Die spanische Polizei findet die Leichen eines russischen Geschäftsmanns, seiner Frau und seiner Tochter. Das ist kein Einzelfall. Doch was steckt dahinter?

Korrespondenten: Martin Dahms (mda)

Vielleicht gibt es ein Muster, vielleicht entsteht das Muster nur im Auge des misstrauischen Betrachters. Seit Ende Januar sind sechs reiche russische Geschäftsleute unter teils merkwürdigen Umständen gestorben. Zuletzt der frühere Gashändler Sergej Protosenja, der erhängt im Hof seines Ferienhauses in Lloret del Mar an der spanischen Costa Brava gefunden wurde. Auch seine Frau und seine Tochter starben eines gewaltsamen Todes. Einen Tag zuvor war in Moskau die Leiche des ehemaligen Vizepräsidenten der Gazprombank, Vladislav Avayev, aufgetaucht, der offenbar erst Frau und Tochter und dann sich selbst erschossen hatte. Journalisten in Spanien und in den USA begannen zu recherchieren und stießen auf vier weitere Todesfälle in diesem Jahr, die ihnen verdächtig vorkamen. Vielleicht gibt es Zusammenhänge, vielleicht nicht.

„Mein Vater ist kein Mörder“

Die zuständigen Ermittler im jüngsten spanischen Fall gehen von einem familiären Hintergrund aus. In dem Polizeibericht, aus dem die Zeitung „El País“ zitiert, ist von Blutspuren am Trainingsanzug des 55-jährigen Protosenja die Rede, die darauf hindeuten, dass er erst Frau und Tochter umbrachte, bevor er sich selbst erhängte. Solche Indizien könnten natürlich auch professionelle Killer liefern. Der überlebende Sohn der Familie, der zur Tatzeit in Frankreich war, will jedenfalls nicht daran glauben, dass sein Vater erst die Mutter und die Schwester und dann sich selbst getötet haben soll. „Mein Vater ist kein Mörder“, sagte Fedor Protosenja britischen Medien. „Er liebte meine Mutter und besonders Maria, meine Schwester. Sie war seine Prinzessin.“ Skeptisch ist auch Andreu Garrigó, der Gründer und Präsident von Catrus Capital, der Protosenja über Geschäftskontakte kannte. „Viele hier denken, dass es sich um einen Auftrag handeln könnte“, sagte Garrigó im Gespräch mit dem deutschen Fernsehsender RTL. Doch wer der Auftraggeber sein soll, sagte er nicht.

Mysteriöse Todesfälle – alles Selbstmorde?

Der tote Protosenja gehörte bis 2015 zum Vorstand des größten privaten russischen Energieunternehmens, Nowatek, und zog sich dann schwerreich in den vorzeitigen Ruhestand zurück. Sein Vermögen wird auf gut 300 bis 400 Millionen Euro geschätzt.

Die US-amerikanische Wirtschaftszeitschrift „Fortune“ stellte in einem jüngst erschienenen Artikel die Liste der mysteriösen Todesfälle russischer Geschäftsleute in diesem Jahr zusammen. Danach starb Ende Januar Leonid Shulman, ein hochrangiger Gazprom-Manager, offiziell durch Selbstmord. Vier Wochen später soll sich ein anderer Gazprom-Manager, Alexander Tjuljakow, in der Nähe von Sankt Petersburg erhängt haben. Drei Tage später starb der russisch-ukrainische Ölbaron Mikhail Watford, ebenfalls erhängt, in der Garage seines Wohnhauses in der britischen Grafschaft Surrey. Am 24. März schnitt sich ein anderer Millionär, Vasily Melnikov, mutmaßlich in der Badewanne seiner russischen Wohnung die Pulsadern auf, nachdem er Frau und zwei Söhne erstochen habe – was seine Nachbarn nicht glauben wollen. Es folgten schließlich die Todesfälle Avayev und Protosenja. Gut möglich, dass der letzte Fall bald zu den Akten gelegt wird, als Doppelmord mit folgendem Selbstmord. Trotz aller Zweifel.