Tischkickern in Sindelfingen Es ist wie Schachspielen, nur viel schneller

Von Artur Lebedew 

Ein Tischkicker, so sagen viele, gehört in die Kneipe wie das Bier auf den Deckel. Für den VfL Sindelfingen ist Kickern ein Leistungssport. Zum dritten Mal sind die Männer Landesmeister im Tischfußball. Nun wollen sie in die Bundesliga – und raus aus der Bar.

Die Technik habe man nach drei Monaten drauf. „Danach wird es  interessant“, sagt  Thomas Hettich. Foto: factum/Simon Granville
Die Technik habe man nach drei Monaten drauf. „Danach wird es interessant“, sagt Thomas Hettich. Foto: factum/Simon Granville

Sindelfingen - Es ist kalt in der Vereinskneipe des Sindelfinger Floschenstadions. Heizstrahler, die an der Decke hängen, spenden Wärme. Ein Heizlüfter neben dem Tresen bläst so laut, dass man kaum sein eigenes Wort versteht. An einem Tischkicker, ein wuchtiger Bock der Marke Leonhart, steht Thomas Hettich. Er dreht an den Stangen, knallt den Ball gegen die Torbande, so schnell, dass man die Kugel aus den Augen verliert. Immer wieder macht er das: Pass, Pass, Wumms. Ein hohles Klacken, ein dumpfer Knall sind zu hören, dann ein Pluckern, wenn die Kugel in der Auffangwanne landet.

Was für die meisten nicht mehr ist als ein Kneipenhobby, ist für Thomas Hettich eine Berufung. Mitte Dezember wurde der Kapitän des VfL Sindelfingen mit seinem Team zum dritten Jahr nacheinander Landesmeister im Tischfußball. Am 3. Januar wollen sie bei einem Turnier in Uckerath bei Bonn in die zweite Bundesliga aufsteigen. Vor allem aber will Hettich das Tischkickern endlich als das etablieren, was es für ihn ist: ein Leistungssport, eine Art Hochgeschwindigkeitsschach.

„Ich schwitze, weil ich das Spiel im Kopf nachspiele“

Mit kurzen Bewegungen rollt Hettich die Stange am Unterarm ab und auf. Er fährt mit der Figur über den Ball, macht Übersteiger. Dribbelt zwischen den Männchen. Zu sehen, wie er die kleine Kugel, 3,2 Zentimeter breit, 25 Gramm leicht, präzise und schnell zwischen den Reihen passt, fasziniert genauso wie die Ballannahmen von Mesut Özil zu seinen besten Zeiten. Er lässt die Stange in seine Hand rollen und knallt mit einem so genannten Snakeshot den Ball mit voller Wucht gegen die Bande.

„Die Technik hat man nach drei Monaten drauf, danach wird es wirklich interessant“, erzählt der 35-Jährige. Er vergleicht es mit dem Fußballsport: Wenn Kinder mit dem Kicken beginnen, sehen sie nur den Ball und laufen ihm wie Hühner dem Futter hinterher. Gleiches passiert im Tischfußball: Am Anfang reagiert man nur auf die Kugel. Gute Spieler hingegen versuchen den nächsten Pass des Gegners zu antizipieren, mit einer Täuschung den anderen zu locken. Hettich spricht von „Mindgames“ – Gedankenspielen, wie sie vielleicht im Fußball zwischen dem Torwart und dem Elfmeterschützen ablaufen. Jede Zuckung des Gegners wird registriert, jeder Schritt schon im Voraus geplant. Daher kommt auch der Vergleich zum Schach, mit dem Unterschied, dass sich im Tischfußball die Spielsituation innerhalb von Sekunden verändert und kleinste Unaufmerksamkeiten bestraft werden. „Ich schwitze, nicht weil es körperlich anstrengend ist“, sagt Hettich, „sondern weil ich das Spiel parallel im Kopf nachspiele.“

Nur wenige Profis

Trotzdem kämpft der Sport gegen sein Image als Kneipenhobby oder als netter Pausenfüller im Unternehmen. Vor allem zur Barkultur haben die Sportler ein gespaltenes Verhältnis: Einerseits kommen noch immer die meisten Spieler dort mit dem Kicker überhaupt in Kontakt. Andererseits hat der Leistungssport nur wenig mit dem Gemein, was in der Bar zwischen zwei Bieren passiert. „Der Unterschied ist riesig“, sagt Hettich. Während es in der Bar darum geht, möglichst viel Spaß zu haben, Tricks zu zeigen, geht es im Sport vor allem um den Erfolg. Entsprechend sachlich geht es unter den Leistungssportlern zu. Youtube-Videos zeigen konzentrierte Männer und Frauen, die mit kurzen, schnellen Bewegungen Schüsse blocken und Tore erzielen. Das sei wie im Fußball, so Hettich: „Sich hinten rein zu stellen, ist nicht spektakulär, aber erfolgreich.“

Auch seine Liebe zu dem Sport begann in einer Bar. Mit 16 Jahren besuchte er regelmäßig eine Kneipe in Calw. Dort spielte der Lokalmatador einen nach dem anderen vom Tisch. „Ich wollte nicht immer eine halbe Stunde warten, bis ich wieder dran komme“, erzählt Hettich. Darum meldete er sich in einem Verein an. Zwei Jahre später war er derjenige, den es zu schlagen galt. Heute zählt er in Baden-Württemberg zu den besten Drehstangenfußballern, wie Juristen den Sport getauft haben. Andere Profis sind noch erfolgreicher: Da ist Raphael Hampel, der als Juniorenweltmeister um die Welt jettet und Preisgelder eintreibt. Da ist der Kickerprofi Oktay Mann, der vor einigen Jahren bei der Fernsehsendung „Wetten, dass. . ?“ an einem Riesentisch gegen elf Spieler gleichzeitig gewann.

Spieler, die durchs Kickern ihren Lebensunterhalt zahlen können, gibt es allerdings noch wenige. Um den Sport in Zukunft populärer zu machen, spricht Hettich mit Vereinen, wo sich der Tischfußball andocken könnte. Viele Fußballclubs im Norden, wie der Hamburger SV, haben eine Tischfußball-Abteilung. Im Süden hingegen gibt es bisher nur 30 Mannschaften mit jeweils etwa einem Dutzend Spielern. Viele träumen, dass Kickern einen ähnlichen Stellenwert erlangt wie Dart. Auch dieser Kultsport hat es von der Kneipe auf die großen Sportbühnen geschafft. „Ausgeschlossen ist das nicht“, sagt Hettich.

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