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Tobias Dellit – „Kümmel“ Cordhosen-Style aus der Mittelschicht

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Erfrischend anders: der Stuttgarter Singer/Songwriter Tobias Dellit gibt sich auf seinem Album „Kümmel“ angenehm selbstironisch und meint dennoch sehr vieles sehr ernst. Am Samstag ist Release-Party im Stadtpalais.

Tobias Dellit präsentiert sein Album „Kümmel“ am Samstag im Stadtpalais. Foto: Veranstalter
Tobias Dellit präsentiert sein Album „Kümmel“ am Samstag im Stadtpalais. Foto: Veranstalter

Stuttgart - Tobias Dellit warnt gleich zu Beginn, dass jetzt „Cordhosen-Style aus der Mittelschicht“ folge. So zu hören im ersten Song seines Albums „Kümmel“, der eher „ein Intro wie auf ner HipHop-CD“ ist, auch das ein Auszug aus dem Songtext. Aber, singt Dellit, er hat kein Ghetto gesehen und Gangster seien auch nicht zugegen.

Ein solchermaßen ausgesprochenes Selbstverständnis schafft einen erfreulich selbstironischen Rahmen für ein Album aus der sonst manchmal mit etwas zu viel heiligem Ernst oder schulterzuckender Melancholie ausgestatteten Singer/Songwriter-Szene. Der im hiesigen Feierabendkollektiv wurzelnde Tobias Dellit setzt damit auch gleich einen wichtigen Punkt. Sein vom Kulturbüro Sorglos produziertes Album muss nämlich ausschließlich mit Akustikgitarre und Gesang auskommen, was die schwierigste Disziplin in dem soundmäßig mittlerweile recht breit ausgefächerten Genre darstellt. Zumal die Produktion (Steiner Studios) betont nah am trockenen Livesound bleibt; die Platte klingt, als trage Tobias Dellit direkt neben dem Zuhörer seine Songs vor.

Das mal gezupfte, mal geschlagene Gitarrenspiel fällt weniger auf als Dellits stets äußerst präsente Stimme. Mit starker Neigung zur Expressivität und Kraft im Gesang, hat dieser Mann nicht vor, Schnulzen zu schreiben, wie er im Song „Blues“ bekennt. Das würde auch nicht passen. Erfreulich ist dennoch, dass Tobias Dellit eine an sich naheliegende Raubeinigkeit in den Liedern gekonnt vermeidet.

Das ist wichtig, weil Dellit das, worüber er singt, ernst meint: Zweifel über das ausgehöhlte Immer mehr („Lebwohl Cheyenne“), den Irrsinn am Gemüseregal („Shitake“), das Untergehen in der digitalen Masse („Gleichgrau“) und immer wieder die Sinnsuche beim Weglaufen und Dableiben (etwa im Song „Unsachliche Romanze“). Ja, das sind die Themen der weniger goldenen als vielmehr graumelierten Mittelschicht-Jeunesse.

Tobias Dellit gelingt ein Album mit etlichen Schattierungen und hinter jeder Textecke findet sich ein kluger Gedanke. Am Samstag präsentiert er das Album im Stadtpalais. Jeder zahlt so viel Eintritt wie er oder sie will. Unsere Empfehlung: bitte großzügig sein.

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