Mit dem SV DJK Kolbermoor startete Qianhong Gotsch nach der Auflösung des Bundesligateams bei der SV Böblingen einen weiteren Anlauf auf die deutsche Mannschaftsmeisterschaft, doch dieser Titel blieb ihr verwehrt. Foto: Eibner/Mateusz Jop
Bei der SV Böblingen ist Tischtennisspielerin Qianhong Gotsch eine Legende. Jetzt muss sie ihren Schläger abrupt an den Nagel hängen. Sie hätte sich ein anderes Karriereende gewünscht.
Thomas Holzapfel
03.12.2025 - 15:10 Uhr
Dass ihr Karriereende in nicht allzu ferner Zeit kommen würde, war Qianhong Gotsch schon länger klar. Schließlich befindet sie sich mit 57 Jahren im Winter einer beispiellosen Laufbahn, die sie als Elfjährige mit dem Verlassen des Elternhauses im chinesischen Tianjin und dem Wechsel in ein Tischtennisinternat startete. Gesundheitliche Gründe zwingen die Gärtringerin im Trikot von Bundesligist SV DJK Kolbermoor, den Schläger an den Nagel zu hängen.
Bereits 2024 sorgte sich „Hongi“. Immer wieder fühlte sie sich kraftlos, registrierte Störungen in der Feinmotorik, zuweilen begleitet von halbseitigen Lähmungserscheinungen. Die Diagnose nach einem MRT im September 2025 gab Klarheit: Auslöser war eine Blutgefäßerkrankung des Gehirns. Die Ärzte rieten ihr, mit dem Leistungssport aufzuhören, da dieser zu körperlichem Stress und hohem Blutdruck führe und sich somit das Risiko für Hirnblutungen erhöhe.
Mit dem Karriereende fällt auch der Druck von Qianhong Gotsch ab
„Natürlich hatte ich mir das Aufhören etwas anders vorgestellt“, sagt Qianhong Gotsch, die aber auch Erleichterung verspürt: „Ich fühle mich nun wohler, dass der Druck abgefallen ist.“ Sich auf hohem Niveau immer wieder neu beweisen zu müssen, die Leistungskurve stetig oben zu halten, fiel ihr zuletzt immer schwerer, nachdem es ihr über all die Jahre gelungen war, auf allerhöchstem Level zu bestehen.
1991 siedelte Qianhong He nach Deutschland über, nachdem sie in der früheren Heimat bereits Studenten-Weltmeisterin, chinesische Meisterin und Nationalspielerin geworden war. Der Weg nach Böblingen sollte für ihr weiteres Leben richtungsweisend sein. Dort fand sie ihre sportliche Adresse bei der SVB und lernte ihren späteren Ehemann Ingo Gotsch kennen. Über Jahrzehnte prägte die sympathische Abwehrspielerin, die in Bezug auf ihren Stil immer von einem „Mischmasch“ sprach, die 1. Bundesliga und wurde zu einer der erfolgreichsten Akteurinnen aller Zeiten.
„Blickt man auf die Länge ihrer Erstligazugehörigkeit, verbunden mit den Ergebnissen und der Konstanz, ist das sicherlich unbestreitbar“, bestätigt auch Ingo Gotsch. Die Zahlen sprechen Bände: In 24 Jahren für die SV Böblingen sowie fünf weiteren für den TSV Betzingen von 1998 bis 2003 und nun beim SV DJK Kolbermoor gewann Qianhong Gotsch im normalen Punktspielbetrieb 684 Duelle. Sie unterlag lediglich 173 Mal, davon gingen einige Einzel aufgrund von Schwangerschaft und Verletzungen kampflos an die Gegnerinnen. Die Bilanz allein für die SVB inklusive Pokal- und Play-Off-Partien liest sich mit 795:181 nicht minder spektakulär.
Ihre größten Erfolge im Einzelsport erspielte sich die Legende von 1998 bis 2000, als sie – vor der Gründung ihrer Familie – den Fokus auf internationale Einsätze legte. In Bremen wurde sie Europameisterin, bei den Olympischen Spielen in Sydney wurde sie nach einem unglücklichen Aus im Viertelfinale Fünfte, und in der Weltrangliste kletterte sie hoch bis auf Platz vier.
Auf nationaler und europäischer Ebene gewann sie alle renommierten Turniere und Ranglisten, im Mannschaftssport ergatterte sie 2003 mit dem TSV Betzingen den Europapokal. Mit der SV Böblingen, wo sie zur Vereinsikone wurde, blieb ihr der große Traum vom deutschen Teamtitel verwehrt, was ihr auch beim SV DJK Kolbermoor nicht gelang.
Für Qianhong Gotsch, die sich seit vielen Jahren auch kommunalpolitisch im Gärtringer Gemeinderat engagiert, bricht nun eine neue Lebensphase an, die freilich nicht ohne Tischtennis vonstatten gehen kann. Als Trainerin wird sie ihr Wissen und ihre Erfahrung an folgende Generationen weitergeben. „Ich möchte mich ja weiterhin fordern, wenn auch mit weniger Stress“, meint die 57-Jährige. „Es ist mir sehr wichtig, dem Sport nun etwas zurückzugeben.“
Bei der SV Böblingen wurde Qianhong Gotsch zur Vereinsikone. Foto: Eibner/Roman Just
Auf die Frage, ob sie den Schläger vielleicht in unteren Klassen mal wieder in die Hand nimmt, hat sie eine klare Antwort: „Das ist eher nicht vorstellbar.“ Ihr Ehemann hat die Erklärung parat: „Auch aufgrund ihrer chinesischen Schule hat Hongi immer die höchsten Ansprüche an sich selbst, unabhängig von der Liga. Insofern wäre das kontraproduktiv.“
Über 46 Jahre schlug Qianhong Gotsch gegen den kleinen Zelluloid- oder Plastikball. Oftmals – gerade in jungen Jahren - verbunden mit privaten Entbehrungen, aber auch mit zig unvergesslichen Momenten und Erlebnissen. Dieses Kapitel wird nun endgültig zugeschlagen. „Es waren schöne Zeiten“, sagt Ingo Gotsch.
Im Rahmen der deutschen Pokalmeisterschaften am 10./11. Januar in Kolbermoor wird Qianhong Gotsch in Gegenwart aller Bundesligisten und sicherlich zahlreicher Weggefährten gebührend verabschiedet. Die Anwesenden dürften dann mit Hochachtung und Respekt auf die außergewöhnliche Karriere eines Idols blicken.