Tödliche Gewalt in Stuttgart Erster Verdächtiger ist wieder auf freiem Fuß

Polizeibeamte suchen am Sonntagabend im Umfeld des Tatorts in Feuerbach nach Spuren der Bluttat. Foto: 7aktuell/Nils Reeh

Immer wieder werden bei Auseinandersetzungen in Stuttgart Messer eingesetzt – im jüngsten Fall hat dies tödliche Folgen. Die Ermittlungsgruppe Austria hat den Messerstecher wohl noch nicht gefunden.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Stuttgart - Ein blutiger Streit im Zentrum von Feuerbach hat einen 22-Jährigen am Sonntag das Leben gekostet. Passanten entdeckten den jungen Mann, als er gegen 17.30 Uhr im Bereich des Wilhelm-Geiger-Platzes mit Stichverletzungen unterwegs war, und alarmierten die Rettungskräfte. Doch letztlich kam für ihn jede ärztliche Hilfe zu spät – er starb im Krankenhaus.

 

Was passierte vor 17.30 Uhr? Im Umfeld des Platzes, etwa auf einer Treppe des Gymnasiums um die Ecke in der Klagenfurter Straße, finden sich Spuren einer Auseinandersetzung. Unter anderem hier sollen mehrere junge Männer in einen heftigen Streit geraten sein, was die Polizei später mit mehreren Täfelchen dokumentiert. Es flogen Fäuste, und, so zeigt es sich, es wurde auch mindestens ein Messer gezückt.

Die erste heiße Spur führt zu einer Tankstelle

Die Fahndung der Polizei verzeichnet wenig später einen ersten Erfolg. Etwa 300 Meter vom Tatort entfernt, bei einer Tankstelle an der Wiener Straße, gibt es reichlich Aufregung. Ein Beteiligter der Auseinandersetzung ist offenbar dorthin geflüchtet und hat sich zu verstecken versucht. Der 21-jährige Verdächtige wird schließlich doch von Polizeibeamten aufgespürt und festgenommen. „Er war aber nicht im Shop, sondern auf der Toilette im Außenbereich“, sagt der Tankstellenbetreiber. Das Männer-WC ist von außen zugänglich, ohne dass dafür vorher ein Schlüssel beim Tankstellenpersonal besorgt werden muss.

Ob es sich hier um den tatverdächtigen Messerstecher handelt oder nur um einen Beteiligten, das bleibt bis Montagnachmittag offen. Die Kriminaltechnik rückt auf dem Tankstellengelände an. In weißer Schutzkleidung werden umfänglich Spuren gesichert, die dem Festgenommenen zugeordnet werden und womöglich als Beweismittel im Ermittlungsverfahren dienen könnten.

Der Verdächtige hat selbst Schlagverletzungen

Der 21-Jährige wird am Montag ins Verhör genommen. „Der Beschuldigte selbst hat diverse Schlagverletzungen erlitten“, sagt die Stuttgarter Polizeisprecherin Ilona Bonn. Ob der junge Mann bereits polizeibekannt ist, ob die Tatwaffe gefunden wurde, darüber gibt es erst einmal keine Angaben. Die Ermittlungsgruppe Austria, wegen der Klagenfurter und Wiener Straße so benannt, sieht in dem 21-Jährigen nicht unbedingt den Messerstecher. Er wird am Montagnachmittag wieder auf freien Fuß gesetzt. Zeugenhinweise werden unter der Telefonnummer 07 11 / 89 90 - 57 78 entgegengenommen.

Für die Feuerbacher Bezirksvorsteherin Andrea Klöber ist das Umfeld des Wilhelm-Geiger-Platzes hinlänglich bekannt – der liegt schließlich vor der Tür des Bezirksrathauses. „Die Rathaustreppe und der Platz sind abends an den Wochenenden ein beliebter Treffpunkt von jungen Leuten, auch zum Vorglühen, bevor sie in die Stadt ziehen“, sagt sie. Bis hinüber zum Schulareal gebe es Treppen und Bänke, die als Treff für Gruppen genutzt würden. Mit Stadtbahnanschluss ist der Wilhelm-Geiger-Platz für Jugendliche aus diversen Quartieren im Norden ein besonders geeigneter Ort. Inklusive Rückzugsmöglichkeiten um die Ecke.

Bezirksvorsteherin kannte vor allem die Müllprobleme

„Das Problem ist der viele Müll am nächsten Morgen“, sagt Bezirksvorsteherin Klöber. Sie habe immer wieder Diskussionen mit den jungen Leuten. Die müssten sich natürlich irgendwo treffen können, sagt sie. Doch ähnlich wie am Eckensee, Max-Eyth- oder Feuersee als Hotspots gilt: „Für die Müllproblematik habe ich kein Verständnis.“

Andere Begleiterscheinungen sind Gewaltdelikte und Straßenraub. Zwei Wochen vor der Tat stiegen an der Stadtbahnhaltestelle drei junge Männer zu, die zwei 18-Jährige drangsalierten und am nächsten Halt zum Aussteigen und zu einem Bankomaten zwangen. In welchem Zusammenhang und mit welchen möglichen Motiven am späten Sonntagnachmittag der tödliche Konflikt losbrach, darüber sammelt die Ermittlungsgruppe noch Erkenntnisse.

In letzter Zeit viele blutige Messerdelikte

Dabei häufen sich in diesen Tagen die Messerkonflikte in der Stadt. Am 26. September, einem Sonntag, wurde in der Friedrichstraße in der Innenstadt ein 19-Jähriger durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt und musste notoperiert werden. Täter sollen fünf Männer gewesen sein. Ein Ermittlungserfolg ist hier noch nicht vermeldet. Am 24. September kam es am Bahnhof Zuffenhausen zu einem Streit, bei dem ein Heranwachsender seinen 45-jährigen Widersacher mit mehreren Messerstichen niederstreckte. Der Angreifer kam in Haft. Am 10. September wurde ein 21-Jähriger am Grillplatz im unteren Schlossgarten bei einem Streit unter 40 Beteiligten von einem 43-Jährigen niedergestochen.

Das Messer – besonders bei jungen Menschen ein Alarmfall. Der Zürcher Kriminologe Dirk Baier hat festgestellt, dass jeder dritte männliche Jugendliche in seiner Freizeit zumindest gelegentlich ein Messer dabei hat. Das habe vor allem mit einem zu tun: mit falsch verstandenen Männlichkeitsbildern Jugendlicher.

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