Um Menschen ohne Angehörige oder finanzielle Mittel nicht „anonym“ zu bestatten, wurde in Fellbach konfessionsübergreifend eine Tobias-Gemeinschaft ins Leben gerufen.
Er hat sein Leben lang als Arzt gearbeitet, anderen geholfen – und gut verdient. In seinen letzten Lebensjahren wurde er selbst zum Pflegefall. Das war kostspielig und hat sein gesamtes Vermögen aufgezehrt. Als er starb, gab es keine Angehörigen und keine privaten Finanzmittel mehr, mit denen die Kosten einer Beerdigung hätten beglichen werden können. Er wurde anonym bestattet. Der Fall trug sich vor Jahren im Kreis Ludwigsburg zu. Es ist kein Einzelfall. Die Gesellschaft schaut weg. Leider.
Auch in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) gibt es diese Fälle. Die beiden Geistlichen Martin Wunram und Markus Eckert wissen darum und setzen sich dafür ein, dass künftig auch dem Abschiednehmen von diesen Menschen ein würdiger Rahmen gegeben werden kann, dass es einen Trauergottesdienst gibt und sich dann die Bestattung anschließt. Vor wenigen Wochen, am Vorabend des Tobias-Tages, der immer am 13. September begangen wird, wurde deshalb in Fellbach die Tobias-Gemeinschaft ins Leben gerufen.
Einsamkeit im Tod: Tobias-Gemeinschaft schafft würdige Abschiede
Angeregt haben dies der evangelische Pfarrer Markus Eckert und der katholische Diakon Martin Wunram. „Ökumenisch waren wir immer wieder über Bestattungen von Amts wegen untereinander im Austausch. Es ging um Menschen, deren Vermögen etwa durch einen langen Pflegeheimaufenthalt aufgezehrt ist oder Menschen, die mittellos sind und keine Angehörigen haben. Sie werden von Amts wegen bestattet, anonym“, beschreibt Diakon Martin Wunram die von der Stadt gehandhabte Regelung. „Dieser Umstand brachte uns auf die Idee, eine Tobias-Gemeinschaft zu gründen, um dann gemeinsam, bei Bedarf, aber mindestens einmal im Jahr, eine würdige Trauerfeier für Menschen aller Religionen und Konfessionen zu organisieren und zu veranstalten, die sonst ‚anonym‘ und ohne Öffentlichkeit bestattet würden.“ Voraussichtlich noch vor Weihnachten wird es eine erste Bestattung geben, die von Ehrenamtlichen der Tobias-Gemeinschaft gestaltet wird.
Einsamkeit im Tod: Anonyme Bestattungen ohne Gedenken
Etwa ein Drittel der Menschen im Land ist einsam. Das hat jüngst eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben. Einsamkeit ist nicht nur im Leben, sondern auch im Zusammenhang mit dem Tod ein Thema. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen von Amts wegen bestattet werden, weil niemand aus deren Umfeld die Kosten der Beisetzung übernimmt. In diesen Fällen gibt es keine Trauerfeier, keinen Segen, keine persönlichen Worte, keine Blumen und auch keine musikalische Begleitung. Diese Bestattungen finden in aller Stille statt, die Stadt nimmt sie ohne Öffentlichkeit vor. Es gibt keinen Trauergottesdienst. Es gibt kein Grab, das mit dem Namen des Verstorbenen ausgewiesen wäre.
Diakon Martin Wunram von der katholischen Kirche erinnert sich an das eingangs geschilderte Schicksal des Arztes, der in Ludwigsburg praktiziert hat und ohne Angehörige war. Der Arzt war bekannt, hatte viele Patienten, aber es gab niemanden, der eng mit ihm war bis zum seinem Tod. Dennoch hat dieses Schicksal – keine öffentliche Beerdigung und kein namentlich beschriftetes Grab – in Ludwigsburg Menschen so sehr berührt, dass Kirchengemeinden aktiv geworden sind und „Gräber des lebendigen Gedenkens“ angelegt wurden.
Rund 30 Menschen aus allen christlichen Konfessionen waren in Fellbach der Einladung zur Gründung der Tobias-Gemeinschaft im Herbst gefolgt. Sie wollen bewusst keinen Verein gründen und sich auf die bisher anonymen Bestattungen und deren inhaltliche Gestaltung konzentrieren. Die Tobias-Gemeinschaft Fellbach wird an die Evangelische Kirchengemeinde Schmiden-Oeffingen angegliedert sein, das hat Pfarrer Markus Eckert zugesagt. Er und Diakon Martin Wunram werden als Kontaktpersonen für die Tobias-Gemeinschaft in Fellbach fungieren, Interessierte können sich jederzeit bei ihnen melden.
Ehrenamtliche gestalten würdige Bestattungen in Fellbach
In die Tobias-Gemeinschaft bringen sich Frauen und Männer ein, die bereit sind, ehrenamtlich zu einer würdigen Bestattung von Menschen, die von Amts wegen bestattet werden sollen, beizutragen. Beim ersten Treffen im September in Fellbach „war die Resonanz überwältigend“, berichtet Martin Wunram. Vom Organisieren des Blumenschmucks und einer musikalischen Begleitung bis hin zu Gebeten und der Mitwirkung in der Liturgie gibt es viele Angebote aus den Reihen der Ehrenamtlichen. Einige meldeten sich jedoch auch, weil sie ganz bewusst an einer solchen Beisetzung beiwohnen und die Trauerfeier mit ihrer schieren Anwesenheit und einem Gebet begleiten wollen. Schön wäre, wenn es mittelfristig gelänge, auf allen drei Fellbacher Friedhöfen solche Bestattungen durchführen zu können. Für die reinen Bestattungskosten komme weiterhin die Stadt auf.
Entstanden ist die Idee, eine Tobias-Gemeinschaft in Fellbach zu gründen, im Rahmen des Runden Tisches zum Bestattungswesen. Dort habe man über Bestattungen von Menschen ohne Angehörige gesprochen, so Pfarrer Markus Eckert, der beobachtet, dass diese Fälle vor Jahren eine absolute Ausnahme waren, aber die Zahl zunehme – 2025 sei sie in Fellbach schon zweistellig. In der Regel werden diese Menschen im Rahmen einer Sammelbestattung in aller Stille durch einen Ordner in einem anonymen Gräberfeld beigesetzt. Pfarrer Eckert hat daraufhin recherchiert und ist so auf die Tobias-Bruderschaft in Göttingen gestoßen.
Patron der Totengräber
Letztes Geleit
Tobias-Gemeinschaften gibt es deutschlandweit. Sie setzen sich für eine würdige Bestattung von Menschen ohne Angehörige und eigene Mittel ein. Dazu veranstalten sie regelmäßig Trauergottesdienste; anschließend werden die Verstorbenen beigesetzt. Die Öffentlichkeit kann daran teilnehmen und zusammen mit den Mitgliedern der Tobias-Gemeinschaft den Verstorbenen das letzte Geleit geben. Konfession oder Kirchenzugehörigkeit der Verstorbenen spielen dabei keine Rolle. Die Tobias-Gemeinschaft ist als diakonisch-caritatives Angebot für jeden Menschen da.