Kirchheim - Der Name klingt bedrohlich: Krebspest. Aber gleich zur Beruhigung: eine unmittelbare Gefahr für Menschen geht von dieser Pilzkrankheit, der sich immer stärker in Flüssen im Südwesten ausbreitet, nicht aus. Für die heimischen Edel- und Steinkrebse jedoch stellt die Krebspest eine meist tödlich endende Bedrohung dar. Die existiert leider nun auch in immer mehr Gebieten des Regierungspräsidiums Stuttgart. Die Behörden setzen deshalb alles daran, die Gefahr in den Griff zu bekommen.
In den letzten Jahren sind in den Kreisen Heilbronn, Ludwigsburg, Schwäbisch Hall und im Ostalbkreis Krebspestausbrüche bekannt geworden. Auch aus dem Schwarzwald gibt es schlechte Nachrichten für die heimischen Flusskrebse. Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs, die Dunkelziffer ist groß. In der Regel entdecken Fischer das Fehlen der Flusskrebse. Dort, wo nicht geangelt wird, und in abgelegenen Oberlaufbächen bleibt die Krankheit oft unbemerkt.
Die Allgemeinverfügung wird verlängert
Besonders betroffen ist der Landkreis Esslingen – und dabei speziell die Region rund um Kirchheim unter Teck. Im Sommer 2019 war im Trinkbach im Kirchheimer Ortsteil Jesingen, einem kleinen Zufluss der Lindach, die Krebspest ausgebrochen. Die Bemühungen, die Krankheit mithilfe von Schutzmaßnahmen und Appellen an die Bevölkerung in den Griff zu bekommen, sind bisher gescheitert.
Vielmehr hat sich die Krebspest ausgebreitet. Auch der Seebach bei Holzmaden ist nachweislich betroffen. Das Landratsamt Esslingen muss deshalb eine Allgemeinverfügung zur Krebspest, die eigentlich Ende 2020 hätte auslaufen sollen, erneut verlängern. Darin geregelt ist unter anderem ein Betretungsverbot der von der Krebspest betroffenen Gewässer. Besonders nicht angeleinte Hunde, die in den Bächen baden und später in anderen Bächen herumtoben, können als Träger die Krankheit in gesunde Bachabschnitte bringen. Auch an Gummistiefeln setzten sich die Pilzsporen fest. Zahlreiche Tafeln weisen an den betroffenen Bächen auf die Vorgaben hin. Die Bereitschaft, sich daran zu halten, scheint jedoch bei manchem Hundebesitzer begrenzt: Immer wieder hat der Kirchheimer Ordnungsdienst Verstöße festgestellt. Auch das Errichten von Krebssperren hat bisher nicht den erwünschten Erfolg gebracht.
Immer wieder Verstöße gegen die Verordnung
Die Bedeutung von Flusskrebsen für das Ökosystem Bach ist nicht zu unterschätzen. Flusskrebse sind „ökologische Schlüsselarten“: Aufgrund ihrer Größe, ihrer Langlebigkeit und ihrer Ernährungsweise – sie sind Allesfresser – prägen sie die Lebensgemeinschaften in ihren Wohngewässern. Zudem treten sie als „Habitat-Ingenieure“ in Erscheinung, indem sie durch Graben und Fressen ihren Lebensraum aktiv gestalten. Heimische Flusskrebse begünstigen dadurch ein ursprüngliches und natürliches Artengefüge und fördern die biologische Vielfalt. Dass sich die Krebspest überhaupt in Europa ausbreiten konnte, beruht auf einem großen Missverständnis – und ist ein Beispiel dafür, dass es fatale Folgen haben kann, wenn man gebietsfremde Arten anzusiedeln versucht. Bereits im 19. Jahrhundert waren nordamerikanische Flusskrebse nach Europa gelangt und hatten eine Krebspest ausgelöst. Diese nordamerikanischen Flusskrebse sind die natürlichen Wirte der Krebspest und nur gering anfällig für den Erreger.
Ein Missverständnis mit fatalen Folgen
Um diese Pest auszurotten und um die europäischen Bestände vermeintlich wiederzubeleben, wurden von 1880 an nach damaligem Wissensstand resistente Flusskrebse aus Nordamerika eingeführt. Später stellte sich heraus, dass diese Arten nicht nur resistent, sondern selbst Überträger der Seuche sind. Erst durch diese fehlgeleiteten Importe wurde die massive Gefährdung heimischer europäischer Flusskrebse durch die Krebspest dauerhaft zementiert.
Einfache Verhaltensregeln können helfen
Bereits infizierten heimischen Krebsen kann nicht mehr geholfen werden. Jedoch können einfache Verhaltensregeln und vorbeugende Maßnahmen eine Weiterverbreitung der Krebspest durchaus verhindern: Wer in einem Bach watet, sollte seine Kleidung und Schuhe im Anschluss gründlich säubern und trocknen. Unbedingt vermeiden sollte man, zeitnah zwischen Gewässern zu wechseln. Ein absolutes Tabu ist es, gebietsfremde Flusskrebse auszusetzen. Wichtig ist dabei, dass Flusskrebse auch in vermeintlich ausbruchsicheren Kleingewässern wie Gartenteichen nichts zu suchen haben. Das kann fatale Folgen haben, denn Flusskrebse können sehr gut klettern und sich auch über längere Strecken über Land bewegen.