Die ersten Tränen fließen, als die Frau auf dem Zeugenstuhl des Stuttgarter Landgerichts die letzten Worte wiederholt, die sie aus dem Mund ihres Sohns gehört hat. „,Bis später‘, hat er gesagt“, so die Mutter des getöteten Lukas aus Asperg, der in der Nacht zum Karsamstag 2023 im Alter von 18 Jahren aus dem Leben gerissen wurde. Auch von den vollen Zuschauerplätzen ist Schluchzen zu vernehmen, als die 49-Jährige ihre Aussage macht. Der Vorsitzende Richter Matthias Merz zeigt Empathie. „Nehmen Sie ruhig ein Taschentuch“, sagte er in einer Redepause, als sie um die richtigen Worte ringt.
Mindestens 21 Schüsse aus nächster Nähe
Die drei 18 bis 21 Jahre alten Männer auf der Anklagebank, die wegen gemeinschaftlichen Totschlags, versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagt sind, schauen indes betreten mit gesenkten Köpfen zu Boden. Zu den Vorwürfen wollten sie sich auch am zweiten Prozesstag aber noch nicht äußern. Die Staatsanwaltschaft geht jedenfalls davon aus, dass sich das Trio mit Lukas und einem Freund in der Nacht zum 8. April auf einem Schotterparkplatz in der Nähe der Goetheschule in Asperg getroffen hat. Nach einem Wortgefecht habe einer der Angeklagten mindestens 21 Schüsse aus nächster Nähe abgegeben. Lukas starb noch direkt am Tatort, ein anderer 18-Jähriger wurde am Oberkörper und an den Beinen schwer verletzt.
Unklar ist bis heute das Motiv für die Tat. Die 2. Große Strafkammer versuchte dieses bei der Vernehmung von Lukas‘ Mutter ein Stück weit herauszuarbeiten. Er habe sich mit einem der Angeklagten zur Aussprache treffen wollen. Worum es genau gegangen sei, wisse sie nicht, erklärte die 49-Jährige. „Lukas konnte nicht sagen, was dahintersteckte. Für ihn war das Kindergarten“, so die Mutter weiter. Ihr Sohn hätte sich aber nie in eine Situation begeben, die er für potenziell gefährlich hielt. „Seine große Stärke war die Kommunikation. Er hat Probleme immer durch Reden gelöst.“
Fragen zu einem Urlaub in Spanien und Marokko
Eine größere Rolle spielte anschließend das Thema Drogen. „Lukas hat erzählt, dass er ab und zu mal einen Joint geraucht hat, auch Shisha“, sagte die Mutter. Von anderen Drogen wisse sie nichts. Dass er in größerem Stil mit Rauschgift gehandelt hat, mag sie sich nicht vorstellen. „Möglicherweise hat er mal was vercheckt. Aber er hatte keine Luxusartikel zu Hause, und auch nicht viel Geld auf seinem Konto“, so die 49-Jährige. Sie habe auch nie Klarsichtbeutel oder Ähnliches in seinem Zimmer gesehen.
Längere Nachfragen stellten die Richter dann zu einem Auslandsaufenthalt von Lukas im März vergangenen Jahres, der ihn nach Spanien und Marokko geführt hatte – beides Länder, die in Rauschgiftprozessen regelmäßig eine Rolle spielen. Sie habe erst kurz vor dem Urlaub per WhatsApp erfahren, dass ihr Sohn nach Spanien fliegen wolle, erklärte die Mutter.
„Er wollte wohl keine Diskussionen“, schob sie hinterher. Er habe geschrieben, dass er und sein Kumpel auch nach Marokko wollten, da der Flug so günstig sei. Mit wem er im Urlaub gewesen sei, wisse sie nicht. „Aber er hat mehrere Urlaubsbilder geschickt und auch zwei Aschenbecher als Souvenir mitgebracht“, so die Mutter weiter.
Sie bestätigte, dass ihr Sohn auch in Amsterdam gewesen sei. Dort habe ein Freund seinen Geburtstag gefeiert. Ihr sei später zu Ohren gekommen, dass es bei dem Streit am 8. April möglicherweise um ein Mädchen gegangen sein könnte. Sie wisse aber nicht, um welches. Ihr sei auch nicht bekannt, dass ihr Sohn ein Messer dabei gehabt habe. „Er hatte sonst höchstens mal ein Pfefferspray in der Tasche“, sagte sie. Laut Anklage hatten die Opfer jedoch beide ein Messer bei sich.
Das Begreifen kam erst am Tatort
Ebenfalls unter Tränen berichtete die Mutter, wie sie vom Tod des Sohnes erfahren habe. Er sei am Abend des 7. April „gut drauf“ gewesen. Als sie mit dem Hund spazieren gewesen sei, habe er ihr noch eine Nachricht geschickt und gefragt, ob sie gekocht habe, es rieche so verbrannt in der Wohnung. Sie habe am Abend dann ferngesehen, ihr Mann sei schon im Bett gewesen, als sie einen Hubschrauber über ihrem Haus gehört habe. Erst dann habe sie zum Handy gegriffen und gesehen, dass sie bereits fünf Anrufe von ihrem jüngeren Sohn hatte. „Er hat gesagt ‚Komm schnell zur Goethe-Schule, der Lukas ist erschossen worden’“, erzählte die Mutter. Sie habe das erst nicht glauben wollen – bis sie zum Tatort gekommen sei.
Angeklagte erzählen aus ihrem Leben
Zwei der Angeklagten ließen vor Gericht bei Angaben zu ihrer Person erkennen, dass sie kein ganz einfaches Leben gehabt hatten. Ein 18-Jähriger erklärte, er sei nach der Trennung seiner Eltern mit seinen drei Geschwistern bei der Mutter aufgewachsen. In der siebten Klasse sei er in seiner Gemeinschaftsschule suspendiert worden. Er habe dann die Vor-Qualifizierung für den Hauptschulabschluss gemacht, bis er festgenommen worden sei. Im Gefängnis habe er ein Anti-Aggressions-Training absolviert und sei jetzt weniger impulsiv.
Ein 21-Jähriger erklärte, seine Familie sei nach Serbien abgeschoben worden, als er zehn Monate alt gewesen sei. Mit acht Jahren sei er wieder nach Deutschland gekommen und habe die mittlere Reife hier gemacht. Einen Ausbildungsvertrag zum Feinwerkmechaniker habe er schon in der Tasche gehabt, bevor er festgenommen worden sei.
Der Prozess wird am 23. Januar fortgesetzt. Es sind weitere 18 Verhandlungstage angesetzt, das Urteil soll im April verkündet werden.