Sexuelle Unlust in der Partnerschaft Tipps für mehr Schwung in der Kiste

Woran liegt es, wenn der Partner weniger Lust auf Sex hat? Foto: tiagozr - stock.adobe.com
Woran liegt es, wenn der Partner weniger Lust auf Sex hat? Foto: tiagozr - stock.adobe.com

Aus unserem Plus-Archiv: Lustlosigkeit im Bett ist keine Seltenheit – und kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Aber wie lässt sich die Lust in der Partnerschaft wieder entfachen?

Bad Cannstatt: Caroline Friedmann (cal)
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Stuttgart - Sexuelle Lustlosigkeit ist nicht selten. Und häufig kann fehlender Sex zum Beziehungsproblem werden, das weiß auch der Sexualtherapeut und Buchautor Carsten Müller aus Duisburg aus jahrelanger Berufserfahrung. Sexuelle Unlust, erzählt er, sei einer der häufigsten Gründe, warum Menschen in seine Praxis kämen – unabhängig von ihrem Geschlecht.

„Sexuelle Lustlosigkeit ist ein geschlechtsneutrales Thema und betrifft nicht nur Frauen“, so Müller. „Auch Männer haben im Laufe einer Beziehung oft weniger Lust auf Sex, vor allem, wenn sie in langfristigen Paarbeziehungen leben.“

Für die Pilotstudie „Liebesleben in Deutschland“ hat das Hamburger Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Jahr 2017 mehr als 1100 Menschen im Alter von 18 bis 75 Jahren zu ihrem Sexual- und Liebesleben befragt. Dabei gaben 76 Prozent der Frauen und 57 Prozent der Männer an, in den letzten sechs Monaten manchmal oder auch öfter „mangelndes Interesse an Sex“ gehabt zu haben.

Lustkiller Alltag

Hat jemand anhaltend keine oder nur wenig Lust auf sexuelle Aktivitäten, spricht man von einem Libidoverlust. Dieser kann unterschiedliche psychische und körperliche Ursachen haben. Stress, Erschöpfung oder Beziehungsprobleme können der Auslöser sein. Infrage kommen aber auch hormonelle Veränderungen, Krankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen sowie die Einnahme bestimmter Medikamente wie Antidepressiva, blutdrucksenkende Mittel oder auch hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille. „Die Anamnese ist daher besonders wichtig“, sagt Carsten Müller. „Denn wenn zum Beispiel ein Medikament der Grund für die Lustlosigkeit ist, lässt sich das Problem in Absprache mit dem Arzt womöglich schnell beseitigen, indem er dem Patienten ein anderes Mittel verschreibt.“

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Meistens, meint der Paartherapeut, seien aber Alltagsthemen für die Flaute im Bett verantwortlich. Denn während man zu Beginn einer Beziehung noch alles durch die rosarote Brille sehe und kaum genug vom Partner bekommen könne, lasse die sexuelle Lust im Beziehungsalltag häufig nach. „Alltag ist ein Arschloch“, sagt er in aller Deutlichkeit. „Denn der Alltag und andere äußere Faktoren führen zu einer geringeren Schnittmenge bei der sexuellen Aktivität. Das heißt: Nur weil ich gerade Lust habe, hat es der Partner nicht automatisch auch.“

Deshalb sei in einer Beziehung die Kommunikation über Sex wichtig. „Wer öfter vom Partner abgewiesen wird, bekommt vielleicht Selbstzweifel und viele sprechen irgendwann mit ihrem Partner gar nicht mehr über das Thema“, so Müller. „Und derjenige, der keine Lust hat, fühlt sich womöglich unter Druck gesetzt und spricht das Thema deshalb auch nicht an.“

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In einer solchen Situation sei externe Unterstützung ratsam, etwa in Form einer Sexual- oder Paartherapie. Das gelte generell dann, wenn mindestens einer der Beziehungspartner unter der eigenen Unlust oder der des Partners leidet. „Da reicht es nicht, das Problem zu googeln“, sagt Müller, „da braucht es professionelle Unterstützung.“

„Normal“ gibt es nicht

Doch allein die Tatsache, dass ein Paar selten Geschlechtsverkehr hat, sagt noch nichts über die Qualität der Beziehung aus. Denn wie viel und wie häufig sexuelle Lust „normal“ ist, lässt sich nicht beziffern. Jeder Mensch hat nun mal unterschiedliche Bedürfnisse. Außerdem verändert sich die Lust im Laufe des Lebens. Das belegt auch die aktuelle GeSiD-Studie, eine repräsentative Studie zur Gesundheit und Sexualität Erwachsener in Deutschland, die Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und des Sozialforschungsinstituts Kantar in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durchgeführt haben.

Demnach lässt die sexuelle Aktivität mit zunehmendem Alter stark nach: Während bei den 26- bis 35-jährigen Befragten 20 Prozent der Frauen und 22 Prozent der Männer angaben, in den letzten vier Wochen keinen Sex gehabt zu haben, lebte bei den 66- bis 75-Jährigen die Hälfte der Männer und fast 75 Prozent der Frauen im letzten Monat enthaltsam. Gründe für die nachlassende Lust, so heißt es in der Studie, seien jedoch auch häufig gesundheit­liche Probleme im Alter sowie „Effekte der Dauer der Beziehung“.

Zudem spiele Sexualität in jeder Lebensphase eine andere Rolle, erklärt Carsten Müller. „Je nachdem, ob ich zum Beispiel einen Kinderwunsch habe oder mein Leben der Karriere widmen will, hat Sex auch eine unterschiedliche Bedeutung“, sagt er. Deshalb gehöre es zum Leben dazu, sich immer wieder neu zu orientieren und sich mit dem Thema Sexualität auseinanderzusetzen. Auch ein Paar, das gar keinen Sex hat, könne eine gute Beziehung führen, wenn beide Partner gut damit leben könnten, meint der Paartherapeut.

So klappt es mit der Lust

Paaren, bei denen die Lustlosigkeit ein Problem darstellt, empfehlen Therapeuten häufig den Einsatz von Streichel­übungen. Dabei geht es zunächst lediglich um Körperkontakt, nicht um Sex. Dadurch soll dem Paar der Druck genommen werden, Sex haben oder wollen zu „müssen“.

Gleichzeitig sollen die Beziehungspartner die Möglichkeit bekommen, sich einander körperlich wieder anzunähern. Auch Carsten Müller gibt in seinem Buch „Sex ist wie Brokkoli, nur anders“ Tipps, wie Paare wieder mehr Schwung in ihr Liebesleben bekommen.

Zum Beispiel durch Streicheleinheiten – und durch gemeinsame Aktivitäten. „Lust entsteht durch gemeinsame Zeit und körperliche Nähe“, sagt der Experte. Dazu brauche es kein „großes Event“, auch gemeinsames Musikhören oder ein Spiel zu spielen könne bewusste Paarzeit sein, meint er. „Und das ist das beste Fundament für lustvolle Momente.“

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