Tintoretto-Ausstellungen in Venedig Gemälde wie ein Kinofilm

Von Henning Klüver 

In ganz Venedig hat er in Kirchen, Palästen und Museen seine Spuren hinterlassen: der Maler Jacopo Tintoretto, der vor 500 Jahren geboren wurde. Nun feiern zwei große Ausstellungen in der Lagunenstadt den gewieften und enorm vielseitigen Künstler der Spätrenaissance.

Tintorettos „Susanna e i vecchioni“ (Ausschnitt), das in der Zeit um 1550 entstanden ist Foto: Kunsthistorisches Museum, Wien
Tintorettos „Susanna e i vecchioni“ (Ausschnitt), das in der Zeit um 1550 entstanden ist Foto: Kunsthistorisches Museum, Wien

Venedig - Tintoretto nannte sich der venezianische Maler Jacopo Robusti. Der Vater, der aus dem toskanischen Lucca stammte, war ein Färber, ein „Tintore“, der Stoffe bearbeitete. Und Tintoretto bedeutet der „kleine Färber“ oder das „Färberlein“. Das klingt bescheiden, doch Bescheidenheit gehörte nicht zu den Charakterzügen des auch als Unternehmer erfolgreichen Jacopo Robusti, der den Namen Tintoretto zu einem Markenzeichen auf dem Kunstmarkt der Lagunenstadt machte.

Mit nervösen, schnell aufgetragenen Pinselstrichen, mit manierierten Darstellungen von Figuren, die er aus manchen Gemälden geradezu herausfallen ließ, und mit großen Bildformaten, die er aus mehreren Leinwänden zusammenstückelte, trat er das Erbe der Renaissancemalerei von Giorgione und Tizian an. Den religiösen Orden und karikativen Laienbruderschaften von Venedig – den sogenannten „Scuole“ – lieferte er biblische Motive, den Stadtadel bediente er mit Gemälden für Privatgemächer und mit Porträts, den venezianischen Staat verherrlichte er in Historienbildern. Und manchmal hat man bei diesen Arbeiten den Eindruck, Standbilder aus einem monumentalen Kinofilm zu sehen.

Die Kraft seiner Bilder hat auf große Maler, auf Velásquez, El Greco, Rubens und später Delacroix oder Manet ausgestrahlt. Über die Jahrhunderte erweist sich der rastlose Tintoretto gleichsam bis heute als ewiger Zeitgenosse. Das gilt etwa auch für Anselm Kiefer. Und selbst Jeff Koons hat kürzlich ein Bild von Tintoretto in seiner Reihe „Gazing Ball Paintings“ verarbeitet.

Offizieller Porträtmaler des Stadtstaates

Seine erstaunliche Themenbreite, seine stilistische Vielfalt kann man jetzt in Venedig in zwei Ausstellungen nachvollziehen. Eine Hauptausstellung unter dem Titel „Tintoretto 1519–1594“ ist im Dogenpalast zu sehen, wo fünfzig Gemälde und zwanzig Zeichnungen von seiner Hand zu sehen sind. Die Ausstellung ist in Themenräume gegliedert. Religiöse Motive stehen neben heidnischen Klassikdarstellungen, Privataufträge neben Arbeiten, die den venezianischen Staat feiern, eindrucksvoll die Galerie der Porträts, bei denen die Personen aus dunklem Hintergrund mit hell erleuchteten Gesichtern hervortreten. Sachlich, nüchtern setzen sich die Bildnisse der Kaufleute und Angehörigen der Oberschicht von den sonst bewegten und übervollen Gemälden des Malers ab. Der verbuchte damit einen Riesenerfolg – von 1560 an galt er de facto als der offizielle Porträtmaler des Stadtstaates.

Der Parcours der Ausstellung versucht trotz einer überraschenden Vielfalt der Stilmittel so etwas wie eine Handschrift des Malers herauszuarbeiten. Die drückt sich zum Beispiel in dem schon ganz barock anmutenden Bild „Susanna und die Alten“ aus. Prachtvolle Körperlichkeit verbindet sich mit landschaftlichen Akzenten und gewagten Perspektiven – und drängt den Zuschauer selbst in die Rolle des Voyeurs, die eigentlich der biblischen Geschichte nach den beiden Alten gilt.

Er riss Aufträge mit Dumpingpreisen an sich

Ob er wirklich am 29. September 1518 auf die Welt kam oder erst im Frühjahr 1519, ist ungewiss – die Taufdokumente sind bei einem Brand zerstört worden. Sicher ist, dass er am 31. Mai 1594 im Alter von 75 Jahren starb. Das war eine Zeit aus den Fugen, die Pest zog durch Europa, Rom wurde von protestantischen Truppen geplündert, Mailand zuerst von Franzosen und dann von den Spaniern besetzt und Venedig verlor seine politische Rolle als führende Kolonialmacht im östlichen Mittelmeer. Dennoch blühte die Lagunenstadt weiter kulturell, auch wegen der Gegenreformation, die Impulse für neue bildnerische Motive und Interpretationen gab. Der reiche Kaufmannsstand schmückte seine Palazzi mit beweglichen Leinwand-Gemälden. Und der Dogenpalast musste nach einem Großbrand völlig neu ausgestattet werden. Da war ein Tintoretto natürlich dabei, der Malerkollegen mit Dumpingpreisen bei Ausschreibungen unterbot und mit einem gut geölten Werkstattbetrieb mithilfe auch seiner Tochter Marietta und seines Sohns Domenico schneller liefern konnte als andere. Besonders beliebt bei Kollegen war er sicher nicht.

Die Accademia zeigt das Frühwerk

Der Maler hat bis auf einen Aufenthalt in Mantua Venedig nie verlassen. Dennoch kannte er über Druckgrafiken die Werke der großen mittelitalienischen Künstler wie Raffael oder Michelangelo. „Die Formen von Michelangelo, die Farben von Tizian“ war das Motto seiner Werkstatt. Das kann man gut in dem drei Meter hohen Bild mit der Darstellung einer wundersamen Heilung von Kranken durch den heiligen Augustinus nachvollziehen. Im Vordergrund liegen und stehen die Michelangelo nachempfundenen Körper der gerade Geheilten, während der Heilige im Hintergrund segnend im lichtvollen weißen Gewand auf einer lilagrauen Wolke schwebt.

In einer zweiten Ausstellung in der Galleria dell’Accademia geht es mit rund sechzig Arbeiten um die Lehrjahre Tintorettos. Neben den Jugendwerken spiegelt sie mit Arbeiten seiner Zeitgenossen das Umfeld wider, aus dem sich der Maler löste. Bald trat er in Konkurrenz zum Altmeister Tizian (1490–1576) und später zum jüngeren, intellektuell verspielten Paolo Veronese (1528–1588). Ganz Venedig bietet heute in Kirchen, Museen und Palazzi eine Bühne für Dutzende von Arbeiten des Färberleins. Die Ausstellungen helfen jetzt, diese einzuordnen.