Tod von Hugh Hefner Der Verführer Amerikas

Hugh Hefner im Morgenmantel: er bediente Klischees, war aber vielschichtiger. Foto: dpa

„Playboy“-Gründer Hugh Hefner war der Architekt von Jungsfantasien. Nun ist er mit 91 Jahren gestorben. Bekannt wurde er für seine Vorliebe für Bunnys. Doch tatsächlich steckte in ihm auch ein Rebell.

Los Angeles - Es klingt wie ein letzter Witz am Männerstammtisch: 2009 sicherte sich Hugh Hefner das Grab neben Marilyn Monroe. Wer würde da, bitte schön, nicht bis in alle Ewigkeit liegen wollen, gab er damals zu Protokoll. Wo andere sich binden, bis der Tod sie scheidet, schlägt Hefner einen letzten Haken: Er bindet sich erst nach dem Tod – und dann auch noch an Marilyn Monroe. Die Verpflichtung kann er jetzt einlösen: Am Mittwoch starb der „Playboy“-Gründer im Alter von 91 Jahren in Los Angeles.

 

Mit der Ehe hatte es Hefner dreimal versucht – letztmals Silvester 2012. Weit mehr schien ihm jedoch das zwanglose Zusammenleben mit gleich mehreren Damen zu gefallen – er teilte seine Playboy-Mansion in Beverly Hills teilweise mit fünf Freundinnen gleichzeitig, allesamt gerade alt genug, um beim Champagner-Kauf nicht mehr nach dem Ausweis gefragt zu werden.

Mit dem 1953 von Hefner gegründeten „Playboy“-Magazin schuf er sich seine eigene Welt aus hemmungslosem, buntem Hedonismus. Sein etwas dünner, aber durchaus erfolgreicher Trick: Er verkaufte seine Vorlieben als beidseitige Emanzipation – für Männer und eben auch für die Frauen. Hefner rebellierte gegen das in den 1950ern gepflegte Familienbild vom arbeitenden Mann und der treu sorgenden Ehefrau, deren Lebensinhalt sich darauf beschränkt, die Kinder und den Mann zu umsorgen. Das „Playboy“-Magazin lieferte den Gegenentwurf. Gerade für Männer schien die Weltanschauung des „Playboys“ eine ultimative Win-win-Geschichte zu sein: keine Verpflichtungen, überall Geschlechtsverkehr und zwischendurch noch kurz einen Martini mixen und ein unnötig großes Auto kaufen.

Fragwürdig: Hefners Frauenbild

Für Frauen war da kein Blumentopf zu gewinnen, außer sich halb nackt für Hefner oder den „Playboy“ zu rekeln. Denn die weibliche Emanzipation ging Hefner mit denkbar billiger Methode an: In seiner Welt mussten Frauen weder kochen noch Kinder bekommen – es reichte völlig, wenn sie wie gemalt aussehen und sich bei etwaigem Bedarf als Spielkameradin („Playmate“) zur Verfügung stellen. Hefner selbst nannte das einen Kampf gegen die Prüderie des damaligen Amerikas. Er weckte wahlweise die Sehnsüchte verklemmter Männer oder lieferte ihnen die passenden Träume. Und das in einem Land, in dem viele Sexualpraktiken per Gesetz untersagt waren. Die „New York Times“ attestierte ihm, er habe Sex in Amerika „revolutioniert“. In Wahrheit war es wohl mehr eine Rebellion gegen sein streng religiöses Elternhaus.

Denn da war wenig Spaß zu holen. Vater Glenn, ein Wirtschaftsprüfer, und Mutter Grace lebten einen strikt religiösen Alltag. Und Hugh lebte in den Tag hinein. Bereits im Alter von acht Jahren verlegte er seine erste Zeitung – ein Nachbarschaftsblättchen. Als sonderlich kontaktfreudig wurde Hugh Marston Hefner trotzdem nicht beschrieben, der Junge galt als Tagträumer. Nach einem von der besorgten Mutter anberaumten Besuch beim Psychologen war klar: Der kleine Hefner war überdurchschnittlich intelligent, emotional allerdings vollkommen verkümmert. Er selbst führte das später auch auf sein Elternhaus zurück, in dem Liebesbekundungen, Wärme oder eine Umarmung Mangelware waren, dafür aber strikter Moralismus herrschte. Als ältestes von zwei Kindern flüchtete sich Hefner immer weiter in bunte Traumwelten, in denen rund um die Uhr und mit bestem Gewissen getrunken und gezockt wird und Sex auch ohne Trauschein und nicht nur zur Fortpflanzung stattfindet. Geheiratet hat der Psychologiestudent damals trotzdem: seine Kommilitonin Mildred Williams, zwei Kinder folgten. Seine Familie ernährte er als Illustrator und Werbetexter.

Hefners erster großer Coup war die Startausgabe seines Magazins „Playboy“ mit dem heute ikonischen Nacktfoto von Marilyn Monroe auf einem roten Samtlaken. Das Foto war entstanden, als die Monroe noch kein Star war. Es kostete ihn 500 Dollar und legte den Grundstein für seine Karriere als Verleger des „Playboy“-Magazins. Die 50 000 Hefte waren schnell vergriffen.

Gegen überkommene Moralvorstellungen rebelliert

Während die US-Öffentlichkeit in der Folge hitzig debattierte, ob da gerade sämtliche Sitten und die Moral über Bord gehen, baute Hefner den „Playboy“ zu einem Imperium aus Männerträumen aus und polemisierte munter gegen das, was ihm bereits als Psychologiestudenten missfallen hatte: die Moralvorstellungen der USA. Er „erfand“ das Centerfold: die ausfaltbare Seite im Heft, die bei Bedarf auch als Poster an die Wand oder in den Arbeitsspind gehängt werden konnte. Natürlich waren da nackte Frauen drauf. Und natürlich wusste er, dass er damit provozieren würde. 1955 prozessierte er erfolgreich gegen die Post, die sich weigerte, das Magazin an die Leser zu verschicken. Ab 1964 eröffnete Hefner in den USA die ersten exklusiven „Playboy“-Clubs und baute das zu einem Franchisemodell auf. Das Servicepersonal: knapp bekleidete junge Frauen mit Hasenohren und Puschel – die „Playboy“-Bunnys. Mit der TV-Show „Playboy After Dark“ ging er derweil seiner Leidenschaft für Jazz und Entertainment nach, spätestens Ende des Jahrzehnts war der „Playboy“ eine Marke – für alles, was Herren offenkundig Spaß bereitete. Anfang der 1970er Jahren verkaufte das „Playboy“-Magazin in den USA monatlich sieben Millionen Hefte.

Mit Hefner stirbt nun auch der Langstreckenläufer unter den Running-Gags: Man kaufe den „Playboy“ ausschließlich wegen der Reportagen und Interviews – nicht wegen der Brüste. Doch da war tatsächlich etwas dran: Ob Ray Bradburys Kampfansage „Fahrenheit 451“ an das Amerika der McCarthy-Ära, Kurzgeschichten von Autoren wie Ernest Hemingway oder John Updike, Interviews mit Malcolm X und Albert Schweizer – der „Playboy“ führte Popkultur, Kultur und Zeitgeist zusammen. So eckte Hefner auch bewusst im tief rassistischen Amerika an, indem er seitenlange Interviews mit afroamerikanischen Ikonen wie Miles Davis, Muhammad Ali oder Martin Luther King publizierte. Er machte sich für Homosexuelle stark. Selbst Rassisten kamen im „Playboy“ zu Wort: Hefner war der festen Überzeugung, eine Gesellschaft würde daran reifen, wenn auch unpopuläre Meinungen geäußert werden können. Vielleicht war Hefner damit einer der ersten Hipster, einer, der Design und Eleganz zum Lebensgefühl erklärte.

Das Netz und provokantere Magazine setzten seinem Geschäftsmodell zu

Die Glanzzeit des „Playboy“-Magazins sind freilich lange vorbei. Der Abstieg begann bereits Mitte der 1970er Jahre mit weitaus provokanteren Magazinen wie Larry Flynts „Hustler“ oder „Penthouse“. Spätestens mit dem Internet ging dann auch die hauseigene Kernkompetenz, spärlich bis gar nicht bekleidete Frauen zu zeigen, verloren. Natürlich gab Hefner in den vergangenen Jahren auch ein etwas trauriges, fast depressives Bild in seinem Morgenmantel ab: eine ewig andauernde Junggesellenabschiedsparty von einem, der nicht alt werden wollte und dennoch rasend alterte, weil er sich immerzu mit 20-jährigen Stars, Sternchen, Models und Glitzerpromis schmückte. Doch Hefner war das egal: Er lebte seinen Traum und lud jeden ein, der daran teilhaben wollte.

Jetzt bezieht er das Grab neben Marilyn Monroe. In seiner Welt ist das vielleicht sogar romantisch.

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