Tierwelt Bloß nicht den Schnabel halten!

Psychologen nutzen den intelligenten Graupapagei gerne als Versuchstier. Foto: dpa
Psychologen nutzen den intelligenten Graupapagei gerne als Versuchstier. Foto: dpa

Sie imitieren menschliche Sprache gekonnt. Aber verstehen Papageien auch, was sie da krächzen? Biologen und Psychologen stellen fest, dass die Vögel nicht einfach gedankenlos daherplappern.

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Stuttgart - Mama! Papa! Mama, komm!“ Das Geschrei, das vor ein paar Wochen aus einer Wohnung in der Nähe von Osnabrück schallte, klang verdächtig nach einem in Not geratenen Kind. Doch als die von den Nachbarn alarmierte Polizei die Tür öffnete, fand sich nur ein gelangweilter und kommunikativer Papagei dahinter. Mit ihren Imitationstalenten faszinieren diese Vögel ihre menschlichen Zuhörer seit Jahrhunderten. Und sie sind nicht die einzigen gefiederten Sprachgenies. Auch Rabenvögel und Stare können erstaunlich menschlich klingende Laute hervorbringen. Wie machen sie das? Was haben sie davon? Und wissen sie eigentlich, was sie da sagen? Auf solche Fragen suchen Verhaltensforscher Antworten – und das Bild der Tiere wandelt sich.

Noch vor wenigen Jahrzehnten hatten Papageien und Co. als geistlose Nachplapperer gegolten. Schon ein Blick auf ihr Gehirn schien zu verraten, dass es mit ihrer Intelligenz nicht weit her sein konnte. An dessen glatter Oberfläche fehlen die Furchen und Wülste, die für die Denkorgane von Säugetieren typisch sind. Genau die galten als Voraussetzung für komplexere geistige Leistungen. Je mehr Wülste, umso mehr Grips, lautete die Theorie. Inzwischen haben Neurobiologen wie Erich Jarvis von der US-amerikanischen Duke-Universität allerdings ein komplexeres Bild vom Vogelhirn entwickelt. Demnach besteht es zu großen Teilen aus Bereichen, die ähnlich funktionieren wie die gefurchte Großhirnrinde der Säugetiere.

Damit wecken diese Tiere zunehmend das Interesse von Wissenschaftlern, die sich mit der Evolution der Sprache beschäftigen. Dieser Forschungszweig hatte sich lange auf die Talente von Affen konzentriert. Allerdings erwiesen sich die nächsten Verwandten des Menschen als eher auf den Mund gefallen: Schimpansen können sich zwar gut mit Menschen verständigen, einige haben sogar die Gebärdensprache erlernt, nur mit dem gesprochenen Wort klappt es nicht. Die Tiere verstehen zwar durchaus einiges von dem, was Menschen zu ihnen sagen, nachmachen können sie die Laute aber nicht. Das Gleiche gilt auch für etliche andere Säugetiere wie etwa Hunde. Nur wenige Tiere können offenbar lernen, neue Laute zu produzieren. Neben Walen, Delfinen und Robben sind dazu auch Elefanten und einige Fledermäuse in der Lage (siehe 2. Seite). Und eben etliche Vertreter der Papageien, Singvögel und Kolibris.

Der Graupapagei Alex kannte mehr als hundert Wörter

Erich Jarvis und seine Kollegen sind davon überzeugt, dass die Voraussetzungen dieses außergewöhnlichen Talents in speziellen Strukturen im Gehirn der Tiere liegen. Ebenso wie der Mensch haben offenbar auch die Imitatoren der Tierwelt eine direkte Nervenverbindung zwischen dem Vorderhirn und den für Lautäußerungen zuständigen Nervenzellen im Hirnstamm entwickelt. Durch kleine Veränderungen im Erbgut könnte dies bei allen Tiergruppen mit Imitatoren in ihren Reihen unabhängig voneinander entstanden sein. Nun ist das Team um Jarvis dabei, tiefer in die genetischen Grundlagen des Sprachtalents einzutauchen. Im Erbgut von Wellensittichen haben sie einige Abschnitte genau analysiert, die mit dem Sprechenlernen zu tun haben. So hoffen sie herauszufinden, wie diese Gene reguliert werden.

Gerade bei Papageien ist das eine interessante Frage. Denn anders als die meisten Singvögel nehmen sie nicht nur während einer bestimmten Phase in ihrer Jugend neue Laute in ihr Repertoire auf. Papageien lernen ihr Leben lang dazu. Oft ist das ein spontaner Prozess, der kein Training erfordert. Dann imitiert so ein Vogel plötzlich das Klingeln des Telefons oder wiederholt ein Schimpfwort, das er nur ein einziges Mal gehört hat.

Um auch zu verstehen, was sie sagen, scheinen Papageien allerdings eine aufwendigere Ausbildung zu brauchen. Irene Pepperberg von der Brandeis-Universität in den USA, die Pionierin der Papageien-Pädagogik, hat dazu schon in den 70er Jahren ein Konzept entwickelt. Vor den Augen und Ohren des Papageis spielen zwei menschliche Trainer dabei ein Frage-und-Antwort-Spiel: Der eine zeigt dem anderen einen Schlüssel, eine Frucht oder ein anderes Objekt und stellt dazu Fragen wie „Was ist das?“ oder „Welche Farbe?“. Der andere wird für richtige Antworten gelobt und bekommt den jeweiligen Gegenstand gereicht. Für falsche wird er hingegen getadelt. Nach einer Weile übernimmt dann der Papagei die Rolle des Befragten und bekommt das gleiche Feedback.

Der Star in Irene Pepperbergs Labor, der 2007 gestorbene Graupapagei Alex, hat es auf diese Weise zu einem erstaunlichen Repertoire an englischen Wörtern gebracht. Er kannte mehr als hundert Begriffe für Gegenstände und Aktionen, konnte sieben Farben und fünf Formen unterscheiden und bis sechs zählen. Er benutzte den Ausdruck „Ich will“, um Futter, Wasser oder Streicheleinheiten zu fordern. In Selbstgesprächen übte der Vogel Begriffe ein, und manchmal erfand er sogar neue Wortkombinationen. Die warf er dann seinen Trainern an den Kopf, um deren Reaktion zu testen. Dieses Feedback ihres menschlichen Gegenübers scheint für den Lernerfolg der gefiederten Schüler entscheidend zu sein. Irene Pepperberg hat zwar etlichen jungen Graupapageien Videos von Alex’ Trainingseinheiten vorgeführt, doch genau wie Menschen scheinen auch Papageien besser von Ausbildern aus Fleisch und Blut zu lernen als aus Lehrfilmen.

„Cosmo will reden“, ruft der Graupapagei

Der Grund dafür könnte in der Evolutionsgeschichte liegen. Denn das Sprachtalent der Papageien hat sich nach Ansicht vieler Forscher im Rahmen ihres Soziallebens entwickelt. Wer immer neue Laute lernt, kann offenbar besser Kontakt zu bestimmten Artgenossen aufnehmen. Hinweise dafür hat ein Team um Thorsten Balsby von der Universität Kopenhagen kürzlich bei Elfenbeinsittichen gefunden. Diese mittelamerikanischen Papageien leben in großen Schwärmen, die sich immer wieder neu zusammenfinden. Trotzdem haben die Vögel offenbar kein Problem, inmitten der zahlreichen bekannten und unbekannten Artgenossen ein bestimmtes Tier anzusprechen: Sie imitieren einfach dessen Kontaktruf.

Etwas Ähnliches könnte dahinterstecken, wenn Graupapageien spontan die einmal gelernten Wörter und Sätze in menschlicher Sprache krächzen. Sie spulen ihr Repertoire nämlich keineswegs in beliebiger Reihenfolge ab, sondern passen ihre Äußerungen an die jeweilige soziale Situation an. Das haben Erin Colbert-White und ihre Kollegen von der Universität des US-Bundesstaats Georgia beobachtet, als sie ein Weibchen namens Cosmo in unterschiedlichen Situationen filmten. Befand sich die Besitzerin im gleichen Raum und zeigte sich an einem Gespräch interessiert, sagte der Vogel zum Beispiel gern Sätze wie „Cosmo will reden“. Offenbar war ihm durchaus klar, dass dazu zwei gehören. War das Tier allein zu Hause, imitierte es stattdessen lieber Geräusche wie Hundegebell oder Telefonklingeln.

Cosmo konnte sogar unterscheiden, ob sie tatsächlich allein war oder ob sich ihre Bezugsperson nur im Nebenraum aufhielt. Denn sobald sie ihre Besitzerin in Hörweite glaubte, stellte sie mit Vorliebe Fragen wie „Wo bist du?“. Das Tier plapperte also keineswegs nur stumpfsinnig vor sich hin, sondern benutzte die menschliche Sprache wie wild lebende Papageien ihre Kontaktrufe. Man braucht also keineswegs ein Säugetiergehirn, um Sprachkompetenz zu erwerben. Zu viel davon kann dann allerdings zu Schwierigkeiten mit der Polizei führen.

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