Wer verbirgt sich in der Geburtstagstorte? Nein, es ist weder eine Stripperin noch der Mörder, sondern Bill Kaulitz. Foto: ARD Degeto Film/ORF/Constantin Entertainment/Willi Weber
Bill Kaulitz springt aus einer Torte, und die „Tatort“-Kommissare aus Münster veranstalten eine mörderische Party. Am Samstag hat das Erste den Live-Krimi „Tödliches Spiel“ gezeigt.
Drunter und drüber geht es zu in den MMC-Studios in Köln-Ossendorf. Im Foyer verknäulen sich zwei Warteschlangen. Die eine Schlange führt zur Pro-Sieben-Show „The Masked Singer“, die seit Jahren eine sichere Sache ist, wenn es darum geht dem Sender hohe Einschaltquoten zu sichern. Die andere zu einem TV-Experiment, das sich etwas traut: zu „Tödliches Spiel“ – einem improvisierten Live-Krimi, bei dem das Erste am Samstagabend zur besten Sendezeit einige der beliebtesten Schauspielerinnen und Schauspieler aus Deutschland und Österreich aufeinander loslässt.
Aufgeregte „Tatort“-Kommissare
So eine Showreise ins Unbekannte, die mehr mit Theater als mit Fernsehen zu tun hat, ist selbst für TV-Publikumslieblinge wie Axel Prahl und Jan Josef Liefers, die man vor allem als Ermittlerteam aus dem „Tatort“ aus Münster kennt, eine harte Nuss. Als sie sich wenige Minuten bevor die Show live auf Sendung geht, auf der Bühne in Köln einfinden, merkt man ihnen die Anspannung an, die auch der frenetische Applaus des Studiopublikums nicht ganz wegwischen kann. „Bei Improvisationen geht’s ja nicht ohne Angst, weil man keinen doppelten Boden hat“, wird hinterher der Comedian Max Giermann zugeben, der ebenfalls bei dem Krimi dabei ist: „Insofern hat man bei so einer Live-Sendung total Angst, dass man irgendwas ganz Peinliches macht oder sagt und das dann die ganze Nation sieht.“
Das „Tödliches Spiel“-Ensemble (von links): Andrea Sawatzki, Annette Frier, Verena Altenberger, Uwe Ochsenknecht, Jan Josef Liefers, Martina Hill, Max Giermann, Axel Prahl, Juergen Maurer, Jessy Wellmer, Serkan Kaya, Bill Kaulitz Foto: Constantin Entertainment/ARD Degeto/Willi Weber
Und wenn man jenen Menschen glaubt, die gerne auf Social-Media-Plattformen wie X solche Shows in Echtzeit kommentieren, gab es einige solche peinliche Szenen. „Es ist wie ein Unfall. Ich kann nicht wegschalten“, schreibt einer. „Die zwei Stunden bekomme ich nicht wieder“, ein anderer. Und jemand anderes fasst den Abend mit den Sätzen zusammen: „ARD ist, wenn Bill Kaulitz mit seiner Anwesenheit einen Pseudo-Krimi rettet. Kannste Dir nicht ausdenken.“
„Schillerstraße“, „LOL“, „Mord im Dunkeln“
Tatsächlich erweist sich bei der Show „Tödliches Spiel“ Bill Kaulitz, der als Partyplaner Angel den beiden Spielleitern Harry (Axel Prahl) und Maurice (Jan Josef Liefers) assistiert, als der Star des Abends. Er wird aus einer Torte springen, immer zur falschen Zeit Konfettikanonen zünden und als ein Sensenmann an die Tür klopft, schreit er auf: „Der sieht ja aus wie mein Bruder!“
Die Show ist ein Mix aus „Schillerstraße“, „LOL“ und dem Partyspiel „Mord im Dunkeln“, folgt dem Setting, das man aus unzähligen Whodunnit-Krimis von Agatha Christie kennt: In einem Schloss im Schnee wird der 70. Geburtstag des Spielekönigs Maximilian Kampstahl (Uwe Ochsenknecht) gefeiert. Doch schon beim Sekt-Anstoßen fällt seine neue Ehefrau Zoé (Martina Hill) tot um – vergiftet – und das Rätselraten, wer von den Partygästen der Mörder oder die Mörderin ist, beginnt: War es der exzentrische Sohn (Max Giermann), die psychisch kranke Tochter (Verena Altenberger), deren fürsorgliche Partnerin (Annette Frier), der Anwalt mit Geldproblemen (Serkan Kaya), der grimmige Bodyguard (Juergen Maurer) oder der Spielekönig selbst? Zwischen den Akten befragt Moderatorin Jessy Wellmer einige TV-Kommissare, wen sie für den Mörder halten, während das Fernsehpublikum per Anruf seinen Tipp abgeben kann – und die Mehrheit wird richtig liegen – wie man nach rund zweieinhalb Stunden erfährt.
Wer hat David Alaba im Bad versteckt?
Zuvor herrscht bei dieser mörderischen Geburtstagsparty ein ähnliches Durcheinander wie vor der Show im Foyer des TV-Studios. Viele Handlungsstränge führen ins Nichts: Was soll die Geschichte mit dem versteckten Fahrstuhl? Wieso kommt der Sensenmann vorbei? Warum taucht plötzlich Andrea Sawatzki als Ex des Firmenchefs auf? Wer ist auf die Idee gekommen, den österreichischen Fußballnationalspieler David Alaba im Bad zu verstecken? Warum hat ein Partygast einen epileptischen Anfall? Und was haben die Zarrellas mit dem ganzen Chaos um den Kampstahl-Familienclan zu tun?
Wenn man Schauspieler und Comedians in einem Raum oder auf eine Bühne sperrt, können dabei zwar ziemlich witzige Sachen herauskommen – wie zum Beispiel in „LOL“ oder „Schillerstraße“. Wenn man ihnen aber sagt, seid witzig, improvisiert Dialoge, reagiert spontan auf szenische Einfälle und erzählt dabei auch noch einen spannenden Krimi, verlangt man zu viel von ihnen.
TV-Experiment gescheitert
„Tödliches Spiel“ hat zwar einige großartige Momente. Die Unberechenbarkeit des Formats bringt immer wieder auch kuriose Dinge hervor. Und dass die Show live gesendet ist, merkt man auch daran, dass es zum Beispiel eine ziemlich gewagte Bemerkung über die Kessler-Zwillinge in die Sendung geschafft hat. Doch dieser Live-Krimi will zu viel, zerfasert im Verlauf des Abends. Der Plot ist so verdreht, dass das Mitraten nicht wirklich Spaß macht. Der erste Akt ist zu lang und das Krimikonstrukt so konfus, dass Liefers und Prahl am Ende minutenlang – und nicht wirklich überzeugend – erklären müssen, wer warum den Mord begangen hat, und welche Indizien ihn angeblich im Verlauf des Abends verraten haben.
Zumindest diesmal ist das TV-Experiment gescheitert. Aber das sollte die Verantwortlichen nicht davon abhalten, es ein zweites Mal zu versuchen. Vielleicht mit anderen Partygästen, aber bitte unbedingt wieder mit Bill Kaulitz!