Tim Kneule von Frisch Auf Göppingen Der Dauerbrenner will seinen fünften Titel mit Frisch Auf

Kapitän Tim Kneule gibt die Kommandos bei Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen. Foto: Baumann/Julia Rahn

Tim Kneule hat mit Frisch Auf Göppingen bereits vier Europapokaltitel geholt. Vor dem Final Four in der European League spricht der 36-Jährige über Vereinstreue, das Geheimnis seiner Fitness und die Leistungsschwankungen zwischen internationalem Geschäft und Ligaalltag.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

In der kommenden Spielzeit wird er seine 18. Saison in der Handball-Bundesliga bestreiten. Alle absolvierten 474 Spiele, alle seine exakt 1000 Tore machte Tim Kneule für Frisch Auf Göppingen. „Er ist ein Phänomen. Ich selbst habe ja sogar noch gegen ihn gespielt. Es ist wirklich gigantisch, mit welcher Konstanz Tim auf höchstem Niveau abliefert“, sagt sein Trainer Markus Baur (52).

 

Kneule ist Spielmacher, Abwehrstratege, Kapitän, kämpferisches Vorbild – oder anders ausgedrückt: das Gesicht von Frisch Auf Göppingen. Alle vier EHF-Pokal-Titel 2011, 2012, 2016 und 2017 hat das Urgestein mit dem elffachen deutschen Meister gewonnen. An diesem Wochenende soll in der European League der fünfte dazukommen. Beim Final Four in Flensburg geht es am Samstag (18 Uhr) im Halbfinale gegen den Tabellendritten der spanischen ersten Liga, BM Granollers, davor spielen um 15.30 Uhr der Bundesliga-Dritte Füchse Berlin und das französische Spitzenteam Montpellier HB um den Einzug ins Endspiel am Sonntag (18 Uhr).

„Wir haben einen anstrengenden Weg hinter uns. Jetzt fahren wir sicher nicht in den hohen Norden, um nur brav teilzunehmen. Wir sind zwar Außenseiter, aber ich bin sehr optimistisch, dass wir überraschen können“, sagt Kneule. Was dem 36-Jährigen in Anbetracht der sehr enttäuschenden Bundesliga-Saison (Platz 14, 21:39 Punkte) Hoffnung macht? Zum einen hat der Vorjahres-Fünfte Frisch Auf 2017 eine ähnlich frustrierende Runde in der Liga gespielt wie aktuell – und dann im Final Four durch Siege gegen die Favoriten SC Magdeburg (33:29 im Halbfinale) und Füchse Berlin (30:22 im Finale) den EHF-Cup gewonnen. „Das Turnier damals ging zwar in unserem Wohnzimmer, der EWS-Arena, über die Bühne, aber auch auf neutralem Boden ist alles möglich“, ist sich Kneule sicher.

„Wir haben so viel Potenzial“

Bleibt die Frage, warum Frisch Auf auf der internationalen Bühne glänzt, im Ligaalltag aber so sehr unter seinen Möglichkeiten bleibt? Kneule legt die Stirn in Falten: „Ich kann es nicht erklären, ich bin ratlos. Wir haben so viel Potenzial in unserer Mannschaft. Aber so wie wir bisher abgeschnitten haben, das kann – trotz aller Zusatzbelastung – nicht unser Anspruch sein.“ Am Charakter des Teams liege es nicht. „Wir gehen in jedes Spiel, egal ob gegen Lissabon oder Hamm, mit 100 Prozent rein, das sind wir auch allen Zuschauern und Sponsoren schuldig“, sagt Kneule.

Er selbst wird auch in Flensburg wieder vornewegmarschieren. Seine kraftvollen Durchbrüche, seine Dynamik im Eins-gegen-eins, seine Torgefahr werden im Final Four gefragt sein. Der 1,90 Meter große Modellathlet schont weder sich noch seine Gegner. Wie er es schafft, auf zentraler Position in Abwehr und Angriff seit 2006 so durchzuhalten? „Ich achte sehr auf meinen Körper und habe im Laufe der Jahre eine immer größere Sensibilität entwickelt für regenerative Maßnahmen“, sagt der Rechtshänder, der bis auf einen Kreuzbandriss 2011 und einen Riss des Syndesmosebandes 2016 weitgehend verletzungsfrei blieb. Kneule schiebt auch zusätzliche Einheiten im Kraftraum, arbeitet viel im prophylaktischen Bereich mit den Athletiktrainern. Den theoretischen Hintergrund hat der Mann mit den 30 Länderspielen für Deutschland ohnehin.

Fernstudium Gesundheitsmanagement

Sein Sportwissenschaftsstudium hat er schon 2015 abgeschlossen, sein aktuelles Fernstudium Gesundheitsmanagement befindet sich auf der Zielgeraden. Da verwundert es nicht, dass der Rückraumspieler sehr auf gesunde Ernährung achtet, größtenteils hat er diese auch auf Low Carb (Kohlenhydratreduzierung) umgestellt. Aber, damit kein falscher Verdacht aufkommt: Der Familienvater geht mit den Kindern schon einmal gemeinsam in einen Fast-Food-Laden zum Eis- oder Pommesessen.

Seine Frau Julia, die Kinder Ida (10), Emil (7) und Lotta (2) sind auch der Hauptgrund, dass es den bodenständigen Schwaben, der in Dettingen/Erms wohnt, nach menschlichem Ermessen nicht mehr aus der Region wegzieht. Ob es überhaupt einmal ernsthaft in Betracht kam, für einen anderen Club zu spielen? Es habe immer wieder einmal Anfragen gegeben, meint Kneule. Konkret stand 2015 ein Wechsel zur SG Flensburg-Handewitt im Raum, doch dann ging der HSV Hamburg insolvent, und die SG entschied sich für den französischen Spielmacher Kentin Mahe vom HSV.

Bereut hat Kneule seine Vereinstreue nicht. „Ich bin unglaublich stolz, so lange in einem Verein zu spielen“, sagt er. Seinen Vertrag bei Frisch Auf hat er bis 2024 verlängert. Fortsetzung danach? Alles andere als ausgeschlossen.

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