Schlagen inzwischen auch in norddeutschen Kleinstädten auf: Mitsuki Yoshida und Fatme El Haj Ibrahim vom DJK Sportbund Stuttgart. Foto: Günter Bergmann
Für die Auswärtsspiele in der 2. Bundesliga reist der DJK Sportbund Stuttgart in ein unbekanntes Örtchen nach dem anderen. Warum Kleinstadt-Vereine dort so zahlreich vertreten sind.
Wer kann von sich behaupten, es innerhalb eines Jahres in das nordrhein-westfälische Örtchen Anröchte, in das bayerische Lech-Dorf Langweid und in die niedersächsische Gemeinde Tostedt geschafft zu haben? Einfache Antwort: die Tischtennis-Frauen des DJK Sportbund Stuttgart am Ende ihrer ersten Saison in der zweiten Bundesliga. Der Aufstieg vom Frühjahr hat für die Spitzenspielerin Alexandra Schankula und deren Teamkolleginnen einige ungewöhnliche Auswärtsfahrten zur Folge. Das sind oft ganz kleine Orte“, sagt der sportliche Leiter Thomas Walter über die Reiseziele. „Da müssen wir vorher schauen, dass wir nach der Ankunft noch etwas zum Abendessen finden.“
Große Städtenamen sucht man in der Tabelle außer Stuttgart vergeblich. Ein Phänomen, das in der Staffel heuer geballt auftritt – welches im hochklassigen Tischtennis aber kein neues ist. So geht etwa in der Bundesliga der Männer der TTF Liebherr Ochsenhausen als amtierender Meister an den Start. Der Verein aus der 9000-Seelen-Kommune bei Biberach hat sich bereits fünfmal zur besten Mannschaft Deutschlands gekrönt.
Ein Europapokalsieger aus dem Rems-Murr-Kreis
Woran liegt die hohe Kleinstadt-Präsenz im Tischtennis? Walter weiß aus Erfahrung: „Unser Sport ist für die ganz großen Sponsoren nicht so interessant.“ Schließlich seien selbst in der nationalen Beletage Zuschauerzahlen im niedrigen dreistelligen Bereich eher die Regel als die Ausnahme. Deshalb handle es sich bei Investoren im Tischtennis oft um lokale Unternehmer, die Vereine aus ihrer Heimatstadt fördern. „Da geht es weniger um systematisches Marketing, sondern eher darum, persönliche Beziehungen vor Ort auszubauen“, sagt Walter.
Leistungssport beim Dorfklub – das kann durchaus seinen Charme haben. Ein anschauliches Beispiel dafür findet sich unweit von Stuttgart in Plüderhausen (Rems-Murr-Kreis). Der dortige SV spielte nach dem Aufstieg 1999 lange in der Männer-Bundesliga und gewann 2009 sogar den ETTU-Cup, vergleichbar mit der Europa League im Fußball. Selbst der schwedische Einzel-Olympiasieger Jan-Ove Waldner – einer der größten Namen in der Geschichte des Tischtennis – stand zwischenzeitlich für Plüderhausen an der Platte.
Gleichzeitig kam es bei den Heimspielen in der Gemeinde bei Schorndorf vor, dass der Kartenabreißer nach dem Einlass auch noch als Hallensprecher die Partie moderierte. Plüderhausener Publikumsliebling war der serbische Starspieler Aleksandar Karakašević, der zwar nicht immer als topprofessionell, dafür aber als begnadeter Tischtennis-Künstler galt. Ein typisches Bild aus Erstligazeiten: Während sich der Teamkollege noch mit dem Gegner abmüht, lehnt Karakašević nach souveränem Sieg bereits an der Kabinentür – mit einem Pizzastück in der Hand.
Sportbund setzt auf Nachwuchs statt auf teure Profis
Der Fall Plüderhausen zeigt aber auch, wie schnell es in die andere Richtung gehen kann. Unmittelbar nachdem sich der Hauptsponsor zurückgezogen hatte, stieg der SV 2014 aus der Bundesliga ab. Inzwischen trifft er in der Oberliga auf die erste Mannschaft der DJK-Sportbund-Männer. Dass die Stuttgarter Frauen erstmals den Sprung in die zweite Liga geschafft haben, ändert laut Walter nichts an der Vereinsphilosophie. Der 58-Jährige, der auch das erste Männer- und mehrere Jugendteams trainiert, betont die Bedeutung der Nachwuchsarbeit. Mit 29 Mannschaften im Jugend- und Erwachsenenbereich ist der Sportbund der größte Tischtennisverein Baden-Württembergs. „Unsere nachhaltigen Strukturen sind unser wichtigstes Pfund“, sagt Walter.
Mit Blick auf den Leistungsbereich ergänzt er: „Wir setzen auf Leute, die vor Ort sind.“ Selbst die Zweitligaspielerinnen seien allesamt Vereinsmitglieder und mindestens einmal pro Woche in Stuttgart im Training. Das gelte längst nicht bei allen Gegnern. „Sieben oder acht Vereine aus der Liga fliegen mehr oder weniger ihre internationalen Spielerinnen für die Wochenenden ein“, weiß Walter. Mit Klubs wie dem Tabellenführer MTV Engelbostel-Schulenburg könne sein Verein finanziell nicht konkurrieren – dieser Kontrahent nebenbei ein weiteres Beispiel für die Kleinstadt-Rubrik. Engelbostel? Schulenburg? Noch nie gehört? Liegt beides im Landkreis Hannover, beide Orte mit etwa 3000 Einwohnern.
Sportbund hält mit – und hat noch eine weite Reise vor sich
Trotz der unterschiedlichen monetären Voraussetzungen steht der Aufsteiger aus Stuttgart vor seinem letzten Spiel des Kalenderjahrs an diesem Sonntag (14 Uhr) beim hessischen TSV Langstadt II mehr als solide da. „Mit 8:8 Punkten nach acht Spielen und Platz fünf von zehn sind wir sehr zufrieden“, sagt Walter. Zwischenzeitlich gewannen die Sportbund-Frauen sogar viermal in Folge, bevor es zuletzt drei Niederlagen am Stück setzte. „Nach dem starken Start hatten wir schon geflachst, dass wir ja noch einmal aufsteigen könnten“, erzählt Walter. In aller Ernsthaftigkeit habe sich aber am Ziel Klassenverbleib nie etwas geändert. Dafür sind aus den verbleibenden zehn Begegnungen nur noch vier bis fünf weitere Punkte notwendig, vermutet der Coach.
Übrigens: Die längste Auswärtsfahrt wird Anfang Februar anstehen. An einem Wochenende tritt der Klassenneuling dann zunächst am Samstag eben in Engelbostel an, bevor es einen Tag später nach Tostedt geht – 550 Kilometer von Stuttgart entfernt, in ein Örtchen am Rande der Lüneburger Heide.