der Baumeister Aberlin Jörg auch für die im 15. Jahrhundert von ihm entworfene Leonhardskirche keineswegs ein Flachdach im Sinn. Wenn Rittberger zu seinen Tauben emporsteigt, fasziniert ihn immer wieder, wie filigran das Gebälk ist, das die Ziegel des Kirchendaches trägt – plus das Gewicht der beiden Taubenschläge. Die sind schlichte Holzquader und nicht auf dem Dach aufgestellt, sondern unter ihm auf dem Dachboden.

Die Vögel flattern durch Luken in sie hinein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat im Auftrag der Bundesregierung beschieden, dass von Tauben keine größere Gesundheitsgefahr droht als von Haustieren. Eher im Gegenteil. Weshalb die Bezirksbeiräte die Verwaltung aufforderten, in unmittelbarer Nähe zur Rathausgarage ein geeignetes Flachdach zu finden. Im Sinn haben sie den Verbindungsbau der Eberhardspassage. Falls der nicht in Frage kommt, „müsste sich im Umkreis von 50 Meter ein Flachdach im städtischen Besitz finden“, sagte die Grüne Renée-Maike Pfuderer. In der Tat ist das Rathaus von Bauten mit Flachdächern regelrecht umzingelt und zum guten Teil selbst flach bedacht.

Ein weiterer Vorschlag, wenn auch nicht in unmittelbarer Umgebung, stammt von Heinrich Huth (SPD): „Es gibt Menschen, die verstehen, dass Taubenschläge weniger Tauben und weniger Taubenscheiße bedeuten“, sagte er. Seinetwegen könne auf dem Dach über seiner Mietwohnung im Leonhardsviertel ein Schlag installiert werden, denn „die Tauben sind sowieso da“. Zumindest mit dem Hausbesitzer sollte Huth wegen der Vögel keine Schwierigkeiten bekommen. Sein Vermieter ist die Stadt.

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