Todesurteil gegen Navid Afkari im Iran Gebete für den verurteilten Landsmann

Abdolmohammad Papi, hier bei einem Kampf für den ASV Schorndorf Foto: imago//Thomas Hahn

Der Ringer Abdolmohammad Papi, der selbst aus dem Iran geflüchtet und heute in Musberg zu Hause ist, ist erschüttert über das Todesurteil gegen Landsmann Navid Afkari und bezeichnet den Iran als „Unrechtsstaat“.

Sport: Dominik Ignée (doi)

Stuttgart - Das Todesurteil für den iranischen Ringer Navid Afkari erschüttert die internationale Sportszene. Ganz besonderes Entsetzen ist aus dem beschaulichen Musberg zu vernehmen. Dort ist Afkaris Landsmann Abdolmohammad Papi als Sparringspartner des Welt- und Europameisters Frank Stäbler beschäftigt. Papi selbst ist aus dem Iran geflüchtet und hat bei Stuttgart eine neue Heimat gefunden. „Ich kenne Navid persönlich und bin mit seinem Bruder auch sehr gut befreundet“, sagt Papi unserer Zeitung über den zum Tode verurteilten Afkari und übt Kritik an den Zuständen in seiner Heimat: „An solchen unfassbaren Urteilen sieht man, was für ein Unrechtsstaat der Iran ist und warum es auch unser Wunsch war, das Land zu verlassen. Ich bete für Navid, dass es noch eine Begnadigung für ihn geben wird.“

 

Viel Unterstützung und Zuspruch für Navid Afkari

Frank Stäbler schließt sich dieser Meinung an. „Ich bin erschüttert und sprachlos. Man ist auch erschüttert, weil man so hilflos ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die Welt auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam wird und die Todesstrafe gegen einen Unschuldigen doch noch verhindert wird“, sagt der Musberger.

Der 27 Jahre alte Ringer Afkari gilt als Talent. Nach Angaben der iranischen Justiz hat er bei einer Demonstration 2018 in der südiranischen Stadt Schiras einen Sicherheitsbeamten getötet. Afkari habe die Tat gestanden, hieß es. Der Sportler, seine Familie und Menschenrechtsorganisationen wehren sich vehement gegen diese Sichtweise und entgegnen, das Geständnis sei durch Folter erzwungen worden. Die zwei Brüder Afkaris, die mit ihm an den Protesten gegen das islamische Regime teilgenommen hatten, erhielten derweil hohe Gefängnisstrafen. Die Todesstrafe soll in sechs Jahren vollstreckt werden. US-Präsident Donald Trump, dessen Verhältnis zur Regierung in Teheran chronisch angespannt ist, hat den Iran aufgefordert, Afkari nicht hinzurichten.

Abdolmohammad Papi kam als Flüchtling nach Deutschland

Abdolmohammad Papi ist seit drei Jahren in Deutschland – und froh, den Iran hinter sich gelassen zu haben. Er bekam als Flüchtling einen Job als Trainer des KSV Musberg und von Frank Stäbler. Neunmal war er iranischer Meister, aber nie durfte er bei einer Weltmeisterschaft mitmachen. Warum? Weil er bei einer Militär-WM im Halbfinale gegen einen Ringer aus Israel kämpfen sollte – es aber nicht durfte. Iranern ist es nicht erlaubt, gegen Athleten aus Israel Wettkämpfe zu bestreiten. „Ich habe das nicht verstanden, denn wir sind Sportler, Politik ist da doch egal“, sagt Papi. Weil er sich diese Frage stellte, wurde er vom iranischen Verband für zwei Jahre gesperrt. „Deshalb habe ich mir gesagt: Ich muss hier weg.“

Papi flüchtete mit Frau und Sohn, seine Tochter wurde in der neuen Heimat geboren. Zuerst war er in den Niederlanden angekommen, danach führte die Odyssee nach Köln, Karlsruhe, Heidelberg, Welzheim und schließlich nach Oberaichen bei Musberg. Vor zwei Jahren bestritt er seine ersten Bundesligakämpfe für die Red Devils aus Heilbronn, später für den ASV Schorndorf. Zahlreiche Flüchtlinge haben es schwer, in Deutschland Fuß zu fassen – bei Papi war es anders. „Durch den Sport habe ich Freunde gefunden, den Job, die Wohnung. Ich bin sehr gut aufgenommen worden.“

Ein Beispiel für Migration und Integration in Perfektion

Zurück in den Iran möchte Papi auf keinen Fall. „Ich will wegen der Zukunft meiner Kinder hier bleiben“, sagt der Mann, der im Iran Sport studiert hat und in Deutschland eine Trainerausbildung macht. Sportlehrer zu werden, dafür könnte sich der 33 Jahre alte Ringer begeistern. Erst einmal gibt es aber ein anderes Ziel – und zwar Stäblers Auftritt bei den Spielen 2021 in Tokio. „Natürlich ist er Weltmeister, aber Frank wird deshalb Olympiasieger, weil er immer positiv ist – egal, ob er fit ist oder nicht“, sagt Papi, für den der Trainingspartner mehr ist als nur ein Freund: Wie Brüder seien sie. „Wir können über alles reden“, sagt Papi.

Seinem Musberger Partner verdankt der Iraner viel. Stäbler hat sich verdient gemacht um die vorbildliche Eingliederung des Abdolmohammad Papi. „Migration und Integration in Perfektion – so müsste die Überschrift lauten“, sagt Stäbler. „Er geht hier vollkommen auf. Ich habe mir große Mühe gegeben und – auf gut Deutsch – den Arsch aufgerissen, dass er hier mit seiner Familie eine Zukunft hat“, sagt der erfolgreiche Ringer. Zahlreiche Behördengänge und organisatorische Kraftakte musste der Schwabe auf sich nehmen, damit die Iraner in Deutschland ankern konnten. Das Schöne sei, dass ihm das Papi nun mit vollen Händen zurückgebe. „Er engagiert sich, macht einen super Job als Coach und hat innerhalb eines halben Jahres Deutsch gelernt.“

Es ist noch nicht ganz spruchreif, doch der Bundestag hat Abdolmohammad Papi vorgeschlagen für den Integrationspreis der Bundesrepublik Deutschland. Das ist zwar wunderbar – doch viel wichtiger ist ihm, dass Navid Afkari begnadigt wird.

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