Warum? Diese Frage bleibt auch nach dem dritten Prozesstag zu den tödlichen Schüssen im April 2023 in Asperg offen. Ein Angeklagter und auch der heute 19-Jährige, der an dem Abend schwer verletzt wurde, kamen zu Wort. Beide konnten oder wollten nicht beantworten, was hinter der Tat steckt.
Zum Start der Verhandlung am Dienstag vor dem Landgericht Stuttgart blickte der Vorsitzende Richter Matthias Merz zunächst in Richtung der Verteidiger. Er habe gehört, dass eine Erklärung abgegeben werden sollte. Die Verteidiger eines der drei Angeklagten – einem 21-Jährigen – verlasen in seinem Auftrag eine Erklärung, in der er die Tat einräumte, also die Schüsse bei denen ein 18-Jähriger getötet und ein anderer schwer verletzt wurde: „Ich möchte die Verantwortung für mein Verhalten übernehmen.“
Whisky-Cola vor der Tat
Der Angeklagte führte aus, dass es ihm sehr leid tue, dass seinetwegen ein junger Mensch gestorben und einer verletzt worden sei. Er habe die tödlichen Schüsse in jener Nacht vom 7. auf den 8. April abgegeben. Des Weiteren las sein Anwalt vor, dass der Angeklagte zuvor zwei Tage mit Kokain durchgemacht habe und vor der Tat zwei bis drei Gramm Kokain geschnupft habe. Unter anderem habe er an dem Abend auch sechs Dosen eines Whisky-Cola-Gemischs zu sich genommen. Er sei von dem 21-jährigen Mitangeklagten gefragt worden, ob er mitfahren wolle. Es habe Stress gegeben mit einem Jungen. Er habe dann eine Waffe mitgenommen.
Am Treffpunkt in Asperg habe er dann die zwei jungen Männer gesehen und auch, dass sie Messer dabei hatten. Er habe Panik bekommen und geschossen. „Ich war selbst überrascht“, kommentierte der Angeklagte laut Erklärung, dass die Waffe mehrere Schüsse abgegeben habe. Im Anschluss seien sie geflohen, und er habe sich im Ausland versteckt. Er habe aber ein so schlechtes Gewissen gehabt, dass er zurückgekommen sei und sich gestellt habe.
Opfer hat mit den Folgen zu kämpfen
Da Nachfragen nicht gestattet waren, ging das Gericht anschließend zum nächsten Punkt über. Das überlebende Opfer der Tat trat in den Zeugenstand. Der heute 19-Jährige absolviert eine Lehre zum Industriemechaniker. Er wurde bei der Tat an Schulter und Bein verletzt. 13 Tage war er im Anschluss im Krankenhaus, noch heute ist seine Schulter nicht voll hergestellt.
Im Zeugenstand schilderte er die Ereignisse aus seiner Sicht. Er sei gegen 20 oder 21 Uhr nach Asperg gekommen und habe dort Lukas getroffen, seinen gleichaltrigen Freund, den er, seit er elf oder zwölf Jahre alt war, kannte. Sie hätten sich fast jeden Tag gesehen und zusammen „gechillt“, wie der 19-Jährige erklärte. In Asperg sei der Pausenhof der Goethe-Schule einer der Treffpunkte gewesen. So auch an diesem Abend. Neben Lukas seien auch andere dort gewesen. Wer genau, könne er aber nicht mehr sagen. Lukas habe gerade über Lautsprecher telefoniert. Dabei sei es um einen Streit gegangen. Er, der Zeuge, habe dann ins Telefon gesagt, dass man das vor Ort in Asperg klären könne. „Worum ging es in dem Streit?“, war nur eine der vielen Nachfragen des Vorsitzenden Richters. Das wisse er nicht, so der 19-Jährige am Dienstag.
Täter nur schemenhaft gesehen
Die Gegenseite sei dann auf jeden Fall nach Asperg gekommen zu dem verabredeten Treffpunkt auf dem Schotterplatz. Dort hatten er und Lukas gewartet. Drei bis vier Leute seien aus einem BMW X7 ausgestiegen, der im Lichtschatten von Bäumen geparkt hatte. Deshalb konnte der Zeuge nur schemenhaft Gestalten erkennen.
Einer habe sinngemäß gerufen „Wer will Stress mit meinem Cousin?“. Daraufhin habe er gerufen „ich“ und habe seine Schritte hin zum Auto beschleunigt, ohne zu rennen. Er sei vor Lukas gewesen und habe dann plötzlich Vibrationen am Körper wahrgenommen – die Schüsse. Dann sei er zu Boden gesunken und habe gerufen, man solle einen Krankenwagen rufen. Lukas habe er nicht gesehen, nur gehört, dass andere Leute am Tatort gesagt hätten, er sei tot.
Ein 30 Zentimeter langes Messer hatte der Zeuge dabei. Warum? Das habe er immer dabei, um auf alles vorbereitet zu sein, so seine Antwort. Gezogen habe er das Messer in jener Nacht aber nicht. Richter Merz drückte mit seinen Nachfragen mehrmals das aus, was sich die meisten Zuhörer gefragt haben dürften: Wie kann eine Streitigkeit, deren Ursprung man nicht kennt, überhaupt zu einer körperlichen Auseinandersetzung, geschweige denn, einem bewaffneten Konflikt führen? Die Antwort blieb auch der dritte Prozesstag schuldig.
Offensichtlich bewegten sich die beiden Opfer in Kreisen, in denen körperliche Auseinandersetzungen, Streits und klärende Gespräche oder Treffen keine Seltenheit waren. Das zeigt eine Begebenheit, die sich wenige Wochen vor der Tat ereignete und bei der der Zeuge gegen ein Auto trat. Dass es dabei oft um Nichtigkeiten ging, ist kaum zu fassen. Deshalb auch die vielen Nachfragen des Vorsitzenden Richters, ob ein Mädchen die Ursache gewesen sei, oder Drogen. Davon wisse er nichts, so der Zeuge.