Tönnies-Schließung aufgehoben Der Schlachtbetrieb läuft neu an
Die in die Corona-Schlagzeilen gekommene Firma Tönnies produziert wieder – unter anderen Bedingungen. Das verspricht Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl-Josef Laumann.
Die in die Corona-Schlagzeilen gekommene Firma Tönnies produziert wieder – unter anderen Bedingungen. Das verspricht Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl-Josef Laumann.
Düsseldorf - Tausende Bauern sind erleichtert: Weil der große Tönnies-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück nun schrittweise wieder öffnet, wird sich auch der „Stau“ an schlachtreifen Schweinen auflösen, den es zuvor in vielen Ställen gegeben hatte. Aktuell stehen noch etwa 400 000 Tiere in der „Warteschleife“, wie die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) mitteilt. Etwa 6000 Bauern konnten ihre Tiere nicht an Schlachtbetriebe abgeben, was zuletzt einen Umsatzverlust von 20 Millionen Euro in der Woche ausmachte.
Von der Situation waren Landwirte im Südwesten nicht direkt betroffen, weil ihre Mastschweine nach Angaben des Stuttgarter Agrarministeriums fast durchweg im Süden der Republik geschlachtet werden. Allerdings ist wegen des Überangebots an Tieren der Schweinepreis bundesweit gesunken, wie Padraig Elsner vom Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband mitteilt. Derzeit liege der Preis bei etwa 1,70 Euro je Kilo, im Frühjahr habe er noch zwei Euro betragen.
Maskenpflicht, regelmäßige Corona-Tests, Plexiglas-Trennscheiben und Abstand zwischen den Beschäftigten sowie ein stetiger Luftaustausch: All das muss es bei Tönnies jetzt geben. „Tönnies wird völlig anders arbeiten“, so der Arbeitsminister von Nordrhein-Westfalen, Karl-Josef Laumann (CDU). Die Frage, ob damit der Betrieb, in dem bisher etwa 20 000 bis 25 000 Tiere täglich geschlachtet wurden, auf Dauer an Kapazität einbüßt, beantwortet Unternehmenssprecher Andre Vielstädte so: „Wir werden stufenweise den Betrieb anfahren, um dann zu schauen, welche Kapazitäten wir unter den Auflagen des Hygienekonzepts erreichen.“
Die Firma Westfleisch ist da schon einen Schritt weiter. Ihr Schlachthof in Coesfeld lag ebenfalls wegen Corona-Ausbrüchen in der Belegschaft wochenlang still. Seit dem 23. Juni gilt dort ein strenges Hygienekonzept. Man liege aktuell noch 20 bis 30 Prozent unterhalb der früheren Kapazität, heißt es bei Westfleisch. Schätzungen in Branchenkreisen besagen, dass wegen der verschärften Regeln zehn bis 15 Prozent weniger Schweine geschlachtet werden als vor Beginn der Pandemie – und zwar auf Dauer. 2018 wurden in Deutschland nach Angaben des Bundesforschungsinstituts für ländliche Räume 56,7 Millionen Schweine geschlachtet.
Die deutsche Schweinebranche, die mit Spanien und den USA zu den weltweit größten Exporteuren gehört, könnte somit einen gewaltigen Umbruch erleben. So hatte China einen Importstopp für Tönnies-Produkte verhängt. Man stehe jetzt mit den chinesischen Behörden in Kontakt, sagt Tönnies-Sprecher Vielstädte. Es gebe aber noch keinen Beschluss, dass der Stopp aufgehoben wird. Mit einiger Sorge beobachten die Schlachtbetriebe die weitere Entwicklung. Sie stehen ohnehin vor einem Strukturwandel, weil die betäubungslose Ferkelkastration von Januar 2021 an verboten sein wird. Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) betont, dass sie an diesem Datum festhalte.
Damit müssen die Ferkelhalter etwa 12 000 Euro für ein Betäubungsgerät ausgeben, was für kleinere Betriebe, wie es sie gerade in Süddeutschland gibt, eine beachtliche Investition bedeutet. Der Ferkelpreis ist schon auf 39 Euro gefallen und könnte weiter sinken, wenn die Schlachtkapazität auf Dauer unter dem bisherigen Niveau bleibt. Zudem haben die deutschen Betriebe starke Konkurrenz in Dänemark oder Holland.
Derzeit steht somit nur fest, dass die deutsche Fleischwirtschaft das Horrorszenario vermeiden konnte, das es in den USA gab. Dort führten im Frühjahr Schlachthofschließungen dazu, dass unzählige Nutztiere gekeult und auf Deponien gekippt wurden. Allerdings zeigt sich in Deutschland jetzt ein Versäumnis der vergangenen Jahre. Die Fachwelt diskutiert schon lange, wie ein Agrarsystem funktionieren kann, das nicht zuletzt wegen des Gewässerschutzes weniger Fleisch erzeugt – und zugleich dem Landwirt auskömmliche Preise erlaubt. Bund und Länder sind von einer Antwort auf diese Frage aber meilenweit entfernt.