Tilla Goldberg in Stuttgart im Gespräch „Eigentlich wollte ich nie einen Stuhl entwerfen“

Von red 

Designerin Tilla Goldberg spricht im Interview über ihre Design-Philosophie, Lieblingsorte in Stuttgart und ihr jüngstes Projekt – einen Stuhl für den High-End-Möbelhersteller Classicon.

Tilla Goldberg mit Ihrem Entwurf AËRIAS. Foto: Monica Menez 6 Bilder
Tilla Goldberg mit Ihrem Entwurf "AËRIAS". Foto: Monica Menez

Tilla Goldberg arbeitete bei internationalen Büros wie Ross Lovegrove in London, Idee Workstation in Tokio und Nick Dine/Dinersan in New York, bevor sie 2009 in die Geschäftsleitung der in Stuttgart ansässigen Ippolito Fleitz Group wechselte. Mit ihrem Team entwickelt Tilla Goldberg individuelle Möbel, Leuchten, Materialien und Oberflächen, um in den Projekten des Studios der komplexen Identität ihrer Auftraggeber eine unverwechselbare Gestalt zu verleihen. Ihre jüngsten Entwürfe: der Stuhl und der Sessel Aërias für das renommierte Möbelunternehmen Classicon. Barbara Benz, geschäfsführenden Gesellschafterin von architare, hat mit der Designerin in Stuttgart gesprochen.

Barbara Benz: Liebe Tilla Goldberg, welches Ihrer zahlreichen Projekte ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Tilla Goldberg: Diese Frage zu beantworten ist nicht leicht, denn wir arbeiten an sehr vielen sehr unterschiedlichen Projekten, gleichzeitig sind wir "identity architects". Das bedeutet, wir entwickeln Architektur, Produkte und Kommunikation, die zwar Teil eines Ganzen, aber immer auch einzigartig und unverwechselbar sind. Aber natürlich gibt es herausragende Projekte, die mir für immer in Erinnerung bleiben. Dazu gehört beispielsweise der „Palace of International Forums Uzbekistan“ im Zentrum Taschkents.

Was war die besondere Herausforderung beim Entwurf dieses staatlichen Gebäudes in Taschkent?

Es ist das wichtigste Repräsentationsgebäude des Landes und wurde als Plattform für Staatsakte, Kongresse, Konferenzen und kulturelle Höhepunkte angelegt. Unsere Aufgabe war es, einen ganzen Staat in nur einem Gebäude zu präsentieren. Hierfür haben wir traditionelle Elemente usbekischer Architektur modern und zeitgenössisch interpretiert. Die große Herausforderung bei diesem Projekt war aber, dass wir nur sechs Monate Zeit hatten, es zu realisieren. Ich werde auch nie vergessen, wie wir am Ende mit 5000 Menschen auf der Baustelle standen und unsere Pläne immer sofort vor Ort umgesetzt wurden.

Was ist generell Ihr Anspruch als Produktdesignerin?

Am Anfang meines Studiums glaubte ich, mit Produktdesign könne man die Welt retten, zu mindestens ein wenig besser machen. Meine Diplomarbeit war ein solarbetriebenes Passagierschiff, das bis heute auf dem Bodensee fährt. Aber ich habe auch gemerkt, dass es nicht einfach ist, Dinge zu entwerfen, die die Welt nachhaltig verändern können. Entweder entwirft man als Designer etwas Allgemeingültiges und Erschwingliches, das viele Menschen erreicht, oder etwas Aufwändiges, das eine bestimmte Zielgruppe nachhaltig fasziniert. Bei meinem Solarschiff waren die Menschen vor allem davon begeistert, dass es nur durch die Kraft der Sonne flüsterleise über den See schwebt. So gestaltet man oft eher den Moment, der direkt ins Herz geht, als das Produkt. Daher bin ich auch glücklich Teil der Ippolito Fleitz Group zu sein, bei der es immer um die Repräsentation der Identität geht – sei es um die Identität eines Unternehmens oder einer Einzelperson.

Im letzten Jahr haben Sie für den renommierten deutschen Möbelhersteller Classicon den Stuhl Aërias entworfen. War der Entwurf eines Stuhles schon immer ein Traum von Ihnen?

Ganz im Gegenteil. Eigentlich wollte ich nie einen Stuhl entwerfen (lacht). Denn ich hatte immer das Gefühl, wenn ich von den großen internationalen Möbelmessen in Köln und Mailand zurückgekommen bin, dass die Welt alles braucht, nur keine neuen Designer-Stühle.

Wie kam es dann doch zur Zusammenarbeit mit Classicon?



Wir bekamen den Auftrag einen Stuhl passend zum Tisch Pegasus zu entwerfen, den wir zwei Jahre zuvor gestaltet haben. Wer hätte da nein sagen können. Classicon besitzt eine kleine, feine und sehr luxuriöse Kollektion, für die wir etwas Einzigartiges schaffen wollten. Für Aërias haben wir mit den besten Handwerkern zusammengearbeitet und gemeinsam immer wieder die Grenzen der Verarbeitungstechniken gesprengt.

Was macht den Stuhl Aërias einzigartig?

Einerseits ist Aërias extrem bequem. Der große Sitzkomfort ergibt sich durch das Spannen von Lederbändern über eine ausgefräste Formholzschale, die an sich schon sehr komfortabel ist. Durch das Ledergeflecht entstehen gefederte Minimalflächen, die die Bewegungen des Körpers aufnehmen und das Sitzen und Anlehnen besonders angenehm machen. Zugleich entsteht durch die großen Löcher eine tolle Luftigkeit, die das Hauptfeature an diesem Entwurf ist. Aërias bringt eine faszinierende grafische Ebene in den Raum, die kein anderer Stuhl schafft. Allein der Schattenwurf ist ein Traum (lacht).

Welches Möbel würden Sie gerne als nächstes entwerfen?

Eines meiner nächsten Projekte wird ein Bett sein. Betten sind ein sehr spannendes Thema, denn ihre Funktion hat sich in den letzten Jahren komplett verändert. Es hat eine Verlagerung vom Sofa hin zum Bett stattgefunden. Gerade für junge Menschen ist das Bett das Zentrum ihres Lebens. Ein gleichzeitig sinnlicher und funktionaler Ort. Fast schon ein eigener Raum. Hier sind spannende, neue und intelligente Konzepte gefragt.

Wie sieht Ihre Zukunftsvision vom Wohnen aus?



Individualität ist für mich ein Thema, das in Zukunft noch wichtiger wird. Je größer der Anteil der gleichmachenden digitalen Welt in unserem Leben ist, je mehr allgemeingültige Sharing Konzepte es gibt, desto größer wird die Sehnsucht nach einem individuellen Rückzugsort. Einem „safe harbour“, an dem man sich mit echten persönlichen Dingen umgeben kann. Ein Ort, der die individuelle Identität repräsentiert. Ich umgebe mich auch am liebsten mit den Dingen, die ich auf Reisen gesammelt habe oder die mich schon sehr lange begleiten, also Gegenständen, die Teil meiner Persönlichkeit sind, meine Erinnerungen konservieren.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Stuttgart?

Ja, ich habe sogar mehrere Lieblingsplätze in Stuttgart. Ich mag beispielsweise die Karlshöhe gerne, jenen grünen Hügel mitten im Kessel der Stadt mit Biergarten und Sonnenuntergangs-Panoramablick, auf dem bis vor Kurzem noch Wein angebaut wurde. Nicht zu vergessen den guten alten Fernsehturm – meine Stuttgarter Lieblings-Ikone, und das Planetarium, das noch eine Weile ganz alleine in der riesigen Baustelle von Stuttgart 21 stehen wird. Zudem gefallen mir die Pavillons des ICD (Institute for Computational Design and Construction) an der Uni Stuttgart, die großartige temporäre, robotergebaute Experimente sind. Passend dazu das ILEK – Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren der Uni Stuttgart, das 1966 Frei Otto als Versuchsbau für den deutschen Pavillon zur Weltausstellung 1967 gebaut hat. Und – auch aus dieser Zeit – der seit zehn Jahren leerstehende IBM Campus von Egon Eiermann. Wenn dort vereinzelt Veranstaltungen stattfinden, sollte man diesen schnell noch im Originalzustand anschauen, bevor das Gebäude ab 2020 umgebaut wird.