Tinder und Co während Corona Dating auf Distanz

Wisch und weg – oder auch nicht. Digitales Daten in der Corona-Pandemie. Foto: dpa/Johannes Schmitt-Tegge

In Zeiten von Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen boomt die Partnersuche im Internet. Die Coronapandemie hat aber auch die Art und Weise des digitalen Kennenlernens verändert – Trends wie das Videodate könnten bleiben.

Sport: David Scheu (dsc)

Stuttgart - Die Auswahl scheint grenzenlos. Kaum ist ein Zugang zum digitalen Dating-Portal Tinder angelegt, laufen reihenweise Fotos einsamer Herzen aus der näheren Umgebung über den Bildschirm. Eine Jurastudentin zeigt sich vor einer verschneiten Bergkulisse – und schafft im Begleittext gleich noch einen Anreiz: „Wenn du errätst, wo das Bild gemacht wurde, geht der erste Drink auf mich!“ Schiebt man das Foto auf dem Touchscreen des Handys nach links, bedeutet das Desinteresse. Umgehend erscheint das nächste Bild. Eine Katzen-Liebhaberin strahlt mit ihrem Stubentiger in die Kamera und bekundet eine ausgeprägte Leidenschaft fürs Tanzen. Ein Wisch nach rechts signalisiert Interesse. Beruht das auf Gegenseitigkeit, kann Kontakt aufgenommen werden.

 

Es gab Zeiten, als Leon unzählige dieser Bildergalerien auf Tinder durchstöberte. Seinen echten Namen möchte der 28-Jährige hier lieber nicht lesen, von seinen Erfahrungen berichten dagegen schon. Etwa jede zehnte Frau habe er näher kennenlernen wollen, umgekehrt sei die Quote ähnlich gewesen. Rund 100 Profile flatterten also über den Bildschirm, bis überhaupt mal ein erster Kontakt zustande kam. Den Vorwurf der Oberflächlichkeit hält Leon dennoch für ungerechtfertigt: „Die Welt ist allgemein schneller geworden. Und Tinder ist eben eine einfache Art, neue Menschen kennenzulernen.“ Sowieso sei der Zeitgeist inzwischen ein digitaler, warum also solle das nicht auch für die Partnersuche gelten?

Tinder-Rekord während der ersten Coronawelle

Diese Sicht teilen ganz offenkundig viele Menschen: Seit Jahren steigen die Nutzerzahlen bei Tinder, das zu Beginn der Corona-Pandemie einen aufsehenerregenden Rekord vermeldete: Drei Milliarden Mal wischten die Mitglieder der Plattform am letzten Märzsonntag des Jahres 2020 ein Foto nach links oder rechts, nie zuvor wurden innerhalb eines Tages weltweit mehr dieser sogenannten Swipes registriert.

Tinder ist längst nicht der einzige Corona-Profiteur. Viele Online-Partnerbörsen erleben einen Aufschwung, seitdem die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung der Virus-Ausbreitung die Möglichkeiten für persönliche Treffen einschränken: Veranstaltungen sind untersagt, Kinos haben geschlossen, auch Bars und Clubs sind dicht. Immer öfter verlagert sich das Kennenlernen in einen digitalen, virusfreien Raum. Auch in Deutschland: Bei der hierzulande umsatzstärksten Partnervermittlung Parship werden in Coronazeiten durchschnittlich ein Viertel mehr Nachrichten als zuvor verschickt – für Sprecherin Jana Bogatz ist der Anstieg ebenso erfreulich wie logisch: „Das führen wir unmittelbar auf das erschwerte analoge Kennenlernen zurück.“

Millionen Deutsche nutzen Online-Dating

Der Trend zur Partnersuche im Internet setzte allerdings bereits vor der Pandemie ein. „Online-Dating ist schon seit einigen Jahren komplett in der gesellschaftlichen Mitte angekommen“, sagt die Psychologin Wera Aretz, die an der Hochschule Fresenius in Köln digitales Dating wissenschaftlich erforscht. Was anfangs als Resterampe für alle Chancenlosen auf dem analogen Beziehungsmarkt verpönt gewesen sei, habe sich längst zu einem salonfähigen Massenphänomen entwickelt.

Die blanken Zahlen lassen tatsächlich aufhorchen: Jeder fünfte Deutsche hat einer Parship-Umfrage zufolge schon einmal eines der digitalen Portale genutzt, Tendenz steigend. Inzwischen bildet Online-Dating in Deutschland die zweithäufigste Art, einen Partner kennenzulernen. Einzig der Freundeskreis kommt noch vorher. Selbst die teils stattlichen Preise – ein halbes Jahr Premium-Mitgliedschaft bei Parship kostet 449,40 Euro – haben die Nachfrage nicht gebrochen.

Nicht nur junge Menschen suchen online nach Partnern

Ein Grund für die zunehmende Popularität ist laut Aretz die Möglichkeit einer sehr zielgerichteten Suche im Netz, viele Plattformen sprechen ganz bestimmte Gruppen an: Elitepartner richtet sich an Akademiker, Handicap Love an Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung, 50-Plus-Treff an Personen in der zweiten Lebenshälfte, Grindr an homosexuelle Männer.

Corona gab dem Ganzen dann zwar nochmals einen merklichen Schub, hat aber auch Spuren jenseits des rein quantitativen Wachstums hinterlassen. In einer mehrmonatigen Studie hat Wera Aretz hierzu im vergangenen Sommer den Einfluss der Pandemie auf das digitale Dating-Verhalten untersucht und dafür rund 1800 Personen befragt. Ihr grundsätzlicher Befund: „Die Kommunikation ist tiefgründiger geworden.“ Nach Hobbys und Interessen seien pandemische Stressfaktoren wie soziale Isolation und Zukunftsängste das zweithäufigste Gesprächsthema gewesen. „Diese Dinge treiben derzeit fast jeden um“, sagt Aretz, „das schafft Nähe und Schnittmengen.“

Die Gesprächsthemen sind ernster geworden

Darauf angesprochen nickt Leon, auch er hat Corona als Einschnitt wahrgenommen. „Davor hatte ich ehrlich gesagt nicht immer das Bedürfnis, beim Online-Dating andere Menschen wirklich näher kennenzulernen oder eine Partnerin zu finden.“ Stattdessen habe ihn oft auch die Suche nach Selbstbestätigung und digitalem Zeitvertreib auf die Plattform getrieben. „Und ich bin mir sicher, dass ich da nicht der einzige bin.“ Das habe sich durch die Pandemie etwas verschoben. Zwei intensivere Kontakte hatte Leon während der ersten Coronawelle im Frühjahr des vergangenen Jahres – bei beiden sei der Smalltalk-Anteil geringer als zuvor üblich gewesen: „Natürlich hat man dann irgendwann auch über die persönliche Situation und die Belastung durch den Lockdown geredet.“

Allerdings sind dem Austausch von Gemeinsamkeiten in Zeiten von Abstandsregeln enge Grenzen gesetzt: Während in der Vor-Corona-Zeit ein digitales Date irgendwann dann doch in ein persönliches Treffen mündete, lassen inzwischen viele Vorsicht walten. Der Fresenius-Studie zufolge verlagerten 55 Prozent der Befragten das Date aus Gründen des Infektionsschutzes ins Freie – der Spaziergang wurden der neue Restaurantbesuch. Immerhin 13 Prozent gaben an, gänzlich auf direkte Kontakte zu verzichten. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey vom August 2020 räumte sogar jeder dritte Single ein, Angst vor körperlicher Intimität entwickelt zu haben.

Werden Videodates zunehmen?

Viele Anbieter reagierten auf die veränderte Situation – und implementierten in aller Schnelle eine Videochat-Funktion. Seit April 2020 ist diese Option zum Beispiel für Parship-Mitglieder verfügbar. „Das Feature wird gut angenommen“, sagt Sprecherin Jana Bogatz. Insbesondere während der scharfen Kontaktbeschränkungen seien die Zugriffszahlen in die Höhe geschnellt. Mittlerweile richtet das Portal auch sein Marketing ganz gezielt an dem neuen Angebot aus: Auf etlichen Sendern läuft derzeit ein Parship-Werbespot, in dem sich ein junger Mann das Hemd zuknöpft. „Bewerbungsgespräch?“, fragt eine Stimme aus dem Off. „Ne, Videodate“, antwortet der Mann. Im Schnitt dauert ein Videodate bei Parship 30 Minuten, in einzelnen Fällen erstreckte es sich allerdings auch schon über mehrere Stunden. „Unsere Mitglieder nutzen dieses Angebot offenbar also fast wie ein richtiges Date zum näheren Kennenlernen“, sagt Bogatz.

Manche Eindrücke sind online nicht zu bekommen

Psychologin Aretz sieht im Videochat sowohl Chancen als auch Grenzen: Einerseits würden viele Personen in der vertrauten Umgebung der eigenen vier Wände selbstbewusster auftreten, andererseits aber könne ein virtuelles Treffen ein reales niemals ganz ersetzen: „Es gibt viele Sinneseindrücke, die man einfach nicht digital bekommen kann.“ Den Geruch des Gegenübers oder die Körperspannung beim Händedruck etwa. Nicht zuletzt sei körperlicher Kontakt auch von zentraler Bedeutung für die psychische Gesundheit – schon eine flüchtige Umarmung genüge, um stimmungsaufhellendes Dopamin auszuschütten.

Noch hat das Videodate als relativ junges Phänomen ohnehin ein beträchtliches Wachstumspotenzial: In der Fresenius-Studie vom vergangenen Sommer gaben lediglich neun Prozent der Befragten an, diese Option zu nutzen. Die Zahlen dürften künftig aber weiter steigen: Im Herbst des vergangenen Jahres brachte auch Branchenriese Tinder pünktlich zur zweiten Coronawelle die Videofunktion in Deutschland auf den Markt.

Leon wird die weitere Entwicklung nicht mehr aus nächster Nähe verfolgen. Er ist inzwischen in einer festen Beziehung, sein Tinder-Konto schon seit einiger Zeit verwaist: „Das Jahr 2020 hatte für mich also trotz Corona auch wirklich schöne Momente.“

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