Tierwelt Burn-out in der Vogelkolonie

Ein männlicher Malahi-Weber Foto: Archiv
Ein männlicher Malahi-Weber Foto: Archiv

In den Kolonien der Mahali-Weber in Afrika ist die Arbeit ungerecht verteilt. Ein Vogelpaar muss sich um alles kümmern, die anderen helfen bloß ein bisschen. Aber auch hier gilt wie bei den Menschen: zu viel Arbeit ist nicht gesund.

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Stuttgart - Chefposten haben durchaus ihre Tücken. Mehr Einfluss und Prestige, eine üppigere Versorgung, vielleicht sogar bessere Chancen beim anderen Geschlecht – das alles klingt ja nicht schlecht. Doch die Sache hat einen Haken. Denn die Führungsposition ist oft auch mit ungewöhnlich viel Arbeit verbunden. Und wer deutlich mehr schuften muss als seine Kollegen, riskiert seine Gesundheit und altert schneller. Jedenfalls, wenn er in einer Kolonie von Mahali-Webern lebt. Bei diesen afrikanischen Vögeln scheint eine Art körperliches Burn-out beim Führungspersonal an der Tagesordnung zu sein, berichten Dominic Cram von der University of Exeter in Großbritannien und seine Kollegen im Fachjournal „Functional Ecology“.

„Wenn Tiere oder Menschen in Gruppen zusammenleben, teilen sie die Aufgaben ja oft unter sich auf“, sagt Cram. „Und meist arbeiten einige härter als andere.“ Sind die Vielbeschäftigten dabei die Gesündesten, weil sie sich sonst einen solchen Job gar nicht zumuten könnten? Oder sind sie im Gegenteil angeschlagener als ihre Kollegen, weil die Arbeit an ihrer Konstitution zehrt? An den geselligen Mahali-Webern lassen sich solche Fragen gut untersuchen. Denn ihre Kolonien, die aus bis zu zwölf Vögeln bestehen, sind nicht sonderlich gerecht organisiert. Geführt wird eine solche Gruppe von einem dominanten Paar, das den gesamten Nachwuchs in die Welt setzt. Alle übrigen Tiere, die auf den unteren Sprossen der sozialen Leiter sitzen, helfen nur bei dessen Aufzucht.

Dafür können die Untergebenen aber eine relativ ruhige Kugel schieben, während die Hauptarbeit am Führungspersonal hängenbleibt. Dieses übernimmt nicht nur den größten Teil der Revierverteidigung. Das dominante Männchen muss zudem eine Partnerin für sich gewinnen, sie im Erfolgsfall gut bewachen und während der Brutzeit jeden Morgen singen. Noch anstrengender ist das Leben für die Gruppenchefin. Für sie ist es nicht damit getan, sämtliche Eier zu legen und auszubrüten, sie schafft auch noch den Großteil der Nahrung für die geschlüpften Küken heran.

Gemessen wurde vor und nach der Brutsaison

Um den gesundheitlichen Auswirkungen dieser unterschiedlichen Belastung auf die Spur zu kommen, haben die Forscher 93 Mahali-Weber in der Kalahari-Halbwüste in Südafrika gefangen. Sie haben ihnen jeweils eine Blutprobe abgenommen und darin nach Anzeichen für oxidativen Stress gesucht. Dieser gesundheitsschädliche Effekt kommt durch verschiedene aggressive Formen von Sauerstoff zustande, die als Abfallprodukte im Stoffwechsel entstehen. Sie reagieren im Körper zum Beispiel mit Proteinen, den fettartigen Bestandteilen der Zellmembranen oder dem Erbmaterial DNA und können dadurch all diese Biomoleküle verändern. Erbgutschäden, nicht mehr funktionierende Enzyme oder ein zusammenbrechender Energiestoffwechsel können die drastischen Folgen sein.

Solche Probleme drohen allen Tieren, die Sauerstoff atmen. Hilflos ausgeliefert sind sie den chemischen Attacken zwar nicht – so kann ihr Organismus die aggressiven Gegner mit der Hilfe von Enzymen und auf verschiedenen anderen biochemischen Wegen unschädlich machen –, manchmal aber gelingt das nicht richtig. Kritisch kann es zum Beispiel werden, wenn der Körper sehr stark beansprucht wird und entsprechend viele gefährliche Abfallprodukte herstellt. Oder wenn seine chemischen Abwehrwaffen, die ­sogenannten Antioxidantien, knapp werden. Wenn in solchen Fällen die aggressiven Sauerstoffvarianten die Oberhand gewinnen, kann das nicht nur zu Krankheiten und Fortpflanzungsstörungen führen, sondern auch das Altern beschleunigen.

Diese Gefahr scheint bei den Mahali-Webern vor allem den dominanten Weibchen zu drohen, die von allen Vögeln der Kolonie am härtesten arbeiten müssen.

Vor dem Beginn der sechsmonatigen Brutsaison hatten Führungspersonal und Untergebene ein ähnliches Niveau an oxidativem Stress und auch ähnlich starke Abwehrkräfte dagegen. Nach dieser anstrengenden Zeit aber wies der chemische Schutzschild gegen die Sauerstoffgegner bei den Gruppenchefinnen deutliche Löcher auf. Zu viel Arbeit ist also auch bei Vögeln nicht gesund.

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