Tipp-Kick-Chef Mathias Mieg „Die ganze Familie packt mit an“

Mit einem Knopfdruck wird beim Kultspiel Tipp-Kick seit 1924 der Ball bewegt – mit etwas Glück sogar in Richtung Tor. Foto: Tipp-Kick

Die Cousins Mathias und Jochen Mieg führen die kleine Firma hinter der großen Marke Tipp-Kick in dritter Generation. Im Interview verrät Mathias Mieg, worauf sich die Fangemeinde in diesem Jahr freuen darf.

Villingen-Schwenningen - WM-Jahre sind traditionell Tipp-Kick-Jahre. Rund um Fußball-Großereignisse erwirtschaftet die Edwin Mieg OHG aus Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) auch die Umsätze, die ihr in den Jahren dazwischen fehlen. Mathias Mieg (56) spricht im Interview über solche Durststrecken, markante Spielerfrisuren und das Auf und Ab seines Herzensvereins VfB Stuttgart.

 
Herr Mieg, Sie sind vor vier Jahren mit der ersten personalisierten Spielfigur, dem damaligen Bayern-Spieler Dante, auf den Markt gekommen. Bei der Weltmeisterschaft wurde dieser beim 1:7 gegen Deutschland zur tragischen Figur. War der Brasilianer mit der Wuschelfrisur im Miniformat erfolgreicher?
Ja und nein. Als Einzelfigur ist er nicht eingeschlagen, dafür lief unsere Samba-Edition sehr gut. Das war ein komplettes Spiel mit besonderem Spielfeld und vier Spielern, Team Brasilien gegen Team Dante. Davon haben wir um die 10 000 Spiele verkauft.
Gibt es weitere individualisierte Figuren?
Dante war ein einmaliger Gag. Das Personalisieren der Figur hat ja über die auffällige Frisur funktioniert, die mit einem zusätzlichen Kunststoffteil am Kopf aufgepresst wurde.
In diesem Jahr steht wieder eine Weltmeisterschaft an. Was erwartet die Tipp-Kick-Gemeinde diesmal?
Ich bin gerade dabei, die Trikots der 32 teilnehmenden Nationen zu recherchieren, die in Russland vertreten sein werden. Bis zur Spielwarenmesse in Nürnberg wollen wir möglichst viele Figuren im Originaltrikot zeigen können. Es wird auch eine Reihe von Turnieren und eine große Aktion vor Beginn der WM geben. Mehr möchte ich dazu im Moment noch nicht verraten.
Haben sich auch schon angefangen, die Figuren der Teilnehmernationen zu bemalen?
Das konnten wir, weil die Trikots der deutschen Nationalmannschaft, aber auch von Ländern wie Spanien, Argentinien, Belgien oder Mexiko bereits vor dem Weihnachtsgeschäft offiziell vorgestellt wurden. Auf andere Ausstatter warten wir momentan noch.
Könnte es Staaten geben, deren Trikotmuster Sie nicht rechtzeitig für die Serienproduktion bekommen?
Das kann passieren. Dann müssten wir uns an vergangenen Jahren orientieren: Ein Land wie der Iran läuft traditionell in Weiß mit etwas Grün und Rot auf. Dieses Trikot wird aber auch nicht so gefragt sein, da produzieren wir vielleicht 50 Stück. Von den deutschen Spielern werden mehr als 10 000 Figuren hergestellt. Die treffen Ende Januar bei uns ein.
Wo werden die Figuren gefertigt?
Stückzahlen ab 2000 lassen wir, wenn möglich, in China produzieren und bemalen, die Spielfelder und weiteres Zubehör kommen mittlerweile auch von dort. Eine kleine Produktion haben wir noch immer bei uns in Schwenningen. Die Zinkfiguren werden in einer Gießerei in Villingen für uns gegossen, wir montieren die Kicker, und unsere Heimarbeiter bemalen sie. Firmenlogos oder besondere Muster wie auf den neuen Trikots der deutschen Mannschaft werden mittels eines Druckverfahrens maschinell aufgebracht. Das nennt sich Tampondruck und wird auch von Märklin bei den Modellbahnen oder von Schleich bei den kleinen Hartgummifiguren eingesetzt.
In den Jahren zwischen den Großereignissen müssen Sie regelmäßig Durststrecken überstehen. Wie ist Ihnen das zuletzt gelungen?
Unsere Situation ist immer schwieriger geworden. Dazu kommt, dass Tipp-Kick gerade auch über den Online-Versand gut läuft und dass der Fachhandel leider immer vorsichtiger disponiert. Das bedeutet, die Bestellungen erreichen uns immer später im Jahr. Im vergangenen Sommer saßen wir hier in Schwenningen und haben buchstäblich Däumchen gedreht, weil wir nicht wussten, was zum Jahresende auf uns zukommen wird. Es war fürchterlich ruhig. Dafür haben wir die Arbeit in den letzten drei Monaten des Jahres fast nicht bewältigt bekommen.
Wie sehr schwanken Ihre Geschäfte zwischen Jahren mit und ohne Großereignis, und was erwarten Sie für 2018?
In den ungeraden Jahren ohne Welt- oder Europameisterschaft haben wir zwischen 30 000 und 40 000 Spiele verkauft, in den Jahren 2014 mit der WM in Brasilien und 2016 mit der EM in Frankreich waren es rund 60 000 – das wollen wir auch in diesem Jahr wieder erreichen. Die WM 2006 in Deutschland mit mehr als 200 000 verkauften Exemplaren war ein Ausreißer nach oben – die hat sogar den bisherigen Rekord aus dem Wunder-von-Bern-Jahr 1954 mit 180 000 Spielen übertroffen.
Tipp-Kick-Enthusiasten sind längst nicht mehr Ihr einziges Standbein. Welchen Stellenwert nehmen die Figuren als Werbemittel mittlerweile ein?
Geschäftskunden ordern große Stückzahlen, um sie als Geschenke an ihre Kunden und Mitarbeiter zu verteilen oder als Preise bei Gewinnspielen einzusetzen. Das macht gerade in Jahren mit Großereignissen schon mehr als die Hälfte unseres Umsatzes aus – darüber sind wir sehr froh.
Sie sprechen nicht detailliert über Umsätze und Gewinne – aber wie kommen Sie über die Runden?
Unsere Jahresumsätze schwanken zwischen einer und zwei Millionen Euro. Es waren schon immer wieder harte Jahre dabei. Wir mussten teilweise Kurzarbeit für unsere Mitarbeiter anmelden und haben uns daher vor einigen Jahren dazu entschlossen, unser Personal stark zu reduzieren. Heute sind noch sieben Mitarbeiter im Unternehmen fest angestellt, davon drei in der Produktion. Zu Spitzenzeiten waren es zwölf Festangestellte und 25 Heimarbeiter. Heute beschäftigen wir noch acht Personen in Heimarbeit und stellen in der Weihnachtssaison etwa vier Aushilfen ein, dann packt auch die ganze Familie mit an. Und bei der Verpackung der Spiele arbeiten wir mit der örtlichen Lebenshilfe zusammen.
In welchen Ländern ist Tipp-Kick besonders beliebt?
Das sind in allererster Linie die deutschsprachigen Länder, also auch Österreich und die Schweiz. Wir haben aber auch Fans in Italien und erstaunlicherweise in Japan.
Wieso gerade dort?
Wir haben seit vielen Jahren einen Vertriebspartner vor Ort, der sich auf typisch deutsche Produkte spezialisiert hat. Darunter verstehen die Japaner dann offenbar auch Tipp-Kick.
Sie selbst sind großer Fan des VfB Stuttgart. Hat sich die jüngste Berg-und-Tal-Fahrt Ihres Herzensvereins auch auf das Geschäft ausgewirkt?
Wir haben vor allem den Aufschwung mitgemacht. Ausgerechnet im Abstiegsjahr sind wir Lizenzpartner des VfB geworden. Seitdem verzeichnen wir eine zunehmende Nachfrage nach den Kickern mit dem roten Brustring; zuletzt waren es um die 600 Spiele pro Jahr.
Sie leiten das Unternehmen seit 27 Jahren in dritter Generation der Familie zusammen mit Ihrem Cousin Jochen Mieg. Haben Sie schon einmal über die Nachfolge nachgedacht?
Natürlich. Mein Sohn Leonard hat bereits Interesse signalisiert. Aber das hat noch Zeit, er ist 23 und studiert Internationales Management.

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