Stuttgart - „Die Midlife-Crisis, von der immer viel gesprochen wird, ist weder wissenschaftlich begründet, noch gibt es die Krise“, beginnt Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Sie ist emeritierte Professorin für Psychologin an der Universität Bern und hat viel zum mittleren Lebensalter geforscht. „Vielmehr sind die mittleren Lebensjahre krisenanfällig, aber die sind mannigfaltig.“ So treten in diesem Alter die meisten Depressionen und Burn-outs auf, und die meisten Ehen werden mit Ende 40 geschieden. Meist ist nur von der männlichen Krise die Rede, dabei erleben Frauen diese Phase des Zweifelns ebenso.
„Zwischen 45 und 55 Jahren finden Wandlungsprozesse statt“, erklärt Perrig-Chiello. Die finden auf körperlicher Ebene statt – so werden die Haare grau, die Augen sind nicht mehr so gut, die Leistungsfähigkeit lässt nach. Frauen wie Männer bemerken hormonelle Umstellungen. Mit Anfang 50 etwa endet die Menstruation vieler Frauen, und auch die Potenz der Männer lässt allmählich nach. Auch auf einer psychischen Ebene verändert sich in diesem Alter etwas: Man ist nicht mehr jung, aber auch nicht alt, man bilanziert das Leben und fragt sich, ob das alles war und was noch kommt.
Heute achtet man sehr stark auf Äußerliches
Manche fühlen sich passiv, als wären sie all die Jahre fremdgesteuert worden, und überdenken eingegangene Kompromisse. Zunehmend beobachtet Perrig-Chiello diese Art der Krisen auch schon vorher, weil in der heutigen Gesellschaft so stark auf Äußerliches geachtet werde. „Man kann das aber auch nicht genau am Alter festmachen, 20-Jährige oder 70-Jährige können das ebenfalls empfinden“, sagt sie.
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Krisen in der Lebensmitte erleben Frauen und Männer gleichermaßen. Doch bei Männern führen diese Krisen häufiger zu extremen Brüchen, in denen sie ihren Job hinschmeißen und die Familie verlassen. „Das liegt zum einen daran, dass Frauen eher eine Kultur des Gesprächs haben, sich bei Freundinnen oder auch Therapeuten Hilfe suchen.“ Aber auch daran, dass Männer seltener enge und intime soziale Netze pflegen und sich so weniger austauschen. Auch, dass Frauen sich noch immer stärker für die Familie verantwortlich fühlen, spiele mit hinein.
Männer suchen sich eine deutlich jüngere Partnerin
Je mehr die Betroffenen ihren Drang nach Veränderung unterdrückten, desto stärker äußerten sich die Krise und ihre Folgen. Dass Männer sich dann für eine deutlich jüngere Partnerin entscheiden, ist laut der Expertin nicht nur ein Klischee. Frauen hingegen tendierten eher zu einer beruflichen Umorientierung und beginnen etwa noch einmal ein Studium.
Perrig-Chiello führt das unter anderem auf die hormonelle Umstellung zurück. Bei Frauen bewirke der Rückgang von Östrogen, auch als Fürsorge-Hormon bekannt, dass sie sich stärker durchsetzten. Männer hingegen ließen aufgrund des niedrigeren Testosteron-Spiegels vermehrt auch ihre emotionale Seite zu, sagt sie.
Erst mal eine Auszeit nehmen
Wie man mit der Krise umgeht, entscheiden vor allem die Persönlichkeitsstruktur und der soziale Kontext: „Wer wenig Angst vor Veränderung hat, neugierig und mutig ist und sich anpassen kann, kann besser damit umgehen.“ Eine gute Partnerschaft, ein enger und vertrauter Freundeskreis und eine intakte Familie könnten zudem helfen, mit Krisen in der Lebensmitte gut umzugehen. Emotional labile Menschen hingegen kämpften stärker mit solchen Krisen.
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Wer sich in einer Krise findet, solle immer erst mal eine Auszeit nehmen, rät Perrig-Chiello: „Es geht darum, wieder zu sich selbst zu finden, eine Lebensbilanzierung vorzunehmen und die neuen Gefühle zuzulassen, auch wenn sie Angst machen.“ Die Expertin rät aber auch dazu, sich psychologische Hilfe zu suchen – wenn zu viel Angst da sei, man immer nur schlechte Laune habe und an der Arbeit keine Freude mehr habe.
Frauen fällt es schwerer, sich abzugrenzen
Männer, so erlebt es die Expertin, täten das noch immer viel zu selten, zögerten deutlich länger, bevor sie sich professionelle Hilfe suchen. „Gerade bei Männern geht es daher zuerst darum, über die Krise zu sprechen, ihnen klarzumachen, dass sie kein Gesicht verlieren können, und tradierte Geschlechterrollen beiseitezuschieben“, erläutert Perrig-Chiello.
Weitere Ansatzpunkte seien eine berufliche Umorientierung sowie Familie und Partnerschaft. Vielen Frauen falle es in der Familie oft schwerer, sich abzugrenzen, sie sind für Haushalt, Familie und in der Lebensmitte zunehmend auch die Pflege von Angehörigen zuständig. „In einer guten Partnerschaft ist es wichtig, sich zwar gegenseitig zu unterstützen, aber sich auch als Individuen eigenständig weiterzuentwickeln.“
Die Partner könnten sich dabei unterstützen, eine Krise zu bewältigen – indem sie Freiräume zulassen, zuversichtlich sind, Distanz wahren und vielleicht auch eine Auszeit vorschlagen. „In einer solchen Auszeit ist es dann wichtig, den Kontakt nicht zu verlieren“, ergänzt Perrig-Chiello. Vorbeugen könne man Lebenskrisen, indem man sich früh immer wieder neu erfinde und dennoch man selbst bleibe. Es sei nie zu spät, damit noch anzufangen.
Die Mitte des Lebens verschiebt sich
Begriff
Der Begriff „Midlife-Crisis“ wurde angeblich 1957 von dem kanadischen Psychoanalytiker Elliott Jaques geprägt. Er meinte damals Patienten im Lebensalter von Mitte 30. Heute versteht man darunter deutlich ältere Menschen, etwa im Alter von 40 bis 55.
Expertin
Pasqualina Perrig-Chiello ist emeritierte Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin an der Universität Bern in der Schweiz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Wohlbefinden und Gesundheit, Persönlichkeits- und Geschlechtsrollenentwicklung im mittleren und höheren Lebensalter. Sie leitet die Seniorenuniversität der Universität Bern.