Tipp-Kick-Gespräche zur Fußball-EM 2024 Engländer machen Sorgen

Simon Granville (links) und Redakteur Robert Krülle beim Tipp-Kick-Duell Foto: Stefanie Schlecht

Der Engländer Simon Granville lebt seit fast 30 Jahren im Kreis Böblingen, liebt Brezeln und deutsches Bier. Wie die meisten seiner Landsleute ist er von den Leistungen der englischen Nationalelf bei der Fußball-EM bislang enttäuscht. Immerhin gewinnt er in unserem Tipp-Kick-Duell.

Am Tag nach dem zweiten EM-Vorrundenspiel der Engländer ist Simon Granville immer noch auf 180. „Das hat mich echt erschreckt – das sah aus wie ein Sonntagskick“, schimpft der 55-Jährige über die maue Leistung beim 1:1 gegen Dänemark. Zwar haben die Engländer dank des 1:0-Siegs gegen Serbien bereits vier Punkte auf dem Konto und sind praktisch sicher im Achtelfinale, doch ihre Auftritte waren alles andere als überzeugend. „20 Sekunden haben sie gut gespielt, da fiel das Führungstor“, bruddelt Granville, „ansonsten war das miserabel – sie sollten sich schämen.“

 

Seinen Frust ablassen kann er beim Tipp-Kick-Spiel auf freiem Feld im Hölzertal bei Magstadt. Das passt zwischen zwei Termine des viel beschäftigten Zeitungsfotografen, und außerdem mag er es luftig. „Ich bin so viel in Städten unterwegs, da komme ich gerne raus“, sagt er. „Ich mag Fototermine auf dem Land – vielleicht weil mein Großvater ein Landwirt war.“ Obwohl Granville noch nie Tipp-Kick gespielt hat, gelingt ihm gleich mal ein Tor aus der eigenen Hälfte – einem knackigen Hieb auf den Männchen-Kopf sei Dank. Der 1:1-Ausgleich bringt den Engländer nicht aus der Ruhe – nach einigem Hin und Her fällt sein 2:1-Siegtreffer, erneut aus erstaunlicher Entfernung. „Ich kenne aus England so etwas ähnliches, das heißt Subbuteo“, berichtet der gebürtige Londoner, „da hat aber jeder Spieler zehn Figuren.“

Tipp-Kick-Spiel auf dem Feld /Stefanie Schlecht

Dass Simon Granville in Deutschland lebt, hat nicht zuletzt mit einer Familie aus Offenburg zu tun. In der Stadt war er 1984 als Jugendlicher beim Schüleraustausch. „Dort hat es mir so gut gefallen“, schwärmt Granville, „dass mir klar war, ich will irgendwann wieder nach Deutschland.“ Gleichzeitig entwickelte er ein großes Interesse am Zeitungsjournalismus, insbesondere der Art zu fotografieren. „Auf diese Weise die Information zu transportieren, hat mich begeistert – und begeistert mich bis heute“, betont er, „ein gutes Foto sagt mehr als 1000 Worte.“

Auch die deutsche Zeitungslandschaft hatte viel zu bieten. Und so versuchte Simon Granville als ausgebildeter Fotograf im Ausland sein Glück, landete 1997 im Raum Stuttgart – und blieb. 20 Jahre lang war er bei der Agentur Weise beschäftigt, die insbesondere für die Stuttgarter Zeitung fotografierte. Seit 2020 ist der Engländer, der lange in Rutesheim gewohnt hat, selbstständig und vor allem für die Leonberger Kreiszeitung aktiv.

Für die Arbeit braucht er nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, sondern muss auch auf die Menschen zugehen können und ihnen die Scheu vor der Kamera nehmen. „Das fällt mir zum Glück ganz leicht“, sagt der gesprächsfreudige Fotograf mit dem unverkennbar englischen Akzent. Gleichzeitig könne er seinen Tagesverlauf nie richtig planen. „Das bringt der Job eben mit sich – wenn kurzfristig ein Termin reinkommt, muss ich losspringen.“

Am Tisch vereint: Simon Granville (rechts) und Redakteur Robert Krülle /Stefanie Schlecht

Zur Übertragung der England-Spiele bei der EM hat er es bislang immerhin geschafft. Die beiden Partien schaute sich Simon Granville zu Hause vom Sofa aus an – gemeinsam mit seiner Frau Juliette, ebenfalls Engländerin und großer Fußballfan. Im Land sind die beiden geeint, bei den Vereinen nicht. „Juliette ist für Manchester United“, stöhnt Simon Granville, der in London aufgewachsen und Fan von Tottenham Hotspur ist. „Da gibt es manchmal kleine Konflikte.“

Vom dritten Vorrundenspiel der Engländer am Dienstagabend gegen Slowenien erwartet Simon Granville nicht besonders viel. „Hauptsache, sie spielen Fußball – und schauen nicht bloß zu.“ Im Achtelfinale könnte es zur Begegnung mit den stark aufspielenden Deutschen kommen. „Hör mir auf“, grantelt der Fotograf, „das hat mir gerade noch gefehlt.“

Auch wenn die Zuneigung beim Fußball klar Richtung England geht, fühlt sich Simon Granville in seinem neuen Heimatland pudelwohl. Wenn er Freunde oder seine Eltern in Sheffield besucht und dann nach Deutschland zurückkehrt, „komme ich nach Hause“, betont der 55-Jährige. Warum? „Schwer zu sagen, ich liebe vieles – zum Beispiel frische Brezeln“, grinst Granville, „oder ein kühles deutsches Bier an einem heißen Sonntagnachmittag – himmlisch!“ Er bewundert die Arbeitseinstellung der Deutschen und schätzt es, hierzulande vier verschiedene Jahreszeiten erleben zu können. Und was fehlt? „Humor! Da sind die Engländer besser“, weiß Granville.

Außer vielleicht beim Fußball: Da verstehen sie auch keinen Spaß.

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