Tod des Löwenzahn-Moderators Peter Lustig „Die Leute denken, ich trage Birkenstock“, von Kai Biermann

Von  

Dieser Text erschien am 26. Oktober 2002 in der Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung.

Die Leute denken, ich trage Birkenstock

Oben mit Glatze, Brille, Stoppelbart, unten mit Latzhose - so stapft Peter Fritz Willi Lustig durchs deutsche Kinderfernsehen, wo er den „Löwenzahn“ macht. Am kommenden Montag wird er 65 Jahre alt. Das Protokoll einer Begegnung.

Aufgezeichnet von Kai Biermann

Kinder sollen lernen und daraus selber ihre Schlüsse ziehen. Sie sollen nicht nur wissen, wie etwas funktioniert, sondern auch lernen zu fragen, warum das genau so ist und nicht anders. Wenn Kinder sich fragen, warum ein Hund vier Beine hat, dann werden sie sich auch andere Sachen fragen, zum Beispiel ob das mit der Politik so richtig ist oder nicht. Neugier ist wichtig. Wenn mich etwas stört, ist es Dummheit. Jemand, der nur noch wahrnimmt, was er sehen will, beraubt sich doch all dieser tollen Möglichkeiten. Mensch, wir haben das Gehirn, und wozu wird es benutzt? Zum „Bild’-Zeitung-Lesen. Das ist eine solche Verschwendung. Wenn ich bei Kindern schon so etwas bemerke, das tut mir richtig weh. Und wenn ich die jungen Leute sehe - die latschen alle so. Die haben gar kein Körpergefühl mehr, keine Energie. Und die sollen mal meine Rente verdienen? Mein Gott, und das ist bald so weit, im Herbst werde ich 65.

So richtig auf Rente gehe ich natürlich nicht. Löwenzahn mach ich weiter. Das ZDF sagt auch, Peter, noch ein paar Jahre. Und ich mache es auch noch immer sehr gerne. In der Sendung kann ich alles tun, was ich als Kind schon immer wollte, eine E-Lok fahren zum Beispiel. Erst letztes Jahr habe ich einen Zeppelin gesteuert, das macht doch einen Heidenspaß.

Sicher ist es anstrengend, im vergangenen Jahr hatte ich mir zu viel vorgenommen, Hochgebirge war das Thema. Und der Lustig musste natürlich auf die Berge mit seiner halben Lunge. Da bin ich eben mit einem Sauerstofffläschchen hochgekraxelt, einer hat gezogen, einer geschoben. Das sieht jetzt wahnsinnig gut aus, wie Reinhold Messner, mindestens. Aber so was lasse ich in Zukunft, das muss nicht noch mal sein. Ich hatte ja vor zwanzig Jahren Lungenkrebs. Ich funktioniere gut, aber ich kriege nicht genug Luft. Krank bin ich nicht, nur ein bisschen behindert, ein Scheißwort. Naja, ich kann nicht meckern.

„Ich hasse Müsli“

Mit dem grünen Image von Löwenzahn habe ich allerdings manchmal Schwierigkeiten. Es passiert mir öfter, dass ich im Restaurant Fleisch bestelle und dann heißt es: Was, Sie essen Fleisch? Das hätte ich nie von Ihnen gedacht. Die Leute denken immer, ich bin dieser Birkenstock-Träger und Müsli-Esser. Ich hasse Müsli. Aber wenn man sich mit Grünem beschäftigt, wird man als Grüner wahrgenommen. Und schließlich wohne ich in der Sendung im Bauwagen. Ich weiß nicht, ob es Absicht war, alternativ zu sein, es hat mir einfach gefallen. Aber das sollte nicht so ernst genommen werden, ich bin nicht der grüne Kämpfer.

Schlimmer finde ich, wenn ich merke, wie bekannt Löwenzahn inzwischen ist. Dauernd wirst du angeglotzt, so, als ob du mit offener Hose über den Ku’damm läufst. Das geht mir ziemlich auf den Keks. Können die nicht einmal taktvoll weggucken? Da läuft eben der Lustig, na gut. Aber nee. Sicher ist es faszinierend, wenn du jemanden immer in der Glotze siehst und der latscht auf einmal den Ku’damm runter. Das verstehe ich ja. Aber muss man da hinterherrennen und ein Autogramm holen? Das muss man doch nicht. Und ich komme auch überhaupt nicht damit klar, wenn Leute mir glaubhaft sagen: Ach, Sie haben mir so viel gegeben. Damit kann ich einfach nicht umgehen, was soll man darauf antworten? Das ist schon ein komischer Beruf.

Trotzdem, aufhören will ich nicht, ich mache das auch für mich persönlich, denn ich bin kein Schauspieler. Bei jedem Dreh heißt es: Gib den Lustig! Und ich wusste lange nicht, wer ist denn dieser Lustig? Ich musste also dahinter kommen, wer ich eigentlich bin. Heute kenne ich mich einigermaßen, da ist es mir wurscht, ob eine Kamera läuft, denn ich kann immer nur ich selber sein. Ich finde mich gut, und wenn andere das auch gut finden, dann umso besser.

Auch früher, als ich Hörspiele machte, da habe ich nie an Kinder gedacht, sondern immer nur an mich. Ich erzähl es so, dass ich mir selber gerne zuhören würde, nichts anderes. Und das darf auch nicht für Erwachsene langweilig werden, oder sogar kindisch. Ich finde das fürchterlich, wenn im Fernsehen angefangen wird, zu kindertümeln. Nein, die Kinder sollen immer denken, das ist ein alter Mann, eine Art Opa. Darüber hatte ich mit dem ZDF schon viele Kämpfe.

„Ich will kein Über-Onkel sein“

Musst du immer Rotwein trinken, wenn du vor deinem Bauwagen sitzt, fragten sie. Das sehen doch Kinder, nimm `ne Limo. Ich bin 60 Jahre alt und soll Limo trinken? Ihr spinnt doch wohl, habe ich gesagt, das können die Kinder ruhig sehen, das ist eben der Lustig und der trinkt Rotwein. Ich will kein Über-Onkel sein, sondern jemand, mit dem sie sich identifizieren können. Ich bau mir zum Beispiel extra Irrtümer in die Drehbücher ein, damit ich nicht so allwissend daherkomme. Man könnte sich sicher einen pädagogischen Unterbau dazu ausdenken, aber das lasse ich lieber. Eine Botschaft habe ich nie gehabt. Wenn ich etwas sein will, dann ein Zwischenglied zwischen den so genannten Fachleuten und dem Publikum. Jemand, der von nichts richtig Ahnung hat, der aber so lange fragt, bis er alles versteht. Und dann kann ich es weitergeben, und zwar so, dass es auch Kinder verstehen können. Das ist meine Kunst geworden im Laufe der Jahre. Und ich kann gut mit Kindern umgehen. Vielleicht weil ich ihnen sage: Ich nehme dich so, wie du bist, du mich aber bitte auch, und so kommen wir gut klar.

Sicher, Kinder stören und sind klebrig, na und? Das wissen die doch selbst. Und natürlich stören sie, sie haben aber auch ganz andere Ansprüche, und die haben sie mit Recht. Vielleicht merken Kinder, dass ich sie akzeptiere und daher akzeptieren sie mich auch und sagen, eh, der Lustig ist cool. Ich weiß nicht, was an mir cool ist, aber sie sagen es.

Nur in der Sendung möchte ich sie nicht, mit Kindern zu drehen ist anstrengend, und sie gehören einfach nicht vor die Kamera. Das ist Quälerei, immer. Ganz selten sage ich, gut, wir müssen aus dramaturgischen Gründen da ein Kind mit einbauen. Aber das ist eigentlich nix für Kinder. Wieso, fragen sie, wieso soll ich das noch einmal machen, war doch gut? Nein, da war der Ton, und dies und jenes, los, noch einmal. Und dann sollen sie auch noch Gesichter dazu schneiden. Nee.

„Mein Lieblingsbuch ist Pu der Bär“

Ich habe auch selber ein Kind, einen Sohn. Ich bin ja schon zum dritten Mal verheiratet und aus der zweiten Ehe ist dieser Sohn entsprungen. Der ist aber schon 23 und lebt irgendwo in England. Naja, ich habe also meine Erfahrungen gemacht, mit Windelnwickeln und so. Und ich lese heute noch gerne Kinderbücher, sehr gerne. Mein Lieblingsbuch ist natürlich Pu der Bär. Und ich habe auch das Tao of Pooh gelesen, ich war ja mal eine ganze Weile in der Erleuchtetenabteilung, ein Sanyasin, um mal was für die Seele zu tun. Das ist nun auch schon über zwanzig Jahre her.

Damals habe ich viel Geld verdient und konnte mir alles kaufen, und da habe ich mich irgendwann gefragt, ob das alles ist. So kam ich auf den alten Herrn, auf Baghwan. Das hat mir sehr gefallen, was der geschrieben hatte, und dann bin ich langsam reingesickert. Irgendwann lief ich dann in Rot rum und verschenkte alles und ging in eine Kommune nach Hannover. Das war eine gute Zeit, ich habe viel über mich gelernt dadurch. Natürlich wurde es auch im ZDF publik, und der Weihbischof im Rundfunkrat hat schon sein Händchen gehoben und gewarnt, man müsse aufpassen, dass der Lustig nicht die Jugend verdirbt. In der Zeit durfte ich nicht einmal rote Socken tragen. Naja, ich hab mir eins gegrinst.

Heute habe ich mit dem Verein nichts mehr am Hut, ich strebe nicht nach Erleuchtung, damit habe ich keine Eile. Ich strebe nach nichts, denn wenn man erst einmal erleuchtet ist, dann muss man ja nicht mehr auf diese Welt. Aber es macht mir doch so einen Spaß hier.

Der Opa als erster Lehrer

Es gibt so vieles, das mir Freude macht, Trödelmärkte zum Beispiel. Da kann man so viel finden, was noch zu gebrauchen ist, wie alte Radios. Ich kaufe so viele davon, wie ich kriegen kann. Dann reparier ich sie und verschenke sie wieder. Das Reparieren macht einfach Spaß. Ich habe eine richtige Werkstatt, mit allem, was ich brauche. Diese alte Technik kann man noch reparieren, dafür liebe ich sie. Heute kann man nur noch wegschmeißen und neu kaufen.

Mein Opa war auch so einer, von dem habe ich das wohl geerbt. Der konnte alles. Eigentlich war er Oberstraßenbahnführer in Breslau, auf die Bezeichnung legte er Wert. Aber gleichzeitig war er auch Spielzeughersteller, Steinmetz, Schuster - oder Tanzmauszüchter. Alles eben, wofür man ein Stück Brot bekam. Und ich saß immer auf seinen Schultern und habe zugeguckt. Das war mein erster Lehrer, Opa.

"Manchmal denke ich, du musst selbst schon uralt sein, die Sendung wird jetzt schon von der dritten Generation gesehen. Aber aufhören will ich nicht, und einen möchte ich noch schaffen, den Robert Lembke. Sehen Sie, ich habe doch ein Ziel, ich will Robert Lembke schlagen. Der hat dreißig Jahre lang dieselbe Sendung gemacht. Mit Pusteblume und Löwenzahn zusammen habe ich auch schon fast 25. Vielleicht schaffe ich es noch."




Unsere Empfehlung für Sie