Jan Hecker verfügte als Merkels Berater über viel Einfluss, blieb aber freundlich-bescheiden. Sein Tod erschüttert nicht nur die Kanzlerin.

Korrespondenten: Christopher Ziedler (zie)

Berlin - Der Anruf kam an einem frühen Samstagvormittag von der Autobahn. Jan Hecker nutzte einen seiner wenigen freien Tage für einen Familienbesuch – und als die Kinder auf dem Rücksitz wieder schliefen die freien Minuten für einen Rückruf bei dem Journalisten, der unter der Woche um ein Gespräch über die Zusammenarbeit mit dem damals noch neuen US-Präsidenten Joe Biden gebeten hatte. Gestresst klang der außenpolitische Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dabei nicht. Hecker war, wie eigentlich immer, auch an diesem Tag die Ruhe selbst. Nun ist Jan Hecker im Alter von 54 Jahren, nach nur wenigen Tagen im Amt als Deutschlands Botschafter in China, überraschend gestorben.

Die Begebenheit am Telefon sagt viel aus über den Staatsdiener Jan Hecker. Über die Gewissenhaftigkeit, mit der er jeder Aufgabe und Anfrage geduldig nachkam. Ohne dabei je genervt oder schnippischen zu klingen. Aber auch darüber, wie er versucht hat, trotz des irren Arbeitspensums in der Schaltzentrale der deutschen Politik immer auch Zeit für jene freizuschlagen, die ihm am wichtigsten waren. Die Probleme der Welt, so erzählte er einmal, mussten warten, bis er morgens den Kindern die Pausenbrote geschmiert hatte.

Sein Wort hatte Gewicht in der Welt

Öffentlich in Erscheinung treten durfte und wollte dieser „Berater von tiefer Menschlichkeit und herausragender Fachkenntnis“, wie ihn Angela Merkel nun bezeichnet hat, nicht. Der Leiter der Abteilung 2 des Bundeskanzleramtes sprach wohl mit der Hauptstadtpresse, die ihn auf vielen Reisen der Kanzlerin kennenlernte, über Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Zitieren lassen aber wollte er sich nie, selbst wenn der Satz nur „Regierungskreisen“ zugeschrieben worden wäre – in diesem Punkt war er so loyal und verschwiegen, wie es die Kanzlerin schätzt.

Er hielt sich immer strikt im Hintergrund

Sein Wort hatte Gewicht in der Welt. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass er neben Heiko Maas der heimliche Außenminister Deutschlands war. Zentrale geostrategische Entscheidungen fallen schon seit Jahren immer seltener im Auswärtigen Amt und zunehmend häufiger im Kanzleramt – dass die Außenminister mit dem Lissabonvertrag von den EU-Gipfeln ausgeladen wurden, tat ein Übriges. Der außen- und sicherheitspolitische Berater des jeweiligen deutschen Regierungschef spielt daher eine immer wichtigere Rolle. Beim Abschiedsbesuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin stieg der beispielsweise noch einmal aus dem Auto, um sich auch von Christoph Heusgen zu verabschieden, dem Hecker 2017 nachfolgte.

Für Merkel war der Jurist die logische Wahl. Ihre Zusammenarbeit hatte schon zwei Jahre zuvor begonnen, als sich der damalige Kanzleramtschef Peter Altmaier aus Innenministeriumszeiten an dessen Migrationsexperten Hecker erinnerte. Merkel machte ihn zum Leiter des Koordinierungsstabes Flüchtlingspolitik im Kanzleramt. In dieser Funktion fädelte er das EU-Türkei-Abkommen und eine neue Afrikapolitik mit ein. Hecker, der zuvor auch schon Richter am Bundesverwaltungsgericht gewesen war, rückte in den engsten Kreis um Merkel auf.

Der Mann an Merkels Seite

Der Deal mit den USA zu Nord Stream II war sein Werk

Als ihr außenpolitischer Berater stand er mit vielen Regierungszentralen der Welt im engen Austausch. Bei Telefonaten oder Treffen im kleinen Kreis saß er an Merkels Seite.

Kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt verschaffte Merkel ihrem langjährigen Vertrauten einen neuen Posten. Erst Ende August nahm Hecker seine Tätigkeit als Botschafter in China auf. Damit wollte die Kanzlerin auch nach ihrem Abgang für politische Kontinuität im Verhältnis zu Peking sorgen. Keine zwei Wochen später hat die Bundesregierung an diesem Montag Heckers „plötzlichen Tod“ in China bestätigt, der nicht mit seiner Arbeit zu tun haben soll. Der 54-Jährige hinterlässt eine Frau, drei Kinder und eine sehr traurige Angela Merkel: „Der Tod Jan Heckers erschüttert mich zutiefst.“