Tischtennis-Star aus Bietigheim Morddrohungen in sozialen Medien – Annett Kaufmann spricht über Hass im Netz

Annett Kaufmann (19) gehört zu den besten Tischtennisspielerinnen in Deutschland. Foto: Imago/MaJo

Viele Sportler müssen mit Hasskommentaren in den sozialen Medien leben – Tischtennisspielerin Annett Kaufmann aus Bietigheim hat eine noch schlimmere Erfahrung gemacht.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Es war ein unterhaltsamer und lockerer Abend, der allerdings auch seine ernsten Momente hatte. Im Rahmen des Talkformats „Gespräche im Gottlieb – Stuttgarter Sportstars hautnah“ von „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“ sprachen Ringer Jello Krahmer (30) und Annett Kaufmann (19) über ihre Karriere, die harte Arbeit, die hinter den Erfolgen steckt, und ihre olympischen Träume. Die Tischtennisspielerin ging allerdings auch auf ein Thema ein, das viele Sportstars mehr und mehr beschäftigt: Hasskommentare in den sozialen Medien – und Botschaften, die sogar noch darüber hinausgehen.

 

Annett Kaufmann berichtete, dass sie vor längerer Zeit Morddrohungen („Es wurde genau geschildert, wie ich umgebracht werden soll“) erhalten habe. Glücklicherweise habe es sich um Einzelfälle gehandelt. Sie habe die Absender bei der Plattform, über welche die Botschaft verschickt worden waren, gemeldet und diese blockiert. „Seither ist das nicht mehr passiert“, sagte sie, „allerdings weiß ich von Teamkollegen und -kolleginnen, dass sie öfter mit solchen Drohungen zu tun haben.“ Und von Hasskommentaren sind ohnehin alle betroffen. Auch Annett Kaufmann.

Annett Kaufmann: „Viele extrem sexistische Kommentare“

„Vor allem Frauen bekommen unsägliche Nachrichten, die sich auf Äußerlichkeiten beziehen“, sagte die Bietigheimerin, „auch ich erhalte, neben anderen Hassbotschaften, viele extrem sexistische Kommentare. Es gibt zwar auch viele Fans, die mich in den sozialen Medien verteidigen – trotzdem ist nicht ohne, was man da aushalten muss. Und es wird schlimmer und schlimmer.“

Annett Kaufmann als Gast bei der Talkreihe „Gespräche im Gottlieb“. Foto: Baumann/Hansi Britsch

Ein Problem im Tischtennis ist laut Annett Kaufmann zudem, dass der Sport weltweit bei Wettern sehr beliebt ist. Wenn Leute Geld verloren haben, weil ein Ergebnis anders ausgefallen ist, als sie es erwartet hatten, sinkt ganz offensichtlich die Hemmschwelle noch einmal. „Dann kommt es immer wieder zu höchst unschönen, selbstverständlich anonymen Botschaften“, sagte Annett Kaufmann, die dieses Thema ganz bewusst offen angesprochen hat: „Hass bleibt Hass, das darf nicht einfach hingenommen und akzeptiert werden.“

Großes Thema bei den Winterspielen

Hasskommentare in den sozialen Medien waren zuletzt auch während der Olympischen Winterspiele ein großes Thema. „Unsere Befürchtungen, dass sich dieses Problem weiter verschärfen wird“, sagte Olaf Tabor, der Chef de Mission des deutschen Teams, „sind leider wahr geworden.“ Das bestätigten viele Sportlerinnen und Sportler.

Biathletin Franziska Preuß, die in Antholz ohne Einzelmedaille geblieben war, sprach hinterher von „Psychoterror“ in den Kommentarspalten. „Die Tatsache, dass jeder sagt: ‚Schau ja nicht, was über Dich geschrieben wird!’, da denkt man sich: krass!“, erklärte Preuß (31) nach dem Massenstart, dem letzten Rennen ihrer Karriere. „Man ist ja immer noch ein Mensch. Ich habe weder irgendwas Kriminelles gemacht, noch irgendwen umgebracht. Es ist einfach nur Sport.“

Franziska Preuß: „Da wurden definitiv Grenzen überschritten“

Der problembehaftete Umgang mit den sozialen Medien hat Preuß letztendlich darin bestärkt, dass es die richtige Entscheidung war, ihre Laufbahn direkt nach den Winterspielen zu beenden und nicht in den Weltcup zurückzukehren. Eine „eigentlich coole Zeit“ sei ihr „vermiest worden“, sagte Preuß, und zwar „von Leuten von außen, die eigentlich gar keine Ahnung haben. Da wurden definitiv Grenzen überschritten“.

So sah es auch Felix Bitterling. Der Online-Hass sei „total inakzeptabel und unter der Gürtellinie“, erklärte der Sportdirektor des deutschen Biathlon-Teams, dessen Sportlerin Vanessa Voigt sich selbst nach dem ersten verpatzten Olympia-Rennen eine Social-Media-Pause verordnet und die Instagram-App von ihrem Handy gelöscht hatte: „Danach war ich die glücklichste Person. Dieses Instagram braucht einfach kein Mensch.“

Ein KI-Tool filtert Beleidigungen heraus

Von negativen Erfahrungen berichteten während der Winterspiele auch Skifahrerin Emma Aicher, die zweimal Silber holte, und Philipp Raimund. „Sehr viele Leute, die im Sport absolut nichts verloren haben, nehmen sich zu viele Rechte raus“, sagte der Skisprung-Olympiasieger bei „Blickpunkt Sport“, „es ist sehr, sehr wichtig, dass darauf aufmerksam gemacht wird.“

Um seine Athleten zu unterstützen, setzt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) seit den Sommerspielen 2024 in Paris auf ein KI-Tool, das Hasskommentare aus Internetseiten schnellstmöglich herausfiltert. Vor zwei Jahren wurden während der Wettkämpfe in Frankreich auf diese Weise mehr als 4000 Hassnachrichten an Team-D-Mitglieder gelöscht, bei den Winterspielen 2026 waren es schon nach der ersten Woche 1300. Zudem wurden einige Fälle direkt an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Das ist ganz im Sinne des Vereins „Athleten Deutschland“.

Hasskommentare gegen Spitzensportler seien ein „weitreichendes Problem“, sagte Geschäftsführer Johannes Herber dem MDR, vor allem Athleten, die medial sehr präsent sind, würden unter „Anfeindungen im Netz leiden“. Herber bezog sich dabei auch auf den Fall des Olympia-Teilnehmers Moritz Müller: Der Eishockey-Nationalspieler hatte vor zwei Jahren – wie jetzt Tischtennis-Star Annett Kaufmann – eine Morddrohung gegen seine Familie öffentlich gemacht.

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