Wenn Kinder trauern, verläuft das anders als bei Erwachsenen. Foto: IMAGO/Westend61/IMAGO/Anastasiya Amraeva
Wenn geliebte Menschen wie Mama oder Papa sterben, fangen viele Kinder schnell wieder an zu spielen. Obwohl sie unbeschwert wirken, trauern sie – nur eben anders als Erwachsene. Auch ihre Vorstellung vom Tod spielt dabei eine Rolle.
Leandra Fahrs Blick wandert durchs Wohnzimmer, er bleibt bei ihren Großeltern hängen. Die kennt sie, viele der anderen Menschen im Raum nicht. Die Stimmung ist bedrückt. Alle sind da, nur Papa nicht. Komisch, denn morgens waren sie noch zusammen im Schwimmbad.
Danach wollte ihr Vater ein Runde Motorrad fahren. Leandra fragt ihre Mutter, wo Papa ist. Er habe einen Unfall gehabt, antwortet die ruhig. Während ihr Bruder in Tränen ausbricht, beginnt Leandra zu zittern, dann muss sie sich übergeben. Was ihr Bruder sofort versteht, sie im ersten Moment aber noch nicht begreifen kann: Ihr Vater ist tot. Er ist bei dem Unfall gestorben.
Das ist inzwischen fast 17 Jahre her. Leandra und ihr Bruder waren damals noch Kinder. Sie zehn, er 13 Jahre alt. Obwohl Leandra rational wusste, dass ihr Vater tot ist, gab es eine Phase, in der sie dachte: Papa ist auf Geschäftsreise und kommt sicher bald wieder. Zu dieser Zeit wollte sie nicht wahrhaben, dass ihr Vater tot ist. Und sie war noch nicht alt genug, um zu verstehen, dass der Tod wirklich etwas Endgültiges ist.
Kinder müssen eine Vorstellung vom Tod erst entwickeln
„Erst ab etwa zwölf Jahren können die meisten Kinder überhaupt begreifen, dass der Tod das Ende des Lebens bedeutet und jeder sterben muss“, sagt Franziska Bobillier, die an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Ambulatorium in Biel in der Schweiz arbeitet. „Kleinere Kinder haben eine unspezifischere Vorstellung vom Tod als Erwachsene“, sagt die Kinder- und Jugendpsychologin.
Kinder- und Jugendpsychologin Franziska Bobillier Foto: Franziska Bobillier
Manchmal irritieren Kinder mit ihrem Verhalten im Zusammenhang mit dem Tod. Sie fangen an zu spielen, obwohl gerade erst ihre Mama gestorben ist, oder weinen vielleicht kaum. Sind sie gar nicht traurig?
Kinder trauern anders als Erwachsene
Die Trauer von Erwachsenen gleicht einem regelmäßigen Waten durch einen Fluss, die Trauer von Kindern gleicht eher dem Hüpfen durch kleine und große Pfützen. Ihre Trauer kommt und vergeht. In manchen Momenten wenden sie sich ihr zu, in anderen wiederum dem Leben. Viele Kinder tanken so Kraft und Energie, um wieder bereit für die nächste Trauerpfütze zu sein. Es sei vollkommen normal, wenn Kinder gerade noch fröhlich spielen, im nächsten Moment aber in Tränen ausbrechen, sagt Bobillier.
Teils verstehen Kinder noch nicht, dass die Mama oder der Papa wirklich nie wiederkommt. Warum also sollten sie weinen? Fachpsychologin Bobillier spricht von vier Aspekten, die von Kindern im Zusammenhang mit dem Tod nach und nach verstanden werden: Nonfunktionalität (Stillstand der Körperfunktionen), Endgültigkeit (Tod ist irreversibel), Allgemeingültigkeit (alle Lebewesen müssen einmal sterben) und Kausalität (Todesursache ist biologisch).
Vier Aspekte des Tods werden nach und nach verstanden
Das Erste, was Kinder verstehen, ist, dass der Tod einen vollständigen Stillstand der Körperfunktionen bedeutet. „Kleinkinder sagen ja oft: Auto tot. Und meinen damit, dass es kaputt ist“, erklärt Bobillier. Stirbt ein Elternteil in dieser Zeit, kann das besonders schwierig sein, weil Kinder noch nicht unterscheiden können, ob jemand tot ist oder nur schläft. Viele Säuglinge und Kleinkinder reagieren mit Irritation und weinen, wenn ihre Bezugsperson fehlt. Sie merken also, dass sich etwas verändert.
Etwa ab dem Grundschulalter verstehen die meisten Kinder den zweiten Aspekt – und zwar, dass der Tod etwas Endgültiges ist. Trotzdem denken viele noch: Wenn ich mir nur ganz fest wünsche, dass Mama oder Papa wieder zurückkommen, tun sie das auch. Diesem magischen Denken müsse man entgegenwirken, sagt Bobillier.
Man müsse klar sagen: „Ich kann verstehen, dass du dir das ganz fest wünschst. Aber Mama ist tot, sie kommt nicht wieder. Wollen wir vielleicht Blumen an ihr Grab bringen?“ Von Formulierungen wie „Die Mama ist eingeschlafen“ rät sie dringend ab. Das könne bei Kindern zu Ängsten und Schlafproblemen führen.
Auch Leandras Mama hat damals klar formuliert, dass ihr Papa tot ist. Trotzdem wollte sie alles nicht wahrhaben. Noch heute erinnert sie sich an eine Situation, als sie im Badezimmer stand und dachte: Alle haben einen Papa, nur ich nicht.
Damals war sie zwölf Jahre alt, ihr Vater bereits fast zwei Jahre tot. Was ihr half, war eine Trauerbegleitung. In der konnte sie über das Erlebte reden, zuerst allein, später in der Gruppe mit Gleichaltrigen. Es fiel ihr leichter bei aktiven Spielen, „ganz nebenbei“ über ihre Gefühle, ihren Schmerz zu sprechen. Und sprechen sei wichtig, betont Psychologin Bobillier.
Viele Kinder haben Fragen zum Tod
Meist ab dem Ende des Grundschulalters begreifen Kinder, dass alle sterben müssen. Auch denken viele in dieser Zeit, man kann dem Tod entgehen, wenn man brav ist. Zudem integrieren sie ihn in ihre Fantasiewelt oder personifizieren ihn, um ihn greifbarer zu machen.
Sie haben oft ein gesteigertes Interesse am Gruseligen und können deswegen auch nach Details fragen, die auf Erwachsene irritierend wirken können – wie etwa: „Kann ich den Schädel von Mama behalten?“ Außerdem können Fragen kommen wie: „Mama, und du stirbst dann auch?“, sagt Bobillier. Dann sei es wichtig, zu erklären, dass zwar jeder sterben muss, man sich aber auf das Hier und Jetzt konzentrieren kann.
Jugendliche wollen oft nicht über ihre Trauer reden
Mit etwa zwölf Jahren begreifen die meisten Kinder dann alle vier Aspekte des Todes. Jugendliche haben in dieser Zeit oft starke Gefühle, wollen aber nicht darüber sprechen. Sie ziehen sich zurück, wenden sich lieber Freunden statt den Eltern zu. Das könne für Letztere schwer sein, sagt Bobillier. Trotzdem sollte man die Jugendlichen nicht zum Reden zwingen, aber Angebote machen.
Sie schlägt vor, etwa beim Autofahren zu reden und nicht, wenn man dem Kind frontal gegenübersitzt, den Verlust in Alltagssituationen zu thematisieren. Man könnte zum Beispiel sagen: „Ich habe gerade einen Mann mit dem gleichen Motorrad gesehen wie Papa. Das hat mich traurig gemacht. Wie geht es dir denn damit?“
Trauerbegleitung kann helfen, mit dem Verlust umzugehen
Leandra Fahr ist heute 27 Jahre alt. Mit der Zeit hat sie gelernt, mit ihrem Verlust umzugehen – auch mithilfe der Trauerbegleitung. Sie hat daraus den Wunsch entwickelt, anderen zu helfen, die ebenfalls viel zu früh einen geliebten Menschen verlieren mussten.
Gerade macht sie die Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Und sie arbeitet parallel bei Lavia in Gelsenkirchen – einem Institut für Familientrauerbegleitung.