Sie mobben, verbreiten Angst und manipulieren – rund ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland leidet unter schlechten Chefs. Der Psychologe Jürgen Hesse beschäftigt sich seit Jahren mit den Abgründen der Arbeitswelt. Im Interview sagt er, worauf Mitarbeiter achten sollten – und ob Frauen bessere Führungskräfte sind.
Herr Hesse, Sie beschreiben viele Chefs als Psychopathen und Hysteriker. Mal ehrlich, übertreiben Sie da nicht?
Fast jeder hat doch mindestens einen Chef – seltener eine Chefin –, der oder die sie im Arbeitsleben unglücklich gemacht hat, gequält hat. Schlechte Chefs sind keinesfalls die Ausnahme. Studien kommen zu dem Schluss, dass mehr als ein Drittel der Führungskräfte sehr problematisch auftritt.
Auf welche Studien beziehen Sie sich?
Viele Studien belegen diese Diagnose. Laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes hatte vor der Pandemie fast die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland Angst vor ihren Vorgesetzten. Sie trauen sich nicht, Probleme gegenüber Vorgesetzten oder der Geschäftsführung anzusprechen. In der Studie heißt es: „Während ein gutes Klima Motivation und Wohlbefinden fördert, führen mangelnde Wertschätzung und destruktives Führungsverhalten häufig zu Stress und Gesundheitsproblemen.“
Wie treten diese Cheffiguren auf?
Sie sind gefühlskalt, sie manipulieren und lügen, sie quälen ihre Leute. Das reicht hin bis zu sadistischen Zügen.
Sie haben mit vielen Betroffenen gesprochen.
Es gibt leider viele Geschichten wie die folgende: Eine Frau, Staatsexamen, arbeitet in einem Unternehmen sehr erfolgreich als Trainerin, auch im Ausland. Das funktioniert 15 Jahre lang, bis ein neuer Chef kommt. Der fragt sie: Was machen Sie eigentlich? Das eskaliert. Während ihr Team im zweiten Stock arbeitet, wird ihr ein neuer Arbeitsplatz eingerichtet: im Archiv, im Keller. Mit Minimalausstattung.
Wie ging es mit der Frau weiter?
Sie hat keine Aufgabe mehr. Sie soll ausgehungert werden, mit dem Hinweis: „Wenn es Ihnen nicht passt, können Sie gerne kündigen.“ Die Frau hält das drei Monate durch, dann wird sie krank. Sie kommt nach einem ersten Suizidversuch in die Psychiatrie, berappelt sich, kommt zurück und hält wieder durch. Dann unternimmt sie einen zweiten Suizidversuch, glücklicherweise wird sie rechtzeitig gefunden.
Wie endet die Geschichte?
Nach etwa zwei, drei Jahren kommt ein neuer Chef, geht durch die Reihen und bekommt den Hinweis: Da fehlt noch eine. Er geht in den Keller, hört sich ihre Geschichte an und sagt: „Kommen Sie hoch, Sie bekommen wieder Ihren Platz zurück.“ Die Frau arbeitet bis heute in dem Unternehmen. In Amerika würden die Anwälte Schlange stehen, um einen Schadensersatzprozess zu führen.
Warum wird diesen Chefs so selten Einhalt geboten?
Chefs mit extremen Verhaltensauffälligkeiten werden eingestellt von Chefs, die ähnlich ticken. Damit pflanzen sich diese Umgangsformen im Unternehmen fort. Schlechte Chefs befördern andere schlechte Chefs. Das wirkt sich konkret auf den Geschäftserfolg von Unternehmen aus: Firmen mit einem höheren Anteil neurotisch veranlagten Chefs sind laut einer Studie der Unternehmensberatung Kienbaum weniger erfolgreich als andere.
Was können Mitarbeiter tun, die unter solchen Vorgesetzten leiden?
Es beginnt damit, dass man selbst anerkennt, dass man leidet. Die meisten verdrängen anfangs und schlucken alles herunter. Man benötigt Mut, um sich damit auseinanderzusetzen, das fällt gerade uns Männern oft schwer. Ich muss mich fragen: Was genau stört mich an der Art, wie mein Chef mich behandelt? Warum habe ich sonntagabends schon Angst vor der nächsten Arbeitswoche? Man sollte sich natürlich auch selbst ehrlich hinterfragen: Gibt es wirklich etwas, das an mir kritikwürdig ist?
Und wie sieht der nächste Schritt aus?
Dann stehen Entscheidungen an. Kann ich mich mit der Situation arrangieren? Kann ich andere Leute finden, um mit ihnen über meine Lage zu reden, damit ich mich nicht alleine fühle? In einigen Fällen lohnt es sich auch, das Gespräch mit dem Chef zu suchen. Nicht in allen. Und dann kann natürlich eine Trennung sinnvoll sein, obwohl das vielen schwerfällt. Es ist besser zu gehen, als auszubrennen.
Heute ist ständig von Empathie die Rede. Chefs sollen zuhören, einfühlsam sein. Reden Sie also von einer aussterbenden Spezies?
Ich wünschte, Sie hätten recht. Aber Psychopathen sind oft hochintelligent, viele verfügen über schauspielerisches Talent. Eine psychopathisch veranlagte Führungskraft kann im Auswahlgespräch sehr freundlich und zugewandt auftreten. Aber sie lebt das im Alltag nicht, sie spürt es nicht.
Langsam steigt der Anteil von Frauen in Topjobs. Wird es dann besser?
Frauen können auch schlechte Chefinnen sein. Doch wahr ist: Frauen können besser Gesichter lesen, besser mit Gefühlen umgehen, besser zuhören. Sie greifen nicht gleich zu den klassischen Waffen. Männer neigen schneller zu aggressivem Verhalten, auch bei der Auseinandersetzung mit Mitarbeitern.
Von den Unternehmen in die Politik. Mal eine Ferndiagnose von Ihnen: Was für ein Chef ist der russische Präsident Wladimir Putin?
Im Gegensatz zum Bilderbuch-Narzissten Donald Trump ist Putin aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Ich halte ihn für einen Egomanen, ihm geht es um die absolute Macht. Mitunter wird er zwar als charmanter Smalltalker beschrieben, der zuhören kann, aber in erster Linie ist er eine böse, pathologisch erkrankte Cheffigur. Er muss von furchtbaren Ängsten getrieben sein – auch vor seinen eigenen Leuten.
Analysen der Arbeitswelt
Vita
Jürgen Hesse ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführender Gesellschafter im Büro für Berufsstrategie in Berlin. Gemeinsam mit Hans Christian Schrader hat er unter anderem zahlreiche Bewerbungsratgeber geschrieben.
Publikation
In seinem aktuellen Buch beschäftigt sich das Autorenduo mit schlechten Chefs. Hesse/ Schrader: „Mein Chef ist irre, Ihrer auch?“ Econ-Verlag, 17,99 Euro.