Totes Mädchen in Freudenberg Werden Kinder immer gewalttätiger?

In der evangelischen Kirche von Freudenberg liegt ein Kondolenzbuch für das ermordete Mädchen Luise aus. Foto: dpa/Roberto Pfeil

Das Entsetzen ist groß: Das Tötungsdelikt an einer Zwölfjährigen im nordrhein-westfälischen Freudenberg ist von zwei Mädchen im Alter von zwölf und 13 Jahren begangen worden. Nun werden Fragen zu einem besorgniserregenden Trend laut.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Nicht nur der gewaltsame Tod einer Zwölfjährigen im Siegerland in Nordrhein-Westfalen löst Betroffenheit in der Republik aus – sondern auch die Identität der mutmaßlichen Täter: zwei Mädchen, selbst nur zwölf und 13 Jahre alt. Die Hintergründe der Tat von Freudenberg sind noch unklar, und sie werden in der Öffentlichkeit wohl auch nur bedingt ans Tageslicht treten. Doch die Frage stellt sich: Werden nun auch Kinder immer gewalttätiger?

 

Im Südwesten erinnert die Bluttat schnell an den Tod eines 13-Jährigen in Sinsheim bei Heidelberg. Der Bub starb im Februar 2021 in einem Waldstück des Stadtteils Eschelbach durch mehrere Messerstiche. Zehn Monate später wurde ein 14-Jähriger, der in diesem Alter zumindest bedingt strafmündig ist, vom Landgericht Heidelberg zu einer Jugendstrafe von neun Jahren Haft verurteilt. Auch in diesem Fall wurde über die Beweggründe nichts bekannt. Ob etwa Eifersucht um ein zwölfjähriges Mädchen eine Rolle spielte, blieb aus Jugendschutzgründen nichtöffentlich.

Bei Kinderkriminalität steigen die Zahlen

Zu den dramatischen Fällen in jüngster Zeit zählt auch der gewaltsame Tod einer 15-Jährigen im niedersächsischen Salzgitter-Fredenberg im Juni vergangenen Jahres. Die Jugendliche wurde laut Polizei erstickt, als Tatverdächtige waren zwei Jungs im Alter von 13 und 14 Jahren ermittelt worden. Weil der Jüngere strafunmündig ist, wurde hier das Jugendamt eingeschaltet. Nach dem Gesetz sind Kinder schuldunfähig – was immer wieder die Debatte auslöst, die Schwelle auf deutlich unter 13 Jahren zu senken.

Wird es mit den Kindern immer schlimmer? Der Blick in diverse Kriminalstatistiken, die sich derzeit allerdings noch auf das Jahr 2021 beziehen, scheint eindeutig. In Stuttgart beispielsweise hat die Zahl der tatverdächtigen Kinder um mehr als 14 Prozent auf 382 zugenommen. In Baden-Württemberg sind die Zahlen um zwölf Prozent auf 7864 gestiegen – obwohl die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren insgesamt rückläufig gewesen ist. Noch auffälliger sind die Zuwächse im Landkreis Ludwigsburg, wo die Zahl der tatverdächtigen Kinder um 22,3 Prozent zugenommen hat – auf 444. Im Kreis Böblingen beträgt bei 269 Kindern der traurige Zuwachs fünf Prozent. Im Kreis Esslingen bedeuten 447 Kinder-Tatverdächtige ein Plus von 22 Prozent. Das Polizeipräsidium Aalen hat für die Landkreise Rems-Murr, Ostalbkreis und Schwäbisch Hall mit 623 Kindern einen Zuwachs von zehn Prozent.

Und doch „gesitteter als vor 20 Jahren“?

Doch ist das ein Trend der Neuzeit? Die Alarmglocken läuteten in der baden-württembergischen Landeshauptstadt auch schon in den 1990er Jahren. Ein Neunjähriger machte als Stuttgarts jüngster Räuber von sich reden, und die Zahl der sogenannten Intensivtäter stieg. 1999 wurde deshalb das Haus des Jugendrechts eröffnet, in dem sich Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendgerichtshilfe unter einem Dach um die jüngsten Tatverdächtigen kümmern. Das Wohnortprinzip gehört dabei zum Kern: Nicht wo die Tat begangen wurde, sondern dort, wo der Jungtäter wohnt, sind die Behörden zuständig. „Nach wie vor gibt es ganz junge Verdächtige, die man sich mal ins Haus holt“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann.

Dass alles immer schlimmer geworden sei – das kann der Kriminologe Dirk Baier vom Institut für Delinquenz und Kriminalprävention bei der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften nicht bestätigen. Zwischen den Jahren 2000 und 2005 habe es in Deutschland eine deutlich höhere Jugendgewalt gegeben, die sich bis 2015 halbiert habe. „Jugendliche verhalten sich heute gesitteter als vor 20 Jahren“, sagt Baier. Nur die Extremfälle seien deutlich „sichtbarer und werden lauter wahrgenommen“.

Brutalität mit neun und elf

Dabei handelt es sich nicht gleich um Mord. Im Dezember vergangenen Jahres beispielsweise wurde nördlich von Stuttgart, nämlich in Kirchheim am Neckar (Kreis Ludwigsburg), ein 13-Jähriger nach der Schule von einem Duo zusammengeschlagen und gegen den Kopf getreten. Das Opfer wurde erheblich verletzt. Die beiden Tatverdächtigen sind erst elf Jahre alt. Und Ende Januar dieses Jahres hatten eine Detektivin und eine Kundin in Eislingen (Kreis Göppingen) alle Mühe, einen Ladendieb dingfest zu machen. Der biss der Kundin in einen Finger und in den Arm. Seine Beute waren Süßigkeiten. Als räuberischer Diebstahl und Körperverletzung wird das nicht gewertet, denn der Dieb ist strafunmündig. Der Bursche ist erst neun.

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