Tocotronic: Golden Years Was taugt das neue Tocotronic-Album?
Auf „Golden Years“ machen Tocotronic Indiepop zwischen Puhdys und Protest – und überall lauert der Untergang des Abendlandes. Lohnt es sich, das Album anzuhören?
Auf „Golden Years“ machen Tocotronic Indiepop zwischen Puhdys und Protest – und überall lauert der Untergang des Abendlandes. Lohnt es sich, das Album anzuhören?
Wenn man da Dirk von Lowtzow so vom Suchen und Finden, vom Verrücktwerden, vom Paradies und jüngsten Tag, vom Berghain und von Maulwürfen singen hört, geht es einem, wie den Protagonisten aus Erich Kästners Sachlicher Romanze, denen plötzlich ihre Liebe abhanden gekommen ist wie anderen Leuten Stock oder Hut. Man sitzt alleine da und kann es einfach nicht fassen: Doch sie ist nicht mehr da, diese Begeisterung, die man einst für diese Band namens Tocotronic und für ihre Lieder empfand.
Und wie das halt so ist, wenn eine Liebe zerbricht oder sich einfach in Luft auflöst, fragt man sich, wer schuld ist. Und wie so oft liegt es wahrscheinlich an beiden Seiten und daran, dass man sich einfach auseinandergelebt hat. Vielleicht aber auch daran, dass man der Marotten des Gegenübers, die man lange herrlich exzentrisch fand, dann doch irgendwann einmal überdrüssig wurde.
Und plötzlich empfindet man Dirk von Lowtzows Hang zum irioniefreien Pathos, zur Überdeutlichkeit der Artikulation, zur Verlangsamung des Vortrags nicht mehr als cooles Stilmittel, sondern nur noch als anstrengend. Die Songs auf „Golden Years“ haben etwas Träges, Selbstgefälliges, Altkluges, Altersmildes, Altersmüdes. Diese Platte wirkt wie ein verfrühtes Spätwerk, ein Rentnerstück, in dem ein alter weiser Mann auf sein Leben und seine Karriere zurückblickt und uns mit aufdringlicher Sanftheit die Welt erklärt.
Im Titelsong „Golden Years“ zum Beispiel, einer Tanztee-Folkpop-Nummer, erzählt der Sänger der inzwischen wieder zum Trio geschrumpften Band von der Tristesse des Touralltags und vom Heimweh: „Freilichtbühne Recklinghausen/Wo die öden Winde wehen.“ In der zäh-verstolperten und mit Wah-Wah-Gitarren verziert den Psychedelic-Rock der 1970er Jahre zitierenden Nummer „Wie ich mir selbst entkam“ versucht sich von Lowtzow zwar wieder einmal als Slogan-Lieferant („Komm mit mir mit in eine Möglichkeit!“), macht dabei aber letztlich deutlich, dass er eben nicht in der Lage ist, sich selbst zu entkommen. Und die Art von Musik haben die ostdeutschen Puhdys übrigens vor langer, langer Zeit schon besser hinbekommen.
Vieles auf dem Album kommt einem schon etwas zu vertraut vor. Zum Beispiel die Larmoyanz, in die das Liebeslied „Der Tod ist nur ein Traum“, das die Platte eröffnet, und der Song „Mein unfreiwilliges Jahr“ getunkt sind. Und immer noch spielt von Lowtzow kokett mit holprigen Reimen: „Mit nicht geringer Chance/Endet diese Trance/Endet dieser Tanz/Endet die Romanze/In der Ambulanz“, singt er in „Vergiss die Finsternis“.
Damit ist jetzt aber auch genug gemeckert, denn obwohl „Golden Years“ bestimmt nicht das beste Album der Band ist, die mal jedermanns Lieblingsband war, und obwohl man die verwendeten Stilmittel schon so gut kennt, dass man ihnen überdrüssig ist, sind Tocotronic immer noch eine Band, die Deutschland dringend braucht – als Gegenentwurf zur Prosa all der Gleichgültigen und Selbstverliebten, die jedes Jahr die Spotify-Charts anführen und glauben, von schnellen Autos zu träumen, sei ein Akt der Rebellion.
Selten wurde jedenfalls zärtlicher gegen das Wiedererstarken der Rechten angesungen als in „Denn sie wissen was sie tun“. Und selten wurde fröhlicher gegen die Kürzungen im Berliner Kulturetat protestiert, als im wild twistenden „Bye Bye Berlin“.
Auch wenn einem die Liebe nach all den Jahren abhanden gekommen ist, kann man ja doch weiterhin gute Freunde bleiben.
Tour Tocotronic gehen in März mit ihrem neuen Album auf Tour und spielen unter anderem am 19. März in Leipzig, am 20. März in Stuttgart, am 21. März in Nürnberg, am 26. März in München und am 27. März in Freiburg. Zudem tritt die Band bei dem Festival Rock am Ring/Rock im Park auf (6. bis 8. Juni).
Tocotronic: Golden Years. Epic/Sony.