Tipps fürs Homeschooling Die Welt als Klassenzimmer
Seit einem Jahr ist unsere Autorin mit ihren Kindern auf Weltreise mit ungewissem Ausgang. Und sie macht Homeschooling. Wie funktioniert das?
Seit einem Jahr ist unsere Autorin mit ihren Kindern auf Weltreise mit ungewissem Ausgang. Und sie macht Homeschooling. Wie funktioniert das?
Guatemala - Homeschooling, Freies Lernen oder sogar Unschooling – in vielen Ländern sind diese Unterrichtsformen geläufig. In Frankreich, Österreich, Dänemark oder der Schweiz gilt die sogenannte Bildungs- oder Unterrichtspflicht. Konkret bedeutet das: Eltern können wählen, ob sie ihre Kinder selbst beschulen oder in einer staatlichen oder alternativen Schule unterrichten lassen möchten. Viele entscheiden sich dafür, die Kinder eine gewisse Zeit lang oder auch dauerhaft selbst zu unterrichten, sei es auf Reisen oder am heimischen Küchentisch.
In Deutschland ist dies nicht erlaubt. Seit 1919 gilt die bundesweite Schulpflicht. Sie verlangt im Unterschied zur Bildungspflicht die physische Anwesenheit der Schüler im Schulgebäude. In der aktuellen Pandemie ist dies nicht möglich. Darum sammeln deutsche Familien seit etlichen Wochen zwangsläufig Erfahrungen mit dem Thema Homeschooling.
Eine Familie aus Hamburg hat sich bereits vor einem knappen Jahr für dieses Modell entschieden: Mit ihren beiden sieben und neun Jahre alten Kindern sind die Eltern zu einer einjährigen Weltreise aufgebrochen. Die Mutter ist Journalistin und für ein Rechercheprojekt im Ausland unterwegs. Die Kinder haben eine Schulbefreiung erhalten und dürfen von den Eltern unterrichtet werden.
Vorgaben oder fachliche Unterstützung seitens der Schule gibt es keine. Wie auch? Das deutsche Schulsystem ist auf solche Fälle schlichtweg nicht vorbereitet. Und so informieren sich die Eltern im Alleingang über die Lehrpläne, besorgen in Absprache mit den Klassenlehrern Unterrichtsmaterialien für die erste und dritte Klasse und legen in Eigenregie los.
Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Wie Pippi Langstrumpf nach Deutschland kam
Doch schon bald zeigt sich: Das starre Festhalten an den gesetzlich vorgesehenen Lernstoffen zwingt die Kinder in ein Korsett, das ihre natürliche Neugierde im Keim erstickt. Die anfängliche Verunsicherung bei den Eltern legt sich schnell. Zu deutlich kristallisiert sich eine Wahrheit heraus: Nur wer freiwillig lernt, lernt langfristig und mit Erfolg. Freilich, es ist oft anstrengend, Antworten auf die Fragen der Kinder zu finden und ihre unendliche Neugierde zu befriedigen. Aber man kann den Spieß auch umdrehen. Schließlich lernen auch Mama und Papa noch und haben längst nicht auf jede Frage eine Antwort parat. Also warum nicht einmal ein Thema komplett eigenständig im Internet recherchieren und anschließend präsentieren?
Und so entfernt sich die Familie immer mehr vom klassischen Frontalunterricht hin zu einem sehr lebens- und praxisnahen Unterricht in der „Weltenschule“. Er schlägt viele Fliegen mit einer Klappe: Wollen die Kids etwa herausfinden, wie giftig die in den Tropen allgegenwärtigen Skorpione sind, müssen sie nicht nur genau beobachten, sondern auch lesen können. Kindgerechte Lexika im Internet erläutern, dass Tiere mit großen Scheren und dünnerem Schwanz weniger giftig sind als kleine Exemplare mit wenig ausgeprägten Scheren. Physikalische Grundgesetze wie Auftrieb und Gravitation lassen sich beim Schwimmen oder bei Ballspielen ganz praktisch erleben. Das leidige Abwaschen versüßen Vokabelspiele: „Wie heißen Teller, Gabel, Messer, Tasse auf Englisch? Und wie auf Spanisch?“ Und wer wissen möchte, wie viel Taschengeld ihm in einer anderen Währung „zusteht“, der sollte das kleine Einmaleins beherrschen.
Natürlich lassen die Weltenbummler unterwegs auch immer wieder schriftliche Übungen aus den Schulheften einfließen. Schließlich müssen Schreiben, Lesen und Rechnen auch auf dem Papier regelmäßig trainiert werden. Und so steht morgens nach dem Frühstück im Schnitt eine Stunde „klassische“ Schule auf dem Programm. Papa unterrichtet Mathe und Naturwissenschaften, Lesen, Schreiben und Fremdsprachen fallen ins Ressort von Mama. Das Gros des übergreifenden Lernstoffs vermittelt jedoch die „Weltenschule“ – ob beim Einkaufen, bei der Pflege der selbst gezogenen Pflanzen oder beim Toben am Strand. Spannend zu beobachten ist auch der ganz unverkrampfte Einsatz von Fremdsprachen. Besonders mit anderen Kindern spielt es keine Rolle, ob die Muttersprache Deutsch ist.
Und so fällt die Bilanz nach einem knappen Jahr „on the road“ positiv aus. Ein Abgleich mit dem Wochenplan der Klassen zeigt, dass die Kinder mindestens gleichauf liegen und nichts verpasst haben. Im Gegenteil: Beide Kinder entwickeln durch das gemeinsam erarbeitete Wissen, die intensive Familienzeit und die vielfältigen Entdeckungen in der Natur ein ausgesprochen gesundes Selbstbewusstsein. Und so verbuchen auch die Kids ihr Jahr in der Weltenschule als Erfahrung, die sie nicht missen möchten.
Tipps fürs Homeschooling
Grundsätzlich gilt: Kinder lernen am besten, wenn ihre eigenen Interessen dabei berücksichtigt werden. Ein Kind, das spielerisch lernt – etwa Maßeinheiten beim Kuchenbacken oder die internen Strukturen eines Ameisenvolkes beim Spaziergang –, lernt deutlich nachhaltiger.
Aber auch für oftmals leidige Pflichtthemen wie Mathematik, Rechtschreibung oder Lesen gibt es einige Tipps, die das Lernen zu Hause erleichtern können. Besonders wichtig sind dabei regelmäßige Abläufe und dadurch Plan- und Vorhersehbarkeit für das Kind. Jeden Tag ein wenig ist besser als an einem Tag in der Woche ein quälend großer Berg. Dabei hilft ein Wochenplan, mit dessen Hilfe sich die Kinder ihre durch Lehrer oder Eltern vorgegebenen Aufgabenpakete selbst einteilen können. Ebenfalls hilfreich ist ein fester Platz, egal ob am Küchentisch oder am Schreibtisch im Kinderzimmer. Er sollte ruhig sein, möglichst wenig Ablenkung und ausreichend Platz für die Lernmaterialien bieten. Solch ein klarer Platz signalisiert dem Kopf: Jetzt bin ich in der Schule und lerne. Und schließlich sind auch regelmäßige Pausen als Belohnung für die fleißige Arbeit von großer Bedeutung. Je nach Alter sollten sie nach jeweils 20 bis 30 Minuten Lernzeit eingelegt werden. Spätestens nach fünf bis 10 Minuten sollte die Pause jedoch beendet sein.