Tödlicher Unfall in Esslingen Hohe Dunkelziffer bei Kohlenmonoxid-Vergiftungen

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Der Unfall in Esslingen, bei dem eine vierköpfige Familie mutmaßlich an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben ist, ist kein Einzelfall. Allein 2015 sind 648 Menschen zu Tode gekommen, weil sie das farb- und geruchlose Gas eingeatmet haben.

Das Unglück ereignete sich in einem Neubau. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttgart
Das Unglück ereignete sich in einem Neubau. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttgart

Esslingen - Kohlenmonoxid-Vergiftungen (CO-Intoxikationen) sind weltweit die Hauptursache für tödliche Vergiftungen. Das Statistische Bundesamt (Destatis) verzeichnete für 2015 insgesamt 648 Todesfälle durch die „toxische Wirkung von Kohlenmonoxid“. Es ist der höchste Wert seit 1998 (477). Davon sind laut Statistik 146 Vergiftungen auf Unfälle sowie 347 auf „vorsätzliche Selbstbeschädigung“ (etwa Suizid) zurückzuführen. Laut Axel Hahn, Toxikologe am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vergiften sich geschätzt mehr als 3000 Menschen in Deutschland mit Kohlenmonoxid. „Wie viele es wirklich sind, wissen wir nicht, weil es in Deutschland kein Vergiftungsregister gibt.“ Wegen ihrer unspezifischen Symptomatik werde eine Kohlenmonoxid-Vergiftung oft nicht erkannt oder falsch gedeutet.

Was macht CO so gefährlich?

Kohlenmonoxid (CO) ist ein farb-, geruch- und geschmackloses Gas, das sogar durch Betondecken und Wände dringt. Kohlenmonoxid entsteht, wenn kohlenstoffhaltige Materialien wie Öl, Gas, Holz, Pellets oder Grillkohle bei hoher Temperatur verbrannt werden und gleichzeitig die Sauerstoffzufuhr nur gering ist. Das Gas ist deshalb so hochgiftig, weil es das Hämoglobin im Blut bindet und den Transport von Sauerstoff unmöglich macht. Beim Hämoglobin handelt es sich um Eiweiße (Proteine), die in den roten Blutkörperchen Sauerstoff binden und ihnen ihre rote Farbe verleihen.

Was verursacht CO-Vergiftungen?

Typische Vergiftungsquellen sind Brände, defekte Gasthermen, Zier- und Heizkamine, die bei ungenügender Luftzufuhr und -abfuhr Kohlenmonoxid freisetzen können. CO-Vergiftungen kommen häufig vor bei Rauchgasvergiftungen und der Minenkrankheit, die durch Einatmen giftiger Gase im Bergbau entsteht. Auch suizidale CO-Intoxikationen, also absichtliche Vergiftungen, spielen in der Statistik eine Rolle. Wenn man Ameisensäure und Schwefelsäure vermischt, entsteht Kohlenstoffmonoxid. Gibt man Sauerstoff hinzu, verbrennt Kohlenmonoxid in blauer, durchsichtiger Flamme zu Kohlenstoffdioxid.

Wie verläuft eine CO-Vergiftung?

Zu Beginn klagen die Betroffenen über Übelkeit und Schwindel. Im Verlauf der Vergiftung kommt es zu Bewusstseinstrübung bis hin zum Koma, Herzrhythmusstörungen und schließlich zum Tod durch Hirnschwellung, Atem- und Kreislaufversagen. Sind mehr als 70 Prozent des Hämoglobins im Blut mit Kohlenmonoxid belastet, stirbt man innerhalb weniger Minuten. Viele der Opfer, die die Vergiftung überleben, haben zeitlebens unter bleibenden Schäden am Herzen und Nervensystem wie zum Beispiel Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Psychosen, Bewegungsstörungen, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen zu leiden.

Wie verhindert man CO-Ausstoß?

„Probleme treten erst auf, wenn die Verbrennung nicht sauber läuft, weil zu wenig Luft zur Verfügung steht“, erklärt Uwe Redeker, Technikexperte beim Fachverband Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK) Bayern. Viele ältere ältere Gasheizgeräte, die an einen Schornstein angeschlossen sind, entsprächen nicht mehr den Sicherheitsbestimmungen des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW), betont Nikolaus Fleischhacker, Geschäftsführer der Oranier Heiztechnik im hessischen Haiger. „Ältere Geräte haben keine Vorrichtung zur Abgasüberwachung. Diese Sicherung ist im Zweifelsfall sogar lebenswichtig, da sie vermeidet, dass gesundheitsschädliche Abgase in den Wohnraum gelangen können.“