Tübingen - Irgendwann war ihr das Forschungsobjekt – die Hülle der einzelligen Hefe – zu weit weg vom wahren Leben. Die Grundlagenforscherin Julia Schulze-Hentrich wollte sich lieber mit Krankheiten befassen. „In meinem Fall bot sich Parkinson an, da ich an meine bisherigen Studien anknüpfen konnte“, erzählt die 39-Jährige. Allerdings brachte der Richtungswechsel vor sieben Jahren eine neue Herausforderung mit sich: Tierversuche.
Experimente an lebenden Tieren gehören für viele Wissenschaftlicher zum beruflichen Alltag wie die Recherche bei Journalisten. Allein im Jahr 2017 kamen in Baden-Württemberg 484 086 Versuchstiere – mehr als in jedem anderen Bundesland – zum Einsatz. Über diesen Teil der wissenschaftlich Praxis dringt allerdings nicht viel nach außen. Zum Bedauern der Initiative „Tierversuche verstehen“, die seit dem Jahr 2016 Aufklärungsarbeit leistet. „Die öffentliche Debatte über Tierversuche wird sehr emotional und oft auf Grundlagen von Irrtümern geführt“, sagt Roman Stilling von der Initiative. „Das hat zur Folge, dass sich viele Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen bei dem Thema bisher lieber bedeckt gehalten haben.“
Bevor sie nach Tübingen zog, schaute sich die Forscherin die Arbeit in den Laboren genau an
Für Julia Schulze-Hentrich bestand nie ein Zweifel, dass ihr Anliegen Tierversuche rechtfertigt. Sie wollte herausfinden, wie sich äußere Einflüsse wie Stress oder Sport auf Parkinson auswirken, eine neurologische Erkrankung, an der immerhin ein Prozent der Menschen im Alter über 60 erkranken. Dass es Zusammenhänge gibt, wurde bereits empirisch beobachtet, aber was genau passiert auf molekularer Basis? Was können die Entwickler von Medikamenten daraus lernen?
Bevor die gebürtige Thüringerin die Umzugskartons packte, um an der Universität Tübingen anzuheuern, schaute sie sich genau um in den Laboren und Tierhaltungen des neuen Arbeitgebers. Dann machte sie eine Weiterbildung – wie alle mit Versuchstieren arbeitenden Forscher. Dabei lernte sie alles über das Verhalten und den Umgang mit Nagetieren, bis hin zur Methode, wie man ihnen nach der Betäubung das Genick bricht. „Ich wollte zuerst prüfen, ob mich die Arbeit mit Versuchstieren nicht emotional zu sehr belastet“, sagt sie und erzählt von ihrer Schwester, die einen ähnlichen Werdegang hat wie sie, bei der Berufswahl jedoch einen Bogen um Tierversuche machte.
Auf dem Unigelände leben sämtliche gängige Versuchstiere, vom Wurm bis zum Affen
Die 30 Tierhaltungen, die sich über das Unigelände verteilen, beherbergen sämtliche gängige Versuchstiere vom Regenwurm bis zum Affen. Mit ihnen ist ein ganzer Tross von Mitarbeitern befasst: 50 Tierpfleger, -ärzte und -arzthelferinnen, 30 Tierhaltungsverantwortliche, sieben Tierschutzbeauftragte. Die Universität Tübingen züchtet ihre Versuchstiere zum Teil selbst, zum Teil werden sie von Pharmakonzernen wie Charlesriver bezogen. Immer größer ist der Anteil von Versuchstieren, die gentechnisch verändert werden. Je nach der Manipulation kostet so ein Nagetier von zehn Euro bis 10 000 Euro. Wie die meisten ihrer Kollegen benötigte Julia Schulze-Hentrich für ihre Versuche Mäuse: eine Gruppe von Wildmäusen für die Vergleichsgruppe und eine mit einem veränderten Gen, wie es bei Parkinson-Erkrankten vorkommt. Da in Tübingen bereits mit beiden Maustypen gearbeitet wird, umging die Wissenschaftlerin die Anschaffungskosten und vermied darüber hinaus die Tötung von überschüssigen Tieren, die bei der Zucht entstehen, aber nicht die gewünschten Merkmale aufweisen. Tierschützer kritisieren, dass der sogenannte Ausschuss nicht in die Statistiken eingeht.
Die Forscherin muss der Behörde persönlich erklären, warum sie die Tiere in Stress versetzt
Für eine Genehmigung des Tierversuchs musste die Wissenschaftlerin einen 30-seitigen Antrag ausfüllen, in dem sie ihr Vorgehen rechtfertigen und den Leidensgrad der Tiere einschätzen musste. Diesen untersuchte zuerst Franz Iglauer, der Tierschutzbeauftragte der Universität. Er klopfte den Antrag ab auf Fragen wie: Müssen es Wirbeltiere sein? Wie viele Tiere werden maximal benötigt? Welche Versuche sind überflüssig? Gibt es schonendere Methoden? Danach ging der Antrag an das zuständige Regierungspräsidium, das die Wissenschaftlerin zu einer Anhörung einlud. Sie sollte erklären, warum in einem der Versuche Tiere acht Wochen lang in Stress versetzt werden müssen – sie sollten etwa 16 Stunden lang keine Nahrung erhalten, eine Stunde lang in kleinen Käfigen ausharren, 36 Stunden lang Licht ausgesetzt sein und 30 Minuten lang mit einer Ratte konfrontiert werden. „Das löst ähnliche Reaktionen in den Zellen aus, wie sie auch bei gestressten Menschen auftreten“, erklärte sie der Behörde.
Das RP leitete den Antrag weiter an den Nationalen Ausschuss Tierschutzgesetz, eine Kommission in Berlin, die den Behörden und Tierschutzausschüssen bundesweit beratend zur Seite steht. Am Ende erhalten fast alle Anträge grünes Licht. „Man muss jedoch bedenken, dass jede Instanz fast immer den Antrag modifiziert und nur unter Auflagen genehmigt“, sagt Iglauer. Die Organisation Ärzte gegen Tierversuche wünscht sich, dass die Kommission mehr Strenge walten lässt. „Es gibt einige Alternativen zu Tierversuchen“, sagt Tamara Zietek von der Organisation und verweist auf die neuen Möglichkeiten, Zellkulturen des zentralen Nervensystems herzustellen oder Mini-Gehirne aus menschlichen Zellen zu züchten und an diesen zu untersuchen, welche Behandlungen ansprechen. Noch seien die Anwendungen nicht vergleichbar mit der Forschung an lebenden Organismen, räumt Zietek ein, „aber man macht große Fortschritte auf dem Gebiet“.
Tierschützer weisen auf Alternativen hin
Julia Schulze-Hentrich wäre froh, wenn sie Tierversuche vermeiden könnte. Für ihre Nagetiere endet die Zusammenarbeit in der Regel tödlich, denn sie muss den Mäusen das Gehirn entnehmen, um die Zellen analysieren zu können. Bis heute lässt es die Forscherin nicht kalt, Tiere zu töten. „Immer wenn ich hadere, halte ich mir mein Ziel vor Augen, Menschen mit Parkinson zu helfen.“ Die Mäuse starben nicht umsonst: Zwar fand die Wissenschaftlerin keine molekularen Hinweise, dass Stress das Krankheitsbild verschlechtert. Dagegen konnte sie erkennen, wie sich Bewegung bei den aktiven Mäusen in den Zellen protektiv also schützend auf die Tiere auswirkt.