Tod zweier Frauen in Ludwigsburg „Ich sitze euch am Nacken“ – Onkel eines Opfers sagt Rasern den Kampf an

Der Unglücksort war kurz nach dem Tod der beiden jungen Frauen übersät von Beileidsbekundungen. Foto: Archiv (Simon Granville)

Ein Raser-Rennen hat Merve und Selin in Ludwigsburg das Leben gekostet. Ein Onkel kündigt den mutmaßlichen Tätern in sozialen Medien einen unerbittlichen juristischen Kampf an.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Der jähe Tod der beiden jungen Frauen Merve und Selin infolge eines Raserrennens in Ludwigsburg bewegt auch zwei Monate nach dem schrecklichen Ereignis die Menschen. Der Verlust der beiden ist für die Familie schwer zu verkraften. Ein Onkel von Merve drängt in sozialen Medien auf eine konsequente Strafverfolgung. Seine Wortwahl stößt allerdings – auch bei ihm nahe stehenden Personen – auf Widerspruch.

 

Der Tod der 22- und 23-Jährigen ist unfassbar tragisch. Die Freundinnen wollten am Abend des 20. März von einer Tankstelle aus auf die Schwieberdinger Straße einbiegen, als ein Mercedes-AMG mit mindestens 100 Stundenkilometern auf ihren Wagen prallte. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des Tatverdachts eines illegalen Autorennens. Die Fahrer der beiden mutmaßlich beteiligten Wagen sind inhaftiert.

Die Polizei ermittelte Ende März in der Nähe des Unfallortes und stellte Sachen aus einer Wohnung sicher. Foto: Archiv (KS-Images.de / C.Mandu)

Wie aber weiterleben, wenn der Schmerz bohrt und die mutmaßlichen Täter noch nicht verurteilt sind? Der Onkel eines der Opfer, nennen wir ihn L., postet immer wieder auf Facebook in einer Gruppe – dort tauchen sonst in erster Linie Verkaufsangebote auf. Das Vorgehen kommt nicht bei allen gut an. „Affentheater“ schreiben einige ärgerlich, während andere Verständnis äußern, dass L. seine Trauer auf diese Weise verarbeitet und eine gerechte Strafverfolgung anmahnt.

Die Beiträge drücken einerseits eine Kampfbereitschaft aus, wenn L. sich wie am 11. Mai an Merve und Selin wendet: „Wir als eure Familie und mittlerweile Tausende von Menschen kämpfen um Gerechtigkeit!“ In seinem Einsatz sieht sich L. jedoch stark beeinträchtigt: „Wir werden dabei beleidigt und bedroht!“ Beiträge würden gelöscht, weil die Administratoren eingeschüchtert worden seien.

Ihm nahe stehende Personen raten dem Onkel von Merve teilweise von weiteren Posts ab. „Lass deine Nichte und ihre Freundin in Frieden ruhen!“, schreibt ein Freund unter einem Pseudonym. „Die deutsche Justiz wird die Täter zur Rechenschaft ziehen und für eine gerechte Strafe sorgen. Es wird nicht besser, wenn dauernd hier auf Facebook gepostet wird und sich gegenseitig angezeigt wird.“

Selbstjustiz strebt L. nicht an. Er ruft auch nicht zu einer Straftat auf, macht sich also nicht strafbar. Sätze wie „Bis alle Beteiligte gefasst und verurteilt werden, werde ich allen Beteiligten am Nacken sitzen!“ in einem Post vom 10. Mai formuliert er immer im Kontext einer staatlichen Strafverfolgung und erwähnt die Ermittlergruppe der Polizei: „Die Kripo Urban bleibt an dem Fall dran!“

Dem Polizeipräsidium Ludwigsburg sind die Beiträge von L. bekannt. Sie werden dort als hilfreich erachtet. „Die Posts der Familien konnten eine Zielgruppe erreichen, die wir mit unseren offiziellen Pressemitteilungen vielleicht nicht gleichermaßen ansprechen können“, sagt Steffen Grabenstein, Sprecher des Polizeipräsidiums. Er berichtet von Rückmeldungen und Hinweisen, „die wir selbst durch unsere Medien vielleicht nicht erhalten hätten“.

L. lobte eine Belohnung von 10 000 Euro für Hinweise aus

Der Druck, den L. über die sozialen Medien aufbaut, richtet sich gezielt gegen die Familie der mutmaßlichen Raser. Ob der zweite Fahrer kurzzeitig freigelassen wurde, weil er durch Familienangehörige gedeckt worden war, wie L. durchblicken lässt, ist nicht erwiesen. L. lobte eine Belohnung von 10 000 Euro für Hinweise aus. In einem anderen Post beschwert er sich, jemand habe ihn wegen des Satzes „Ich sitze euch am Nacken“ anonym angezeigt. Auch habe man ihm gedroht, man werde etwa den Namen seines Arbeitgebers und seine Telefonnummer veröffentlichen.

Laut Polizeisprecher Grabenstein hat L. noch keine roten Linien überschritten, die den Bereich Hasssprache oder Aufruf zu einer Straftat markieren. Wohl aber liege eine Anzeige wegen Bedrohung gegen eine Person aus der Familie L. vor. Gegen wen sich die Anzeige richtet und was sie genau beinhaltet, dürfe die Polizei zum Schutz der Rechte der betroffenen Personen nicht mitteilen, teilt Grabenstein mit.

Saß ein Zwölfjähriger illegal am Steuer und hat er mit einer Waffe hantiert?

In einem seiner Posts berichtet L., er habe einen Zwölfjährigen aus der Familie der Tatverdächtigen in einem Video illegal am Steuer sitzen sehen. Auch habe der Junge in einer anderen Darstellung mit einer Waffe hantiert. „Entsprechende Sachverhalte wurden zur Anzeige gebracht“, bestätigt Steffen Grabenstein, die Ermittlungen dauerten an. Zu einer persönlichen Stellungnahme über sein Vorgehen war L. nicht erreichbar. Die Heilbronner Anwaltskanzlei, welche die Familie als Nebenklägerin vertritt, will sich dazu öffentlich nicht äußern.

Die Polizei rät, sich online wie im richtigen Leben zu verhalten

Generell kursierten – unabhängig vom Fall Merve und Selin – zahllose Spekulationen, Gerüchte und Falschinformationen in sozialen Medien, teilt die Polizei mit. Der Grat zwischen straffreier Meinungsäußerung und Straftaten wie etwa Beleidigung, Bedrohung, Nötigung, übler Nachrede oder Verleumdung ist laut Polizeisprecher Grabenstein sehr schmal. „Wir raten daher grundsätzlich dazu, sich in Chatgruppen oder Foren nicht anders zu verhalten als in der realen Welt auch.“

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